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StartseiteForschung aktuellAtommeiler als Kohlendioxidsenker08.11.2005

Atommeiler als Kohlendioxidsenker

Experten warnen vor zusätzlichen Klimagasmengen bei Atomausstieg

<strong>Physik. - In Peking ging am Montag die <papaya:link href="http://www.birec2005.cn/" text="Internationale Konferenz zu erneuerbaren Energien" title="Internationale Konferenz zu erneuerbaren Energien in Peking" target="_blank" /> zu Ende, auf der internationale Vertreter von Regierungen und Organisationen für die verstärkte Nutzung umweltfreundlicher Energien warben. Parallel dazu legte die Deutsche Physikalische Gesellschaft in Berlin eine Studie zu den vor 15 Jahren in Kioto erklärten Klimaschutzzielen vor.</strong>

Von Wolfgang Noelke

Ohne Atomkraft fällt die angestrengte CO2-Senkung deutlich geringer aus. (AP Archiv)
Ohne Atomkraft fällt die angestrengte CO2-Senkung deutlich geringer aus. (AP Archiv)

Wäre heute Stichtag der Vorgaben des Kioto-Protokolls, hätte Deutschland seine Klimaschutzziele nur zu etwas mehr als zwei Drittel erreicht. Das Fazit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft heißt: Stopp mit dem so genannten Atomausstieg. Würde man die Kernkraftwerke wie zurzeit noch geplant bis zum Jahre 2020 nach und nach abschalten, würden pro Jahr mehr als 112 Millionen Tonnen an zusätzlichen Treibhausgasen in die Atmosphäre entweichen – das wäre ein Gesamtvolumen von mehr als 920 Millionen Tonnen. Das begründet Professor Dr. Walter Blum, der Leiter des Arbeitskreises "Energie" der Deutschen Physikalischen Gesellschaft damit, dass es auch bei maximalen Energieeinsparmaßnahmen ohne Kernkraftwerke eine Unterversorgung gäbe. Statt der Kernkraftwerke müssten fossile Brennstoffe die Energielücke füllen und die hohen Werte von 112 Millionen Tonnen zusätzlicher Treibhausgase, die durch den Betrieb fossiler Kraftwerke entstünden, würden Werte der angestrebten Klimabilanz nach unten drücken.

Das bezieht sich alles auf das Jahr 2020 und das Referenzjahr dafür steht das Jahr 1990. Global gesehen müssten die Industrieländer ihre Emissionen sogar um 80 Prozent reduzieren, war die Meinung einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages im Jahr 1995. Deutschland verpflichtete sich dann, bis zum Jahr 2005 die eigenen Emissionen um 25 Prozent zu reduzieren, doch heute - zur Halbzeit - habe man lediglich nur 15Prozent erreicht. Auf den ersten Blick sieht diese Bilanz sehr gut aus – aber nur, weil Anfang der 90er Jahre die DDR-Industrie zusammenbrach, beziehungsweise modernisiert wurde. Rechnet man diesen Zusammenbruch heraus, so Professor Blum, sehen die Kohlendioxideinsparungen mager aus:

"Von da an haben Sie eine sehr moderate Entwicklung und die repräsentiert die sehr geringe Abnahme von 0,6 Prozent pro Jahr. Nur 0,6 Prozent pro Jahr Verminderung an Kohlendioxid-Emissionen. Und das muss man sich vorstellen im Vergleich zu den enormen Bemühungen, die in diesen fünfzehn Jahren passiert sind, Kohlendioxid runter zu bringen: denken Sie an alle die Windmühlen, denken Sie an die gewaltigen Mengen an photovoltaischen Zellen, die auf den Häusern montiert und gefördert worden sind."

Die rot-grüne Regierung legte später noch nach und stellte in Aussicht, bis zum Jahr 2020 die Emissionswerte in Deutschland um 40 Prozent zu reduzieren, Europaweit um 30 Prozent. Selbst das könne wenigstens annähernd erreicht werden, sagt Professor Blum. Unter realen Bedingungen wäre in Deutschland zusammen mit arbeitenden Kernkraftwerken sogar eine Reduktion von 35 Prozent möglich, so das Fazit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, doch würde man die Kernkraftwerke abschalten, erreiche man statt der 35 Prozent nur magere 26 Prozent.

Zwar käme das deutsche Know-how auch dem Bau moderner Kraftwerke für fossile Brennstoffe zugute, sowie solarthermischen Kraftwerken, deren Bau die Deutsche Physikalische Gesellschaft ausdrücklich empfiehlt, doch die Kernkraftwerke sollten so lange noch am Netz bleiben, bis sie von solarthermischen Kraftwerken ersetzt werden könnten. Wie in Süd-Spanien wäre auch Nordafrika dafür ein idealer Standort. Mit dem Bau dieser Kraftwerke und der Verlegung von Trassen und Seekabeln um die Energie nach Mitteleuropa zu transportieren, könne Deutschland nicht nur Emissionsrechte erwerben, sondern anderen Ländern ein gutes Beispiel bieten:

"Deutschland kann mit physikalischen Mitteln das Weltklima überhaupt nicht beeinflussen, selbst wenn wir überhaupt nichts mehr emittieren würden: Null Prozent! Nur wenn wir als Industrieland zeigen können, dass wir Lösungen haben, die unter den Bedingungen eines modernen Industrielandes durchsetzbar, von der Bevölkerung akzeptiert, von den Technikern geschaffen werden können, erst dann fängt die Sache an, die anderen zu beeindrucken. Wenn wir aber Alleingänge machen, die keiner nachahmen mag – es könnte sein, dass der Ausstieg aus der Kernenergie zu dieser Klasse gehört, dann schaffen wir gar nichts, sondern nur, wenn wir die anderen überzeugen können, schaffen wir in Bezug auf das Klimaproblem der Welt etwas."

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