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StartseiteUmwelt und VerbraucherAtommülltransport ja oder nein17.10.2011

Atommülltransport ja oder nein

Diskussion um die Höhe der Grenzwerte geht weiter

Im niedersächsischen Umweltministerium geht man nach neuesten Messungen davon aus, dass die Strahlengrenzwerte im Zwischenlager Gorleben auch durch weiteren Atommüll nicht überschritten werden. Im November sollen auch elf Transporte nach Gorleben rollen. Das Thema aber wird weiter diskutiert.

Von Susanne Schrammar

Das Zeichen für Radioaktivität auf einer gelben Tonne. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Das Zeichen für Radioaktivität auf einer gelben Tonne. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Die endgültige Entscheidung, ob der für Ende November anvisierte nächste Castortransport rollen darf, soll zwar erst in den nächsten Tagen fallen, doch für das niedersächsische Umweltministerium ist die Sache ziemlich klar: Nach allen Berechnungen ist der so genannte Eingriffswert am Zwischenlager Gorleben unterschritten, sagt eine Sprecherin. Daher gibt es laut Umweltminister Hans- Heinrich Sander aufgrund der Strahlenmesswerte keinen Grund, den Transport der elf Behälter mit hoch radioaktiven Atommüll nicht zu genehmigen. Das sehen kritische Wissenschaftler und Atomgegner anders.

"Aus meiner Sicht ist es unverantwortlich, wenn der Minister sagt, die Castoren können rollen, er wisse keinen Grund, weshalb das nicht der Fall sein dürfte."

Wolfgang Neumann, Physiker und Strahlenexperte, ist im Auftrag von Landes- und Bundesbehörden und für Umweltorganisationen häufig als Gutachter tätig. Er kann die Vorgehensweise der Genehmigungsbehörde nicht nachvollziehen. Die Strahlenmesswerte, die die Physikalisch-Technische Bundesanstalt am Zwischenlager Gorleben gemessen hat, seien nicht anzuzweifeln, sagt Neumann, doch die Art wie das niedersächsische Umweltministerium mit den errechneten Zahlen umgehe, sei erstaunlich. So habe die Behörde den Faktor Messungenauigkeit bei der aktuellen Überprüfung außer Acht gelassen. Zehn Prozent Ungenauigkeit müsse einberechnet werden - eine Größe mit Folgen, so Neumann:

"Da muss man, wenn man konservativ ist, diese Messungenauigkeit ja auf den Wert raufrechnen und wenn ich das tue, dann bin ich schon wieder fast bei einem Eingreifwert aus der Nebenbestimmung acht, der Genehmigung für das Transportbehälterlager und wenn dann jetzt neue Behälter dazu kommen, dann kann es eben leicht passieren, dass ich mindestens den Genehmigungswert von 0,3 Millisievert pro Jahr ausschöpfe, wenn nicht sogar überschreite."

Der unabhängige Strahlenexperte Wolfgang Neumann kritisiert zudem das grundsätzliche Messverfahren am Zwischenlager Gorleben. Als das Transportbehälterlager 1995 genehmigt wurde, haben sich die Behörden an der Dosisgrenze für den außerbetrieblichen Überwachungsbereich, der in der Strahlenschutzverordnung festgelegt ist, orientiert. Der lag damals bei 1,5 Millisievert, in Relation dazu wurde der so genannte Eingreifwert für Gorleben bei 0,3 Millisievert festgelegt. 2001 wurde der Relevanzwert der Strahlenschutzverordnung herabgesetzt, der Wert für das Zwischenlager in Gorleben blieb jedoch gleich. Wolfgang Neumann:

"Aus meiner Sicht hätte man, um das Minimierungsgebot der Strahlenschutzverordnung einzuhalten, den Genehmigungswert von 0,3 Millisievert am ungünstigsten Aufpunkt eigentlich absenken müssen. Also, wenn man beim Faktor fünf geblieben wäre, dann hätte der Genehmigungswert auf 0,2 Millisieviert pro Jahr abgesenkt werden müssen. Und diesen Wert überschreitet man schon seit einigen Jahren."

Castor-Gegner haben heute zum Protest gegen den anstehenden Transport der Atommüllbehälter nach Gorleben aufgerufen. Ein breites Bündnis aus Atomkraftgegnern, Aktionsgruppen und Bürgerinitiativen kündigte Widerstand im Wendland an. Die Menschen in der Region fühlten sich von den Behörden im Stich gelassen, so Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Der Zweifel an den durchgeführten Messungen sei groß.

"Es soll um jeden Preis versucht werden, diesen Castortransport durchzuziehen. Wir sind sehr besorgt, weil es gibt nicht nur die Grenzwertüberschreitungen, es gibt auch noch den Umstand, dass im Umkreis von Gorleben werden wesentlich weniger Mädchen geboren. Das ist ein Frühwarnsystem für radioaktive Schädigung."

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