Sonntag, 27. November 2022

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Atomkrieg als Manga

Vor fast vierzig Jahren erschien in Japan die Biografie eines Hiroshima-Überlebenden. Ein Buch, das zu einem Klassiker wurde, nicht nur, weil es das japanische Trauma schilderte, sondern weil es dies mit gezeichneten Bildern tat.

Von Melanie Longerich | 02.08.2010

    Ganze Bibliotheken füllen die Sachbücher, Romane und Filme, die den Atombombenabwurf auf Hiroshima thematisieren. Doch wie kein anderes Werk schaffen es ausgerechnet die Bilder eines Mangas, das japanische Trauma geradezu physisch erfahrbar zu machen. Manga - die japanische Form des Comics, ist mit seiner Fülle an Geschichten für die unterschiedlichsten Zielgruppen ein fester Bestandteil der japanischen Lesekultur. Und dort weit entfernt von einer Kategorisierung als Schundliteratur. "Barfuß durch Hiroshima" des japanischen Zeichners Keiji Nakazawa ist ein Klassiker unter den autobiographisch geprägten Mangas. In vier Bänden schildert er die Wochen in seiner Heimatstadt Hiroshima vor und nach dem Bombenabwurf. Er erzählt sie aus der Perspektive des sechsjährigen Jungen, der er damals war. Eine Kindheit, die am 6. August 1945 abrupt auf dem Weg zur Schule endet.
    Um 8.14 Uhr löst sich aus dem Schacht der Enola Gay die Bombe "Little Boy" - und explodiert 570 Meter über dem Zentrum der Stadt: Ein ultraheißer Lichtblitz. "Als hätte jemand zehntausende Fotoapparate zugleich ausgelöst", schreibt Keiji Nakazawa. Die Häuser - alle plattgedrückt, den Menschen auf der Straße zerfließen die von der Hitze gekochten Gesichter wie Quark: Nakazawa gelingt mit seinen gezeichneten Bildern eine Annäherung an das Unvorstellbare, lässt grauenvolle Erlebnisses dichter werden als fotografierte es könnten. In einem Interview im dritten Band von "Barfuß durch Hiroshima" erinnert sich Keiji Nakazawa:

    Massen von Menschen zogen schweigend die Straßen entlang. Es war wie eine Zombie-Parade, ihre Haut hing in Fetzen herunter. Manche hatte die Druckwelle der Bombe ins Gesicht getroffen. Die Augäpfel waren ihnen aus den Höhlen gesprungen und baumelten lose herab. Sie taumelten also die Straße entlang und hielten ihre Augäpfel in den Händen. Andere, die von der Schockwelle in den Bauch getroffen wurden, platzten einfach auf. Die Eingeweide quollen ihnen aus dem Leib, und sie versuchten sie wieder hineinzustopfen.

    Lange hatte er über die Erlebnisse geschwiegen. Erst mit 27 Jahren begann Keiji Nakazawa, sich mit den traumatischen Kindheitserlebnissen auseinanderzusetzen. Damals lebte er schon lange in Tokyo, zeichnete Mangas, die unterhalten sollten: Science-Fiction, Baseball-Geschichten, Samurai-Abenteuer. Erst im Jahr 1966 wurde er mit dem Verdrängten konfrontiert. Damals reiste er zurück nach Hiroshima – zur Feuerbestattung seiner verstorbenen Mutter. In Ihrer Asche fanden sich keine Knochen:

    Das war ein Schock für mich. Wahrscheinlich hat die Strahlung ihre Knochen so sehr aufgeweicht, dass sie sich am Ende einfach aufgelöst haben. Mir wurde klar, dass ich mich nie ernsthaft mit der Bombe, dem Krieg und wie es dazu gekommen war, beschäftigt hatte. Je mehr ich darüber nachdachte, desto offensichtlicher wurde, dass die Japaner sich überhaupt nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. Sie hatten sich ihre eigene Verantwortung für den Krieg nicht eingestanden. Da beschloss ich, von nun an über die Bombe und den Krieg zu schreiben und klarzustellen, wer wirklich Schuld an allem trug.

    1973 wurde Nakazawas AutoBiografie zunächst als Fortsetzungscomic in einem bekannten Mangamagazin mit einer Auflage von zwei Millionen Stück veröffentlicht, danach erschien eine vierbändige Taschenbuchausgabe. Der Erfolg kam überraschend für Nakazawa, der alles andere als eine Opfergeschichte erzählt. Sein Zorn richtet sich nicht gegen die USA, sondern gegen die japanischen Militärs, die drei Monate nach der deutschen Kapitulation immer noch japanische Soldaten im aussichtslosen Kampf verheizten. Nakazawa beschreibt, wie lückenlos Repression, Propaganda und Zensur den Alltag der Zivilbevölkerung durchdrangen. Kriegsverbrechen gegen die Chinesen werden thematisiert, ebenso wie die Verschleppung von tausenden Koreanern. Auch schildert er, wie der Tenno über das Radio die japanische Kapitulation verkündete. Es war das erste Mal, dass seine Untertanen die Stimme des Gott-Kaisers hörten.
    Damit ist "Barfuß durch Hiroshima" zum festen Bestandteil der japanischen Vergangenheitsbewältigung geworden. Auch in Deutschland hat das Buch Geschichte geschrieben: Er war - im Jahr 1982 - der erste Manga, der auf dem deutschen Comicmarkt erhältlich war. "Barfuß durch Hiroshima" gilt zurecht als Vorbild anderer autobiographischer Comics wie Persepolis oder Art Spiegelmans "Maus". Vergessen und Verdrängen sei allzu leicht - und allzu menschlich, schreibt Nakazawa in seiner Autobiografie. So hoffe er, kommende Generationen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Vor Lesern, die sich auf die Erzählform eines Mangas einlassen, breitet sich der ganze Schrecken des Atomkriegs aus - minutiös, quälend - aber immer zutiefst bewegend.

    Keiji Nakazawa: "Barfuß durch Hiroshima". Die Biografie in vier Bänden ist im Carlsen-Verlag erschienen, jeder davon hat knapp 300 Seiten und kostet zwölf Euro.