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StartseiteForschung aktuellAsse unter Druck19.02.2010

Asse unter Druck

Durch Wassereinbruch könnten Gase entstehen

Kerntechnik. - 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall lagern im alten Salzbergwerk Asse II. Die Grube ist marode, ein Wassereinbruch könnte die geplante Rückholung der Fässer unmöglich machen. Ein Geologe warnt, dass auch Gase entstehen können, wenn das Bergwerk geflutet wird.

Von Björn Schwentker

Förderturm Schachtanlage Asse II in Remlingen bei Wolfenbüttel (AP)
Förderturm Schachtanlage Asse II in Remlingen bei Wolfenbüttel (AP)
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In der engen Stahlkabine des Aufzugs rücken die Bergleute zusammen. Die Lichtkegel ihrer Grubenlampen tanzen über den Boden, während die Kabine in die Tiefe des Schachts saust. Um Salze abzubauen, trieben die Bergleute einst über 100 große Kammern in das Gestein. Was entstand, war ein Hochhaus mitten im Berg. 13 Stockwerke gewaltiger Kavernen bis zu einer Tiefe von 750 Metern.

Auf 490 Metern hält der Aufzug. Von hier aus geht es in einem offenen Wagen weiter. Ein Tunnel führt zickzackförmig immer weiter in die Tiefe. Dorthin, wo die Atomindustrie in den 60er und 70er Jahren ihren Müll preisgünstig ablud. Probeweise, wie es damals hieß. Doch dann blieb der Abfall. Das Forschungsbergwerk wurde zum Endlager. Auf 658 Metern Tiefe hält der Wagen an. Ulrich Kleemann klettert heraus und steigt die hölzernen Stufen zu einer schwarzen Tür empor. Kleemann ist technischer Geschäftsführer der Asse-GmbH, die für das Bundesamt für Strahlenschutz den Betrieb auf der Schachtanlage regelt.

"Das ist eine große Abbaukammer, 60 mal 40 Meter von den Dimensionen her, und man hat hier unten eine Folie ausgelegt und darüber dann eine Kiesschicht, um sicher zu stellen, dass man möglichst viel von den eindringenden Wässern dann hier auch erfasst, man kann an einigen Stellen hier Stalaktiten sehen, wo also wirklich hier aus dem darüber liegenden Gebirge dann die Wässer zutreten."

Etwa 100 Badewannen voll Wasser sickern täglich durch den Kies. Von dort fließt es in ein Becken vor der Drainagen-Kammer. Bisher ist es täglich die gleiche Menge. Es muss aus riesigen Reservoiren im Deckgebirge kommen, genau weiß man es nicht. Klar ist aber: Irgendwann wird das Wasser von dort plötzlich in gewaltigen Mengen durchbrechen.

"Das wäre natürlich dann ein Punkt, wo man sagt, also hier ist eine Entwicklung, die in Richtung eines unbeherrschbaren Zutritts führt."

Die Asse würde absaufen. Jeden Tag könnte es so weit sein. Was dann an Atommüll noch nicht rausgeschafft ist, muss drin bleiben. Und könnte in Zukunft Menschen und Umwelt kontaminieren. Dass diese Gefahr ist, sagte der Geologe Ralf Krupp schon vor einem Jahr gegenüber dem Deutschlandfunk. Krupp gehört zu den kritischen Wissenschaftlern, die die Schließung der Asse auf Einladung des Bundesamtes für Strahlenschutz begleiten:

"In dem Moment, wo Wasser zutritt, wo Lösungen zutreten, können sich durch Korrosionsprozesse sehr große Gasmengen bilden aus den Abfällen. Das heißt: Wenn Stahlblech beispielsweise mit Salzlösung in Kontakt kommt und oxidiert, dann wird Wasserstoff freigesetzt."

Zum Wasserstoff kommt ein großes Volumen an Methan, das aus organischen Abfällen wie Putzlappen oder Tierkadavern entsteht. Ralf Krupp hat jetzt ausgerechnet: Innerhalb von nur 50 Jahren könnte sich unterirdisch ein so hoher Druck aufbauen, dass das Gas an die Oberfläche durchbricht – und Flüssigkeit mitreißt, in der strahlender Müll schwimmt.

"Und wenn man einen solchen Blow-out tatsächlich bekommen würde, würden innerhalb von Stunden oder Tagen diese Gase entweichen und könnten dann in relativ kurzer Zeit zu relativ hohen Strahlenbelastungen in der Biosphäre führen."

Die Schlussfolgerung des Geologen Ralf Krupp: Wenn Flüssigkeit an den Asse-Müll kommt, ist die Bevölkerung auf keinen Fall mehr sicher. Das gelte nicht nur für den Fall, dass Grundwasser in die Grube einbricht. Sondern auch, falls der Schacht doch noch mit einem so genannten "Schutzfluid" geflutet werden sollte - weil sich erweist, dass die Rückholung des Mülls nicht machbar ist. Denn das Schutzfluid – eine Magnesiumchlorid-Lösung – verhindert zwar, dass sich das Salzgestein des Grubengebäudes im Wasser auflöst. Doch es lässt die Stahlblechfässer besonders schnell durchrosten. Und das bedeute schnell viel Gas, sagt Ralf Krupp. Die Vollverfüllung mit dieser Mixtur dürfe darum keine Option für die Lösung des Asse-Problems sein.

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