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Auf den Spuren der verfolgen Hugenotten

Im Herbst 1685 annullierte Ludwig XIV die Rechte der Hugenotten in Frankreich. Es begann das "Jahrhundert der Wüste". Über 200.000 Protestanten verließen Frankreich, um ihrem Glauben nicht abschwören zu müssen. Eine Wanderung führt über ihre Fluchtwege.

Von Dieter Wulf | 09.04.2012

    "Wir sind in Bourdeaux. Es ist ein kleines Dorf in Südfrankreich neben dem Gebirge. Sie sehen hier Gebirge. Es ist ein Platz, wo man Zuflucht, Sicherheit finden konnte. Im Gebirge."

    Erklärt mir Paul Castelnau, der viele Jahre hier evangelischer Pfarrer war. Wir sind zwar in Südfrankreich, die Weinbauregion Bordeaux aber ist hunderte Kilometer entfernt. Das kleine Bergdorf Bourdeaux, mit nur einigen hundert Einwohnern, liegt in der Provinz Drôme, am Rand der französischen Alpen. Hier in dieser abgelegenen Gegend, weit entfernt von der Machtzentrale Paris konnten sich die Lehren der Reformatoren Luther und Calvin besonders schnell ausbreiten, meint Paul Castelnau.

    "So vielleicht waren die Leute hier etwas freier, um Hugenotten zu bleiben. Dieses Dorf ist insgesamt ziemlich evangelisch im 16. Jahrhundert und nachher natürlich durften alle Protestanten katholisch werden - es war Pflicht."

    Nach vielen Religionskriegen hatte der französische König Henri der Vierte 1598 das sogenannte Edikt von Nantes erlassen, mit dem er den calvinistischen Protestanten im katholischen Frankreich religiöse Toleranz gewährte. Ein Religionsfriede, der dann knapp hundert Jahre hielt.
    "Man konnte Kirche bauen, evangelische Kirche bauen bis Ludwig, der 14. Und das war 1685 und dann er hat gesagt keine Kirche mehr, kein Pfarrer mehr. So, es gibt keine evangelischen Leute mehr. Alle Leute sollen katholisch werden. Und es war verboten in dieser Zeit, Frankreich zu verlassen."

    Die protestantischen Gemeindemitglieder nannte man "Neu-Katholiken". Ihre Kinder wurden katholisch getauft, wer nicht floh, musste sich anpassen. Offiziell war man Katholik, im Herzen aber blieben fast alle Protestanten, erklärt Paul Castelnau und deutet auf kleine Einfriedungen, die auf vielen Feldern zu sehen sind.

    "Es gibt überall hier kleine Friedhöfe. Man sieht einige hier drüben. Und das zeigt: Die Leute haben getan, als seien sie Katholiken. Für Taufe, weil man musste die Taufe bekommen, um zu leben, um einen Namen zu haben. Aber wenn sie sind gestorben, haben sie den katholischen Priester nicht gefragt."

    Am Sterbebett bekannten sich die Protestanten zu ihrer Überzeugung.

    "Jeder Bauernhof hat so einen kleinen Friedhof. Das zeigt, dass die Familie evangelisch geblieben ist. Obwohl sie so getan haben, als ob sie katholisch wären."

    Viele der Jüngeren, besonders Handwerker und besser Gebildete flohen auf verborgenen Wegen in das damals von Calvin geprägte Genf, um ihren Glauben nicht verraten zu müssen. Man schätzt, dass weit über 2000 Franzosen das Land verließen, damals etwa ein Zehntel der Bevölkerung.
    Ich gehe mit dem ursprünglich aus Belgien stammenden Johannes Melsen in den Tempel von Bourdoux, wie die Kirchen der reformierten Christen in Frankreich genannt werden. Er hatte vor einigen Jahren ein Theaterstück über die Flucht der Hugenotten geschrieben. Daraus entstand dann die Idee, einen Wanderweg entlang der historischen Fluchtwege aufzubauen.

    Historische Wegbeschreibungen gibt es so gut wie gar nicht. Die Fluchtwege sollten ja geheim bleiben. Das wichtigste Kriterium sei die Geografie gewesen, meint Johannes Melsen.
    "Wenn wir hier von Bourdeaux aus nach Die wollen, dann wissen wir: Col de la Chaudière ist sicher, man kann es sonst nicht machen. Und wir wissen, dass es Familien waren, sie wollten keine Alpinisten werden. Wollten so schnell wie möglich dort hingelangen, wo sie hinwollten."

    Die normalen Straßen und Handelswege waren für die Flüchtlinge tabu. Zu groß die Gefahr, gefasst zu werden. Wer von den königlichen Truppen gefangen wurde, der hatte nichts Gutes zu erwarten. Die bis heute erhaltenen Akten der Gendarmerie waren für Johannes Melsen ein weiteres Indiz, welche Wege die Flüchtlinge damals wählten.

    "Wer gefangen war, war im Turm von Crest eingekerkert oder im Turm von Aigues-Mortes und Männer auf Galeeren in Marseille. Und in diesen Registern kann man dann zurückverfolgen, wo sie gefasst worden sind. Wir können davon ausgehen, dass dort, wo sie gefasst worden sind, sie auch gelaufen sind."

    Am Abend sitzen wir mit etwa hundert Leuten zusammen. Wir essen, wie wohl im 16. Jahrhundert gekocht wurde. Dazu singt eine Gruppe Bibelpsalme in einem altfranzösischen Akzent dieser Zeit.

    "Die meisten von diesen Leuten, die da heute mit uns gegessen haben, die sind mit uns gewandert, haben uns empfangen im letzten Oktober. Die kommen von Genf her, von Savoyen her."

    Erklärt mir Barbara Hunziger, die aus der Schweiz stammende Freundin von Johannes Melsen. Sie war den Weg von hier bis nach Genf im Oktober 2010 zusammen mit einer Freundin und einem Esel als Gepäckträger gewandert. Und viele, die sie damals traf oder bei denen sie übernachten konnte, sitzen jetzt hier zusammen.

    "Wir sind in der Drôme in Poët-Laval gestartet. Das ist 360 Kilometer entfernt von Genf zu Fuß. In einer Landschaft vom Mittelmeer. Und dann durch den Vercors, der Vercors das sind schon ein wenig die Voralpen über Grenoble, über die Chartreuse und dann dem Lac de Bourget entlang und der Rhone entlang bis nach Genf gewandert."

    Natürlich soll der Weg an die Verfolgung und Vertreibung der Hugenotten erinnern. Aber als Pilgerweg sieht Barbara Hunziger diese Wanderroute überhaupt nicht.

    "Es soll nicht ein religiöser Weg werden. Es ist ein historischer Wanderweg. Ich glaube, das ist wichtig, das zu sagen. Sonst sind wir wieder in diesen Geschichten von Toleranz von Nichttoleranz von einer anderen Religion. Es soll ein historischer Wanderweg sein, der sich öffnet auf die Welt. Weil heute sind ja so viele Leute auf der Welt, wie zur Zeit des Widerrufes des Ediktes von Nantes, die verfolgt werden wegen ihrer Religion, wegen ihrer Ethnie, weil sie eine andere Kultur haben, das ist heute ein so aktuelles Problem wie gestern. Nichts hat sich geändert, es sind dieselben Probleme."

    Bevor auch ich mich auf den Weg der Hugenotten mache, sollte ich unbedingt noch das kleine Dorf Aucelon im Roannetal besuchen, hat man mir geraten. Also mache ich mich auf den Weg. Aber von wegen Tal. Je näher ich komme, umso höher führt eine beängstigend kleine Serpentinenstrasse immer höher hinauf. Als ich ankomme, thront das Dorf direkt auf der Spitze eines schmalen Bergkammes. Sowohl rechts wie links der schmalen Dorfstraße geht es steil bergab. Ja, lacht Bruno Schön, den ich hier treffe, dafür sei der Ort berüchtigt.

    "Aucelon heißt immer der Ort, wo man die Kürbisse anbinden muss, damit sie nicht den Hang runterrollen. Ich hab gerade wieder einen Brief gelesen, Memoiren von einer Lehrerin, die 1957 hierher kam als erster Posten. Man wurde versetzt in irgendso ein Dörfchen, irgendwo am Ende der Welt. Bin hier angekommen und da hieß es: Wo ist Aucelon? Ja, da, wo man die Kürbisse anbindet, damit sie nicht den Hang runterrollen."

    Auch hier im Ort ist alles irgendwie mit der Geschichte der Hugenotten verknüpft. Noch immer kann man den kleinen Tempel der Protestantengemeinde besichtigen, der heute allerdings nicht mehr als Gotteshaus dient. Bruno Schön und seine Eltern lebten in Frankfurt, als sie in den 70er-Jahren mal hierher kamen. Sein Vater wusste, dass seine Vorfahren aus diesem Ort stammten. Aber damals wohnte fast niemand mehr hier. Die Landflucht hatte eingesetzt. Wer konnte, ging weg. Heute besitzt Bruno Schön und seine Familie hier vier Wohnungen und sie kommen jedes Jahr in den Ort ihrer Vorfahren.

    Am anderen Ende des Dorfes treffe ich Margarete Obermeier. Im Winter lebt sie in Genf. Aber auch sie zieht es schon seit den 70er-Jahren im Frühjahr und Sommer immer in die Berge. Das Leben sei hier oben natürlich sehr einfach, meint die 75jährige Dame - die Natur dafür umso schöner.

    "Ich sag immer als Erstes: Wir sind außerhalb der Welt. Man kann hier die Natur lieben und keine großen Ansprüche stellen in Bezug auf moderne Bequemlichkeiten und dann hat man das allerschönste hier. Das Panorama, der nahe Wald, der Kuckuck, der jetzt ruft. Die Blumen, die Jahreszeit gemäß blühen, Blumensträucher. Das fängt im Februar meistens schon an mit den blühenden Mandelbäumen, dann kommen zu Pfingsten der Ginster. Dann sind die Hänge ganz goldgelb vor blühendem Ginster und so geht's weiter. Und dann kann man sein Mittagsschläfchen halten und die Zikaden singen einen in den Schlaf."

    Und dann, während wir zusammen ins Tal blicken, erzählt auch sie eine Hugenottengeschichte.

    "Als ich zum ersten Mal hier ankam und den ersten Sommer hier verbrachte mit meinen Kindern, da war ein Pastor hier und der hatte was mitgebracht, was Historisches und zwar war es ein Hut. Es war ein Kelch, den man in drei Teile zerlegen konnte."

    In der Zeit der Wüste, wie die Hugenotten die knapp hundert Jahre der Verfolgung nach dem Widerruf des Edikts von Nantes nannten, reisten immer wieder Untergrundpriester durch Frankreich, um heimlich in Wäldern Gottesdienste zu feiern. Wurden sie gefasst, war es ihr Todesurteil.

    Ritualgegenstände wie ein Kelch, der sie verraten hätte, musste daher natürlich besonders gut versteckt werden.

    "Die drei Teile des Kelches, die konnte man ineinander schrauben, um das Abendmahl würdig zu feiern und das war in dem Hut untergebracht und das hat mich damals sehr beeindruckt."

    Von Aucelon fahre ich zurück nach Bourdeaux, um mich selbst auf den Weg zu machen. Wir sind eine Wandergruppe von etwa 20 Deutschen und Franzosen, als wir uns am Ostersamstag bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg machen. Seit zwei Jahren wird die Wanderwoche Exil und Toleranz in der Gegend während der Karwoche veranstaltet. Auf schmalen Trampelpfaden geht es entlang kleiner Bäche Richtung Norden. Immer entlang der Markierung: die weiße Silhouette eines Wanderers auf blauem Grund.

    "Wir wandern durch den Hugenottenweg zwischen La Chaudière und St. Benoit auf ungefähr dem historischen Weg von der Flucht der Hugenotten, die nach Norden nach Grenoble und der Schweiz geflohen sind."

    Erklärt mir Pierre Mückensturm. Er ist Bergführer, aber auch Historiker und hat die Geschichte dieser Fluchtwege über Jahre erforscht. Hier in der Gegend, erklärt er, während wir über die Höhen laufen, war es für die Flüchtlinge noch nicht ganz so gefährlich, weil es in den Dörfern noch viele Glaubensbrüder gab, die man um Hilfe bitten konnte.

    "Bis zur Mens war es ein Hugenottengebiet, die hatten noch Freunde. Danach in Grenoble war es viel gefährlicher und es sind viele in Grenoble und der Gegend verhaftet worden. Was man durch die Archive sieht, sind die Verhaftungen. Man sieht den Ort, wo die Hugenotten verhaftet waren, und die Namen und den Ursprung der Hugenotten."

    In den Gegenden, wo nur wenige Hugenotten lebten, gab es ganz unauffällige Zeichen, die nur den Eingeweihten bekannt waren.

    "Das ist geheim geblieben für Jahrhunderte. Meine Kollegin hat Forschung gemacht in dem Gebiet La Chaudiére über die Hugenotten und nach einigen Jahren haben die älteren Hugenotten ihr das erklärt. Es hat sehr viel Zeit und Vertrauen gebraucht, aber jetzt in Chatilion mit der Stadtbesichtigung ist das öffentlich. So fällt das sofort auf."

    Nur durch ein ganz kleines Detail am Haus konnten die Flüchtlinge erkennen, dass sie hier Schutz finden konnten.

    "Wenn es gemischt war, wie zum Beispiel in Chatilion, gab es besondere Kennzeichen, um die Häuser zu bemerken. Und das Kennzeichen ist der untere Haken von dem Laden, der umgekehrt ist, Fensterladen. Das merkt man nie. Wenn man es mir nicht gezeigt hätte, hätte ich es nie bemerkt."

    Am Nachmittag ziehen plötzlich Wolken auf und innerhalb kürzester Zeit regnet es wie aus Eimern. Völlig durchnässt, geht es entlang schmaler Trampelpfade entlang der Bergkämme. In den Tälern, auf den normalen Handelswegen wäre zur Zeit der Verfolgungen die Gefahr einer Gefangennahme viel zu groß gewesen. Also geht es bergauf, dann wieder steil die feuchten Hänge herunter. Auch ohne schweres Gepäck ist der Weg beschwerlich. Damals, ohne Wissen, wo man Unterschlupf finden konnte, immer auf der Hut vor den Häschern des Königs, oft mit Kind und Kegel, muss es eine wirkliche Tortur gewesen sein.

    Übernachtet wird in Zelten, aber vorher wird gegessen, getanzt und gesungen zur Musik einer Band, die extra für uns auf den Berg gekommen ist.

    Am Ostersonntag geht es dann um 5 Uhr morgens los. Noch ist es Nacht. Ausgerüstet mit Stirnlampen, tasten wir uns mühsam voran. Noch sind es einige Stunden bis zur Morgendämmerung. Immer mit dem Gedanken an das Schicksal all der Flüchtlinge weltweit, damals wie heute. Dann endlich hebt sich langsam der Schleier der Nacht.

    Als wir bei einem Felsvorsprung oberhalb des Städtchens Die ankommen, werden wir von Mitgliedern der evangelischen Gemeinde mit Gesang und warmem Tee empfangen. Seit einigen Jahren, erklärt mir Pfarrer Castelnau, versammele sich die Gemeinde hier, oberhalb der Stadt am Fuß eines großen Eisenkreuzes, das die Stadt überragt.

    "Die Bibel sagt, dass die Frauen sind zum Grab Christi gekommen am Anfang des Tages, wenn die Sonne ist hoch gegangen. Ostern beginnt am Sonntagmorgen, wenn die Sonne aufgeht."

    Das schwere Eisenkreuz, unter dem wir stehen, ist durchsiebt von Einschusslöchern. Von deutschen Jagdfliegern, erklärt mir der Pfarrer. Hier im Vercors Gebirge war die französische Résistance gegen die Nationalsozialisten besonders stark. In Bergdörfern ganz in der Nähe wurden damals zur Abschreckung hunderte Zivilisten von den Nazis ermordet. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf beginnen wir, unter dem Kreuz zu beten.

    Und dann singen die Franzosen ihr Osterlied. In Deutschland wird diese Händel-Melodie als "Tochter Zion Freue Dich" in der Adventszeit gesungen.

    Hier sei es so etwas, wie die Marseillaise der französischen Protestanten, die immer zu Ostern gesungen wird, erklärt mir Paul Castelnau und singt so laut, dass man es wohl auch im Tal noch hören kann.

    Wer selber den Spuren der Hugenotten folgen will, der findet viele hilfreiche Hinweise, auch über Wegstrecken in Deutschland auf der Internetseite:

    www.hugenotten-waldenserpfad.eu

    Dort führt auch ein Link zu den Anbietern von www.Vercors-Escapade.com die im französischen Departement Drome individuelle Wandertouren auf der historischen Route anbieten und jeweils in der Karwoche die Wandertour "Exil und Toleranz" organisieren.