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Atomteststopp-Abkommen
Meteorit prüft Zuverlässigkeit des Messnetzes

Abrüstung. -Im September 1996 verabschiedete die UN-Vollversammlung den Kernwaffenteststopp-Vertrag, der jede Art von Atombombenversuchen verbietet. Obwohl er noch nicht in Kraft getreten ist, wurde ein entsprechendes Messnetz aufgebaut, um seine Einhaltung zu überwachen. Im vergangenen Jahr wurde dieses Messnetz durch den Meteoritenabsturz von Tscheljabinsk auf die Probe gestellt.

Von Frank Grotelüschen | 25.04.2014

    Die Stadt Tscheljabinsk im russischen Ural, es ist der 15. Februar 2013, 9:20 Uhr Ortszeit. Unvermittelt werden die Einwohner Zeuge eines beängstigenden Spektakels: Eine Leuchtspur zeichnet sich in den Himmel, scheint plötzlich grell auf, dann erschüttert eine Reihe von heftigen Explosionen die Region. Der Erdboden erzittert, Alarmanlagen gehen los, Fensterscheiben bersten. Mehr als 1000 Menschen werden verletzt, die meisten nur leicht. Ein Meteorit ist niedergegangen, ein nahezu 20 Meter großer Brocken. Mit vierzigfacher Schallgeschwindigkeit war er auf die Erde zugerast, war beim Abbremsen in der Atmosphäre in zahllose Bruchstücke zerborsten. Es ist der größte bekannte Meteorit, der in den letzten 100 Jahren die Erde getroffen hat. Ein bemerkenswertes Ereignis – auch für Wissenschaftler.
    "Ein gewaltiger Meteorit ist in die Atmosphäre eingetreten, mit sehr hoher Geschwindigkeit, und hat beim Verglühen und Bersten Energie im Infraschall abgestrahlt. Das ist eine heftige Druckwelle, die sich als Druckschwankung über sehr weite Entfernungen fortpflanzt."
    Für genau diese Druckschwankung interessiert sich Ole Roß, Physiker an der BGR, der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Infraschall, so heißt das Phänomen im Fachjargon.
    "Infraschall ist sehr tieffrequenter, also nicht hörbarer Schall von 0,02 bis 4 Hertz, der über sehr empfindliche Drucksensoren nachgewiesen wird."
    Solche Infraschall-Lauscher sind Bestandteil des Internationalen Überwachungssystems, kurz IMS. Ein globales Messnetz, das seit 2001 aufgebaut wird und darüber wacht, ob der Kernwaffenteststopp-Vertrag auch wirklich eingehalten wird. Insgesamt besteht das IMS-Netz aus mehr als 300 Messstationen. Manche erfassen seismische Erschütterungen, andere Unterwassersignale, wieder andere radioaktive Kontaminationen. Doch 45 dieser Messstationen spüren unhörbare Infraschallsignale auf, wie sie bei Atombombenexplosionen in der Atmosphäre entstehen – und bei Meteoriteneinschlägen wie dem von Tscheljabinsk.
    Roß: "An 20 Stationen weltweit wurde ein Signal von dem Meteorit detektiert. An vielen sogar mehrfach – an einzelnen Stationen auch mehrere Erdumrundungen."
    Infraschall kann sich in der Stratosphäre über Tausende von Kilometern fortpflanzen – weshalb die Signale des Tscheljabinsk-Meteoriten auch in Alaska nachzuweisen waren, in der Antarktis oder im Bayerischen Wald. Hier unterhält die BGR eine Infraschall-Messstation. Sie besteht aus fünf Spezialbarometern, verteilt auf mehrere Quadratkilometer. Als der Meteorit am 15. Februar 2013 über Tscheljabinsk niederging, schlugen die Sensoren an, und zwar deutlich.
    "Das war das stärkste jemals gemessene Ereignis im International Monitoring System und dient damit jetzt als Standard-Referenz für einen sehr energiereiches atmosphärisches Ereignis."
    Die Einschlagswucht lag bei geschätzten 500 Kilotonnen TNT, nahezu die vierzigfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Das vom IMS-Netz aufgeschnappte Infraschallsignal entstand, als der Meteorit in der Atmosphäre abgebremst wurde und zerbrach. Hören kann man dieses Signal eigentlich nicht, dazu sind die Frequenzen zu tief. Aber es lässt es sich hörbar machen, indem man es künstlich beschleunigt.
    Durch eine Analyse dieses Signals können Meteoritenforscher genau herausfinden, wie der Brocken in Atmosphäre eindrang und dort zerbrach. Und auch Experten wie Ole Roß, die das IMS-Netz betreiben, schlagen aus dem Einschlag wissenschaftliches Kapital.
    "Zur Auswertung der Leistungsfähigkeit des Netzwerkes war dieser Meteorit ein extrem hilfreiches Ereignis."
    Vereinfacht gesagt hilft der Einschlag dabei, das Messnetz genauer zu eichen. Und das macht es wahrscheinlicher, Verstöße gegen das Teststopp-Abkommen zuverlässig aufspüren zu können.