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Auch Amateure dopen

Anfang des Jahres sorgte Philip Schulz für Schlagzeilen. Nach Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz war er der dritte Athlet, der beim Bund Deutscher Radfahrer von der Kronzeugen-Reglung Gebrauch machte. Seine Aussage legte offen, wie umfassend Doping bereits im semiprofessionellen Bereich verbreitet ist.

Von Grit Hartmann | 27.12.2009

    "Ich weiß mir einfach nicht anders zu helfen, als da reinen Tisch zu machen und zu erklären, wie das war, weil, das sieht jetzt so aus, als wär ich hier jahrelang mit Drogen unterwegs gewesen oder mit Anabolika"

    9. Februar 2009. Philip Schulz packt im WDR-Magazin Sport Inside aus. Der einst erfolgreiche A-Klasse-Fahrer des Radsportvereins RV Rodenbach ist ganz unten, der Titel des Rheinland-Pfalz-Meisters wurde ihm abgenommen, im November 2008 eine zweijährige Sperre verhängt. Er ist bei der Meisterschaft aufgeflogen, mit Amphetamin und dem nicht zugelassenen, lange nachweisbaren Anabolikum Boldenon. Schulz sagt, ein Teamkollege habe ihm die Substanz aufgedrängt:
    "Ja, das wär was Spezielles, das könntest Du auch nehmen, in vier bis fünf Tagen ist es draußen. Ja, dann hab ich auch Bedenken angemeldet, das ist ja flüssig und so, das ist ja ein richtiges Anabolikum. Mir war das schon bisschen komisch, aber er hat mir das so rüber gebracht, als sei das was ganz Spezielles, das wär nicht zu detektieren im Dopingtest. "

    Der Teamkollege firmiert seither in Radsportforen als "der Mann aus dem Donnersbergkreis". Wer ihn beim Namen nennt, dem droht er mit Anwälten. Der 43-Jährige gilt in der Szene als unfair, aber auch als einflussreich: Den Radstall, für den er fährt, betreut er als Teamchef. Schon im Frühjahr 2007 fiel er mit dem Schwangerschaftshormon hCG und erhöhtem Testosteronwert auf. Monate später akzeptierten BDR und Nationale Antidopingagentur ein Attest über eine Nebenhodenentzündung. Eine seltsame Diagnose für einen, der, wie der Mann aus dem Donnersbergkreis, in jener Saison zu Siegen und Podestplätzen geradelt war. Als Philip Schulz ihn als Dealer benannte, Dopingmittel aufzählte, die er im Sortiment hatte, auf Szene-Kontakte hinwies, büßte der Vereinskollege doch eine Dreimonats-Sperre ab – diesmal wegen eines Ephedrin-Fundes.

    Ungeachtet des laufenden Sportrechtsverfahrens kehrte er Anfang Oktober zurück, was eine bisher einmalige Protestaktion auslöste. Bei einem Kriterium in der Pfalz demonstrierten die Radamateure Distanz: Der umstrittene Fahrer stand mit seinem Team allein an der Startlinie, das gesamte Feld zehn Meter dahinter. Der mutmaßliche Dealer hatte sich seine Lizenz vor dem Landgericht Frankfurt erstritten. BDR-Generalsekretär Martin Wolf will über Details keine Auskunft geben, sagt aber, darüber sei beim Verband "keiner glücklich".

    Hilfe soll von der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern kommen, wo Anzeige wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz erstattet wurde. Nach Angaben des ermittelnden Staatsanwaltes Rainer Orthen hat die Kripo soeben ihren umfangreichen Bericht vorgelegt. Zeugen seien vernommen, Telefonate und Mails überwacht worden. Der Beschuldigte, sagt Orthen, sei nicht geständig. Nach Aktenlage jedoch habe er "massiv Dopingmittel bezogen".

    Zusätzliche Brisanz verleihen dem Fall Unterschlagungsvorwürfe. Der Mann aus dem Donnersbergkreis soll als Buchhalter einer Winzergenossenschaft über 200.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Diese Sache untersucht die Staatsanwaltschaft Mainz. Wie Behördenleiter Klaus Puderbach dem Deutschlandfunk sagte, sind die Ermittlungen ebenfalls abgeschlossen. Die heikle Frage, ob der Radamateur mit dem Winzergeld Dopingmittel finanzierte, mag Puderbach nicht beantworten. Allerdings ist man ihr nachgegangen: Eine Hausdurchsuchung veranlassten beide Staatsanwaltschaften gemeinsam. In Mainz und in Kaiserslautern haben nun die Verteidiger Akteneinsicht; im März könnten die Anklageschriften vorliegen. Sie dürften Aufklärung darüber bringen, wie tief der Dopingsumpf in der pfälzischen Provinz tatsächlich war.

    Die Sperre von Philip Schulz ist im November abgelaufen. In der nächsten Saison startet er für ein etabliertes Eliteteam in Belgien, wo er schon 2007 gefahren ist. Dort, sagt er, gebe es entgegen aller Vorurteile viel häufiger Dopingkontrollen. In Deutschland fühlt sich Schulz nicht mehr willkommen – eine Erfahrung, die er mit den Kronzeugen Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz teilt. Neulich, als er beim Training einen Kollegen überholte, rief der ihm hinterher, er sei doch der Schulz, der Typ, der so schnell sei, weil er etwas nehme.