Samstag, 01. Oktober 2022

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Atlas der Globalisierung, Hrsg. Le Monde Diplomatique

Globalisierung ist ein Schlagwort geworden, das man täglich Hunderte Mal über sich ergehen lassen muss. Meistens ist damit nur der Strom von Waren, Dienstleistungen und Kapital bis in den letzten Winkel der Erde gemeint. Das ist natürlich nicht so neu, wie uns gelegentlich suggeriert wird. Der Drang, die Märkte zu erweitern, neue Einnahmequellen zu erschließen hat die Unterwerfung ganzer Kontinente schon vor Jahrhunderten hervorgebracht. Die moderne, grenzenlose Unterwerfung von Wirtschaft und Kultur unter Kapitalverwertungsinteressen hat in hoher Geschwindigkeit neue Formen der Herrschaft und der Anpassung daran herausgebildet. Wie weit solche Interessen in den Alltag aller Menschen auf diesem Globus eingreifen, kann man gegenwärtig an dem sich gerade entzündenden Konflikt um das in aller Stille von der Welthandelsorganisation ausgehandelte sog. GATS- Abkommen studieren, das die Privatisierung aller öffentlichen Dienstleistungen wie z.B. Bildung, Gesundheitsfürsorge, aber auch der Wasserversorgung zum Ziel hat. Über Licht und Schatten der sog. Globalisierung will jetzt ein Atlas informieren, herausgebracht von der französischen Zeitschrift Le Monde Diplomatique, einer Speerspitze der weltweiten Globalisierungskritik.

Barbara Eisenmann | 14.04.2003

    Da ist er also endlich, der seit Monaten angekündigte Atlas der Globalisierung, der - um einiges verspätet - Mitte März im taz-Verlag erschienen ist. Ein wenig Enttäuschung stellt sich schon ein beim ersten Blick auf ein gut DIN-A4 großes Heft, das einer Zeitschrift gleicht, hatte man doch beim Wort "Atlas", ohne darüber zunächst weiter nachzudenken, mindestens einen wenn nicht schon opulenten, so doch wenigstens gebundenen Band erwartet und auch gehofft, den alten Diercke aus Schulzeiten endlich in die Nostalgieecke rücken und gegen eine zeitgemäße kartografische Darstellung der Welt austauschen zu können. Aber der Atlas der Globalisierung ist kein Atlas im herkömmlichen Sinn, keine Weltrepräsentation mithilfe physischer und politischer Karten, sondern eine thematische Sammlung von Texten, visualisierten Statistiken und politischen Karten, die den fundamentalen Strukturveränderungen der Welt unter den neuen Spielregeln der globalen Ökonomie auf den Zahn fühlen.

    Zwei Teile hat das Ganze: Die Globalisierung und ihre Folgen bildet Teil eins; Schauplätze und Akteure bilden dann Teil zwei. Auf je einer Doppelseite wird ein globalisierungsrelevantes Thema aus Wirtschaft, Politik, Ökologie oder Gesellschaft abgehandelt bzw. die Weltsicht verschiedener Akteure dargestellt. Text- und Bildmaterial halten sich dabei nicht ganz die Waage, denn ein gewisses Übergewicht der Texte ist schon festzustellen, die eine zwar knappe, nichtsdestotrotz in ihrem Anspruch aber umfassende Erörterung der einzelnen Themen liefern. Zum Nachschlagen erhält man hier solide Zusammenfassungen samt einschlägiger Internet-Adressen zum Weiterforschen, während die Karten und Grafiken nur Teilaspekte herausgreifen, die, visuell abstrahiert und natürlich selektiv vereinfacht, Strukturen sichtbar machen. Wenn man in der Lage ist, seine grundlegende Skepsis gegenüber statistischen Erfassungsmethoden vorübergehend über Bord zu werfen, dann wird man aber gerade an den Bildteilen des Atlasses großes Vergnügen finden und auch ihren didaktischen Wert bald zu schätzen wissen.

    Während die Texte nämlich die jeweiligen Problematiken eher deskriptiv darstellen, werfen die visuellen Repräsentationsformen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben, regen aber gerade deshalb zu Widerspruch und Kreuz-und-Querlesen an. Selbst Fehler, die sich in manche Bilder eingeschlichen haben, sind nicht ganz zwecklos, denn auch sie fordern zum Nachdenken auf. So wundert man sich beispielsweise über eine Karte, die Lieferanten und Kunden im internationalen Waffengeschäft erfasst. Länder oder Kontinente sind hier kreisförmig dargestellt und die jeweilige Farbe der einzelnen Kreissegmente klärt über die Herkunft der importierten Waffen auf. Die Golfstaaten erhalten haufenweise Waffen aus Europa, ein fettes dunkelgrünes Segment zeigt dies an; einige wenige Waffenlieferungen stammen aus Russland, das indiziert ein kleines orangefarbenes Segment; die USA, violettfarben, tauchen als Lieferant der Golfstaaten aber gar nicht auf. Das kann unmöglich sein, sagt man sich und sucht in der Legende nach der Farbe des größten Kreissegments, das hellgrün ist, aber es kommt dort gar nicht vor. Das muss ein Fehler sein, und schnell stellt man fest, dass sich auf der vorliegenden Karte an manchen Stellen ein hellgrün für ein violett eingeschmuggelt hat. Ein Blick auf Europa oder Ägypten bestätigt diese Vermutung: auch hier hellgrün statt violett. Gerade also weil sich die Bilder nicht immer auf einfache Weise erschließen, und zwar nicht in Folge fehlerhafter Darstellungen, sondern in erster Linie weil einem das Lesebesteck häufig nicht geläufig ist, wird man zwangsläufig zum Mitarbeiten animiert. Für den Schulunterricht dürfte mit dem Atlas der Globalisierung Lehrern und Lehrerinnen mithin ein höchst brauchbares Instrument an die Hand gegeben sein.

    Es sind aber auch die scheinbar aberwitzigen Vergleiche des statistischen Blicks auf die Welt, die Schlaglichter werfen. Da wird beispielsweise auf einer Grafik die Wirtschaftsleistung von Ballungsräumen mit der von Staaten verglichen. Zunächst fragt man sich noch, was unter Wirtschaftsleistung hier wohl alles subsumiert ist; es wird nämlich nicht weiter aufgeschlüsselt. Aber spätestens, wenn man dann sieht, dass Tokio fast so viel erwirtschaftet wie ganz Frankreich, dass Paris sich nur geringfügig hinter Mexiko befindet und New York beinahe das Wirtschaftsvolumen Chinas erreicht, wird einem klar, dass es natürlich die Finanzdienstleistungen sind, die inzwischen ja den bei weitem überwiegenden Teil des gesamten Wirtschaftsaufkommens ausmachen. Und so zeigt dieses kleine Schaubild mit seinen zwei Variablen gleichsam beiläufig, dass sich mit der Umstellung vom Industrie- zum Finanzkapitalismus längst eine neue topografische Ordnung herausgebildet hat, in der globale Finanz- und Geschäftszentren wie Tokio, New York oder Paris im Mittelpunkt stehen, während ehemalige Industriestandorte an die Ränder des Weltgeschehens gerückt sind. Tokio ist, wie es eine andere Grafik zeigt, zur Zeit der reichste städtische Ballungsraum der Welt. Und auf einer weiteren Grafik ist das eklatante Verhältnis von virtueller zu realer Ökonomie zu bestaunen.

    Die Welt als ein geordnetes Gefüge, das kann man hier sehr schön sehen, ist immer auch abhängig von den Darstellungsmethoden der Statistik und Kartografie. Bildgebende Verfahren sind eben immer auch blickbildend. Und dass der Blick hier geschärft wird für die veränderten globalen Kräfteverhältnisse des postmodernen Kapitalismus, das ist ja gerade die Absicht der Herausgeber gewesen. Und es ist ihnen auch gelungen. Ein Sachregister und eine wenigstens grob strukturierte physische Weltkarte hätte man sich aber doch noch gewünscht. Vielleicht machen eine baldige Neuauflage oder die nächste aktualisierte Version das ja möglich.

    Atlas der Globalisierung, herausgegeben von Le Monde Diplomatique und verlegt von der TAZ Verlags und Vertriebs GmbH. Der Atlas hat 191 Seiten und kostet 10 Euro.