Montag, 23. Mai 2022

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Auf den Spuren von Ethel Smyth
"The Prison"

Ethel Smyth zählt zu den Unbekannten der Musik Großbritanniens: Seit 20 Jahren veröffentlicht das Label Chandos die Musik der Komponistin und Wortführerin der englischen Frauenbewegung nach 1900. Mit "The Prison" ist jetzt das Hauptwerk aus Smyths letzter Schaffensphase erschienen.

Am Mikrofon: Georg Beck | 14.02.2021

Auf dem alten s/w Bild ist das Porträt einer Frau im Stil des 19. Jahrhunderts zu sehen.
Dame Ethel Smyth: die erste Komponistin, die an der New Yorker Met aufgeführt wurde. (imago stock&people/WHA United Archives)
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"
Der erdige Klang eines spätromantischen Orchesterapparats: der Beginn von "The Prison", der 1931 uraufgeführten Sinfonie für Sopran, Bass-Bariton, Chor, Orchester von Ethel Smyth nach dem gleichnamigen Buch von Henry Bennet Brewster. Eine Musik, von der wir gleich spüren, dass sie mit ihrer Emphase, ihrem Schmelz, ihrem Pathos tief verwurzelt ist im 19. Jahrhundert. So sahen es übrigens auch die Zeitgenossen: "very german", sehr deutsch, "sehr nach Wagner" klinge die Musik dieser Ethel Smyth.
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"
Umhüllt von tiefen Streichern, von Soli der Geige, der Harfe, umschmeichelt von Hörnern, mitgehenden Holzbläsern, verschafft sich die Stimme des "Prisoners" Gehör. Ein Erwachen um Mitternacht, ein vor der Hinrichtung stehender Gefangener vergewissert sich: Wo bin ich? Was geht vor? - Im gerade verklungenen Ausschnitt hörten wir den Bass-Bariton Dashon Burton zusammen mit dem New Yorker Experiential Orchestra unter James Blachly. - Dann bekommt der Gefangene Gesellschaft. Mit der Sopranistin Sarah Brailey meldet sich seine "Soul", seine "Seele". Mit ihr führt er ein großes Zwiegespräch. Wie sich vorbereiten auf das Ende des Lebens?
Es war die erste und die letzte Sinfonie, die Ethel Smyth geschrieben hat. "The Prison" greift aus ins Oratorische, ins Melodramatische - alles sehr innig, sehr entrückt. So leicht ist der Zugang nicht. Man muss sich einhören.
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"

Komponieren gegen das Vergessenwerden

"Der genaue Wert meiner Musik wird wohl nicht eher bekannt werden als bis davon nichts mehr übrig ist als geschlechtslose Punkte und Linien auf Notenpapier" vertraute Ethel Smyth 1928 ihrer Autobiographie an. Heute, ein Menschenalter nach ihren Tod, wissen wir, dass sie recht hatte. Mit Neunzehn, im Jahr 1877 ging sie nach Leipzig, um am dortigen Konservatorium Komposition zu studieren. Johannes Brahms schickte sie anonym ihre Partituren. Als dieser erfuhr, dass die Fugen, die er sehr interessiert durchgeschaut hatte, von einer Frau komponiert worden waren, lehnte er jede weitere Beschäftigung damit ab.
Ethel Smyth ließ sich nicht entmutigen, hielt mit starkem Willen, mit Arbeitseifer und mit guten Beziehungen dagegen. Zwischen 1892 und 1924 schrieb sie sechs Opern. 1903 wurde sie die erste Komponistin, von der ein Werk an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt wurde. 1922 erhob sie König Georg V. in den Adelsstand. "Ich möchte, dass sich Frauen großen und schwierigen Aufgaben zuwenden. Sie sollen nicht dauernd an der Küste herumlungern, aus Angst davor, in See zu stechen", schrieb Dame Ethel Smyth in ihrer Autobiographie.
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"
Für wen diese Musik gut sei, wurde James Blachly, der Dirigent dieser Ersteinspielung von der New York Times gefagt. Für jemanden, so die Antwort, der einen lieben Menschen verloren hat. Man kann dem nur zustimmen. Diese Musik ist Trostmusik und sie ist Bekenntniswerk. Für ihre Sinfonie hat Ethel Smyth die letzten Äußerungen des Gefangenen im philosophischen Buch ihres Freundes Brewster ausgewählt, sie auf die beiden Gesangsrollen und den Chor verteilt.
Diese Chor-Stimmen sind es, die den mystischen Dialog zwischen dem Gefangenen und seiner Seele vollends ins Überirdische heben, wenn sie singen: "We are full of immortality" - wir sind angefüllt mit Unsterblichkeit. Die Botschaft: Das wahre Gefängnis ist das Gefängnis unseres Leibes. Im tiefen c-Moll war Ethel Smyth gestartet, jetzt ist sie angekommen im himmelweit entfernten E-Dur. "The Prison" hielt sie für ihr bestes Werk.
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"

Engagiert für die Stimmlosen in der Gesellschaft

Experiential Chorus, begleitet von Experiential Orchestra New York, mit "Voices sing of immortality" aus "The Prison" von Ethel Smyth. Musik ist höhere Offenbarung als alle Religion - Ethel Smyth hat dieses Bekenntnis Beethovens entschieden geteilt. Doch so überirdisch ihre Kunst sich artikuliert, im Leben blieb ihr - apropos "Prison" - das Irdische nicht erspart. Mit den real existerenden Gefängnissen dieser Welt hat Ethel Smyth, das Mitglied des militanten Flügels der Frauenwahlrechtsbewegung, nämlich auch Bekanntschaft gemacht.
Zwei Monate hatte composer Ethel Smyth bekommen für Steinwürfe gegen die Fensterscheiben des britischen Kolonialsekretariats. Thomas Beecham, der Dirigent, der die Komponistin sehr schätzte, hat sie besucht, im Londoner Frauengefängnis Holloway. Ihre Mitgefangenen, berichtet Beecham, sangen "March of the Women", die von Ethel Smyth komponierte Hymne der Frauenbewegung. Und Ethel Smyth habe den Chor mit einer Zahnbürste dirigiert, durch die Gitterstäbe ihres Zellenfensters.
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"
Dass es James Blachly, dem Dirigenten des Experiential Orchestra ein Herzensanliegen gewesen ist, gut und gern neunzig Jahre nach der Uraufführung diese Referenzaufnahme zu realisieren, dies ist dieser Einspielung ohne weiteres zu entnehmen - ihrer Binnenspannung, ihrer Gelöstheit, was in diesem Fall kein Gegensatz ist. Eigentlich kaum zu glauben, dass es diese New Yorker Formation erst seit zehn Jahren gibt, so warm und weich ist der Orchestersound, so gut eingebunden sind Holz- und Blechbläser in den Streicherpart.

Ein Stück Zukunft wird hörbar

Gestartet war man dabei absolut crossovermäßig mit sogenannten "Loft Parties". Maximale Tuchfühlung zum Publikum: Mitjammen, Mittanzen wie etwa bei Strawinskys "Le Sacre" war, ist Experiential-Programm. Daneben stehen die "Listening Concerts", die Zuhör-Konzerte. Ein Spagat, der Blachly ganz wunderbar gelingt. Für die Zeit nach Corona, so scheint es, sind diese hellwachen Akteure bestens gerüstet. Ein Stück Zukunft, das da hörbar wird.
Und, was diese Aufnahme angeht, so hören wir auch, was für eine tolle Komponistin diese Ethel Smyth gewesen ist. Sehr schön etwa zu Beginn des zweiten Teils, wo der Prisoner ein zweites Mal erwacht, in der Gefängniskapelle - nur, dass Ethel Smyth dieses Aufwachen jetzt ganz ins Orchester verlegt. Fließende Achtel, die von fern an die Hirtensinfonie aus Bachs Weihnachtsoratorium erinnern, womit die Einladung ausgesprochen ist: Einfach daliegen, sich mitnehmen lassen, alles andere wegträumen.
Musik: Ethel Smyth - "The Prison"
"The Prison", Symphony for Soprano, Bass-baritone, Chorus, Orchestra
Dame Ethel Smyth
Words by H.B.Brewster
Dashon Burton, Bass-Baritone
Sarah Brailey, Soprano
Experiental Chorus and Orchestra
Leitung: James Blachly
Label: Chandos