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StartseiteEuropa heuteAstrologie um den humpelnden Mann im Kreml05.11.2012

Astrologie um den humpelnden Mann im Kreml

Spekulationen um Putins Gesundheit

Kreml-Astrologie wurde zu Sowjetzeiten der Versuch der Politologen genannt, etwas über die Befindlichkeiten des sowjetischen Politbüros und damit über den Zustand des ganzen Landes zu erfahren. Und auch um Wladimir Putin brodelt die Gerüchteküche, weil er zuletzt schmerzverzerrt humpelte.

Von Mareike Aden

Die Beliebtheitswerte von Wladimir Putin bröckeln. (picture alliance / dpa)
Die Beliebtheitswerte von Wladimir Putin bröckeln. (picture alliance / dpa)

Sonntagabend, Nachrichten im russischen Staatsfernsehen: Präsident Wladimir Putin ist das erste Mal seit Wochen wieder stehend und gehend zu sehen. Zum Nationalfeiertag legt er Blumen nieder – wenn auch mit leicht gequältem Gesichtsausdruck. Wochenlang hatte Putin nicht im Kreml gearbeitet und hatte seine Residenz außerhalb von Moskau nicht verlassen. Dort empfing er seine Gesprächspartner vor den Kameras des Staatsfernsehens nur im Sitzen. Sein Sprecher Dmitrij Peskow erklärte das dem Moskauer Radiosender Kommersant FM so:

"Es gibt keine zeremoniellen Anlässe, die im Moment seine Anwesenheit im Kreml erfordern. Er zieht es im Moment einfach vor, aus der Residenz zu arbeiten, um die Moskauer Autofahrer nicht zu stören."

Doch um den Riesenstau, den die Straßensperrungen für seine Courtage auslösen, hatte Putin sich bisher wenig gekümmert. Und so spekulierten russische Medien tagelang über Putins Zustand und beriefen sich dabei auf "kremlnahe Quellen". Sogar von einem schweren Wirbelsäulenschaden war die Rede. Und jene kremlnahen Quellen fühlten sich schon an das Jahr 1996 erinnert: Damals wurde vor der Wahl vertuscht, wie krank der damalige Präsident Boris Jelzin tatsächlich war.

Wohl um den Schaden zu begrenzen, hieß es schließlich aus dem Kreml: Putin leide unter einer ungefährlichen Sportverletzung – so etwas könnte passieren, wenn man wie Putin Athlet sei.

Dass Putin keine körperlichen Schwächen eingestehe, sei typisch, sagt Maria Lipman vom Moskauer Carnegie Institut, einem US-finanzierten Expertenzentrum.

"Als Putin 2000 als Nachfolger von Jelzin ins Amt kam, war Jelzin schon ein alter, kranker, gebrechlicher Mann. Der Kontrast zu Jelzin war stets ein wichtiger Grund für Putins Popularität. Er war sportlich, jung, gesund und konnte Verantwortung übernehmen."

Das Staatsfernsehen hat das Image vom Übermann Putin mitkreiert: Die Russen sahen Putin beim Reiten mit freiem Oberkörper, beim Tauchen, auf dem Motorrad oder am Steuer eines Flugzeuges. Als er sich zuletzt in einen Drachenflieger setzte, um Kraniche als Alphatier in ihr Winterquartier zu leiten, löste das allerdings Befremden aus. Für umso mehr Spott – vor allem bei kremlkritischen Internetnutzern - sorgt nun das Gerücht, dass Putin sich bei dieser Aktion verletzt haben könnte.

Putins PR-Aktionen werden unglücklicher und seien nicht mehr angemessen für sein Alter, sagt Gleb Pawlowskij, der sich als Polittechnologe bezeichnet und einst Putin in Öffentlichkeitsarbeit beriet.

"Das nimmt schon mythologische Züge an. Und Helden der Mythologie altern nicht. James Bond ist auch heute noch jung. Und so soll es auch mit dem Mythos Putin sein. Auch, wenn die Gesundheit das Gegenteil sagt."

Doch der Mythos von Putins ewiger Jugend ist nicht der einzige, den die russische Führung zu pflegen versucht. Putin habe Russland von den Knien erhoben und schütze es vor Feinden aus dem In- und Ausland, ist immer wieder von Putin-Befürwortern zu hören. Pawlowskij sagt, der Mythos sei Putin mittlerweile wichtiger als die reale Politik.

"Putin hat den Moment verpasst, Russland zu öffnen, nachdem sein Hauptziel erreicht war: Nämlich den Zerfall Russlands zu verhindern. Aber er hängt in den alten Zeiten fest und will weiter gegen Feinde kämpfen: Und diese Feinde muss sich das System nun ausdenken. Aber ins Gefängnis gehen wirklich existierende Menschen, die unschuldig sind."

Die öffentlichen Diskussionen um seinen Gesundheitszustand kommen für Putin zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn er steckt in einem Umfragetief: Vor einigen Jahren lagen seine Beliebtheitswerte noch bei bis zu 80 Prozent. Nun ist gerade mal jeder zweite Russe noch für Putin. Das Image vom starken allmächtigen Präsidenten bekommt immer mehr Kratzer.

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