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Atomversuche im Südpazifik

Zwischen 1966 und 1995 veranstaltete die französische Regierung 170 Atomversuche im Südpazifik. Marion Hänsles Film erzählt eine Geschichte von jungen Rekruten der französischen Marine, die das Atomdesaster mit erleben. Der Film ist eine Studie über die bewegten Kräfte der Pubertät und der Adoleszenz.

Von Josef Schnelle | 07.06.2012

Manchmal - in der Nacht - ist die See schwarz wie Tinte. Wenn man lange hineinschaut, kann man leicht glauben, dass sie ein Spiegel der Seele ist. Nur die Schaumkronen des bewegten Meeres hellen manchmal die Situation etwas auf. Damit müssen die jungen Rekruten Massina, Moriaty und Da Maggio jeden Tag leben, als sie 1975 ihren Wehrdienst in der französischen Marine im Südpazifik ableisten. Über die Atomversuche im Mururoa-Atoll, die ihr Schiff beobachten soll, werden sie nicht explizit informiert. Doch eines Tages sehen sie den Blitz und den Wolkenpilz, der die französische "Force de Frappe" - die Atommacht mitten in Europa – ankündigen soll. Der Countdown, dann das Kommando Brillen aufsetzen und zusätzlich mit dem Arm die Augen schützen.

Zwischen 1966 und 1995 veranstaltete die französische Regierung 170 Atomversuche rund um die Atolle im Südpazifik. Bis heute hat sich die Natur davon nicht erholt. Auch Hubert Mignarelli nicht, dessen autobiografische Skizzen diesen Film der belgischen Meisterregisseurin Marion Hänsel inspiriert haben. Im Zentrum dieses Films steht deshalb auch ein literarisches Zitat. Auf der nächtlichen Wache erzählt Moriaty sein Lebensgeheimnis, wie er einmal als kleiner Junge die Schicksalsdimension seines Lebens erkunden wollte und einen vermeintlich seichten Fluss durchquerte.

"Ich zog mich aus und ging hinein. Es war eiskalt. Ich kam nur langsam voran. Mittendrin schien der Fluss plötzlich tiefer zu werden. Ich konnte nicht schwimmen und mein Herz sprang für einen Moment fast entzwei. Nicht aus Angst, sondern weil ich verstand, dass ich das Vertrauen in mich selbst verloren hatte. Dieser kurze Moment bedeute das Ende von etwas. Ich erreichte das Ufer und weinte."

Auch jetzt sind die jungen Männer zwischen 16 und 18 der Begegnung mit dem Schicksal noch gar nicht gewachsen. Selbst die Routine an Bord mit ihren Ritualen überfordert sie oft. Moriaty und Massina separieren sich häufig von den groben Männerspielen der übrigen Matrosen. Chronische Langeweile ist auf der langen Seereise ohnehin angesagt. Und auch der Kampf der Männeregos. Der größte Macho hat immer zwei Paar Boxhandschuhe dabei, damit er im Kampf der Hähne stets die Nase vorne haben kann, wenn er nicht gerade eine andere blutig schlägt. Nur beim Hissen der französischen Fahne jeden Morgen herrscht einigermaßen Ruhe.

Schwarzer Ozean, vielleicht hätte man den Originaltitel "Noir Océan" besser mit "Die Schwärze des Ozeans" übersetzt bei diesem Film, der mit deutschen Untertiteln bei uns leider nur in wenige Kinos kommt. Denn darum geht’s eigentlich – um die düstere Stimmung, in die man kommen kann, wenn man in das tintenschwarze Wasser der lichtlosen Nacht stiert. Aufgeladen mit dem Atomdesaster ist Marion Hänsels Film doch eigentlich hauptsächlich eine Studie über die bewegten Kräfte der Pubertät und der Adoleszenz. Viele Szenen sind unspektakulär, trotzdem eindringlich. Kleine Dialoge am Rande der Nachtwache, kleine Fluchten aus dem Alltag des militärischen Drills. Stranderlebnisse im vergifteten Paradies. Die angedeutete homoerotische Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptfiguren spielt eine eher untergeordnete Rolle. Die Regisseurin Marion Hänsel, um die es etwas still geworden war, löst mit diesem wunderbar zärtlichen Film ein, was sie als dessen Programm erklärt hat:

"Mein Film soll zart sein wie der Atem eines Kindes und trotzdem aufgeladen mit einer immer präsenten unterschwelligen Gewalt. Als sei jede Figur kurz davor zu implodieren, von innen herauszuzerbrechen, weil sie dem, was sie fühlt und was sie gesehen hat, keinen Ausdruck verleihen kann."

"Schwarzer Ozean" ist einer der frühen Höhepunkte dieses Kinojahres - weil er die zu Grunde liegenden Thesen so sanft unterspielt, trotzdem dezidiert Zeitgeschichte streift und Gewissenskonflikte und Identitätskrisen fast beiläufig schildert.