Dienstag, 02.06.2020
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteCampus & Karriere"Zeit ist eher die große Währung als Geld"11.12.2019

Attraktive Arbeitgeber"Zeit ist eher die große Währung als Geld"

Flexibles arbeiten biete heutzutage jeder an, doch nicht in jedem Unternehmen werde das auch tatsächlich gelebt, sagte Oliver Schmitz, Geschäftsführer von Berufundfamilie, im Dlf. Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, müsse man die Flexibilität glaubhaft belegen können - auch für Führungspositionen.

Oliver Schmitz im Gespräch mit Lena Sterz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Symbolbild, das ein gemaltes, geteiltes Gesicht eines Geschäftsmannes zeigt. Auf der einen Seite ist Arbeit, auf der anderen Seite Freizeit dargestellt. (imago/Michael Mullan)
Gerade junge Arbeitnehmer verlangen heutzutage gute Optionen, um Arbeit und Privatleben verbinden zu können (imago/Michael Mullan)
Mehr zum Thema

Work-Life-Balance Ist das Nichtstun noch zu retten?

Leben jenseits der Erwerbsarbeit Rente mit 40?

Pisa in Taiwan Elite ohne Freizeit

Lena Sterz: Für Arbeitnehmer hat der Fachkräftemangel ja einige positive Seiten: In manchen Branchen strengen sich Unternehmen im Moment sehr an, um frei werdende Stellen zu besetzen und aktuelle Mitarbeiter zu halten. In Start-ups gibt es dann etwa kostenloses Essen und Getränke. Größere IT-Unternehmen überlegen sich noch einiges mehr, um ein attraktiver Arbeitgeber zu bleiben. Die Vereinbarkeitsfrage – wie viel Zeit bleibt für die Familie – wird in dem Zuge auch immer wichtiger.

Das merkt auch Oliver Schmitz, er ist Geschäftsführer von Berufundfamilie, die ein Zertifikat für familienfreundliche Arbeitgeber vergeben. An Oliver Schmitz geht die Frage: Was überlegen sich IT-Unternehmen aber auch andere große Konzerne, um attraktiv zu bleiben?

Oliver Schmitz: Ja, gerade bei IT-Unternehmen ist natürlich der Fachkräftemangel besonders groß und da muss man dann besonders ideenreich sein. Da kommen dann auch so Themen auf wie Elternzeit mit vollem Gehaltsausgleich oder auch extrem starke Flexibilität, örtliche Flexibilität auch, Vertrauensarbeitszeit, aber auch die Möglichkeit, Arbeitszeit zu sammeln und abzufeiern. Also da wird man immer innovativer sein müssen, gerade bei diesen Branchen, wo halt der Fachkräftemangel sehr groß ist.

"Gehalt muss in erster Linie fair sein"

Sterz: Einige Unternehmen versuchen es ja mit finanziellen Anreizen, indem sie zum Beispiel ein halbes Jahr Urlaub bezahlen, wenn jemand in Elternzeit gehen möchte. Aber Geld ist vermutlich nicht alles, oder?

Schmitz: Also absolut nicht alles, also Zeit ist eigentlich die große Währung auch. Man merkt das auch bei jüngeren Beschäftigten, das ist gar nicht so das große Thema, wie hoch ist jetzt das Gehalt, sondern das Thema ist mehr noch, wie flexibel kann ich denn mit meiner Zeit umgehen und habe ich denn Zeit, wenn ich sie benötige auch? Das heißt, kann ich mal eine längere Auszeit machen, kann ich mal etwas Zeit ansparen auch, was ich nachher dann nutzen kann wieder für andere Dinge? Also eher ist Zeit die große Währung als Geld. Geld muss natürlich auch stimmen, aber Gehalt muss in erster Linie fair sein, aber es ist meistens nicht das, wo ich mich als Arbeitgeber auch mit absetzen kann, das sind eher andere Dinge.

Sterz: Was für Dinge sind das?

Schmitz: Ja, ich muss so das richtige Portfolio haben an Möglichkeiten, flexibel arbeiten zu können, zeitlich flexibel arbeiten zu können, örtlich flexibel arbeiten zu können, und ich muss es quasi auch belegen können, dass es auch wirklich gelebte Kultur ist, weil flexibles Arbeiten bietet heutzutage jeder an, aber man kann es nicht überall leben, und das ist der große Unterschied. Das muss ich auch authentisch darstellen können.

Beruf, Familie und Privatleben

Sterz: Was meinen Sie, wie kommt das, dass dann in dem Zuge auch die Vereinbarkeitsfrage für Unternehmen eine immer größere Rolle spielt?

Schmitz: Also Vereinbarkeit, da geht es ja um Vereinbarkeit Beruf, Familie und Privatleben mittlerweile, aber Familie ist halt etwas, wo auch deutlich wird, dass ein Unternehmen da ist, dass sich kümmert. Also das ist so eine Aussage quasi, die ich als Unternehmen tätige, wenn ich Vereinbarkeit von Beruf und Familie anbiete, dass ich ein Arbeitgeber bin, der sich um seine Beschäftigten kümmert. Und dann ist der Effekt auch viel größer als jetzt nur direkt bei denjenigen Beschäftigten, die gerade familiäre Belange haben, sondern das ist generell das Image, was ich dann als Arbeitgeber halt vermitteln kann.

Sterz: Welche Chancen bietet das auch, was das Thema Karriere, Führungsverantwortung trotz Familie oder anderer Verpflichtungen angeht?

Schmitz: Das ist ein ganz wichtiges Thema, weil ich habe ja schon gesagt, das ist ganz maßgeblich auch, dass ich mich authentisch darstellen kann, und das ist besonders dann, wenn das Ganze auch auf Führungsebene gelebt werden kann. Das heißt, nur, wenn ich auch Führung in Teilzeit habe, geteilte Führung habe, Topsharing auch habe auf Führungsebene und da das Thema auch gelebt werden kann, nur dann ist es auch wirklich in der Kultur einer Organisation durchdrungen. Das heißt also, ich empfehle häufig auch, gerade auch bei der Rekrutierung von jüngeren Beschäftigten, dass man auch mal Beispiele bringt, wie denn auch Führungskräfte das Thema Vereinbarkeit leben können, weil das fördert die Attraktivität, das Image eines Unternehmens enorm.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk