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Auf der heimischen Couch

Schon lange hapert es an der ambulanten Versorgung psychisch Erkrankter. Eine Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten, Kliniken und Pflegediensten fehlt. Eine Initiative in Berlin will das nun ändern.

Von Marieke Degen | 30.03.2010
    Die Tapeten im Wohnzimmer sind vergilbt, an der Wand ein Bild mit einem großen, bunten Blumenstrauß, es riecht nach Rauch. Marga K. sitzt auf dem beigen Plüschsofa. Eine rundliche Frau um die 80, ihr Blick ist müde, schweift über ihre Hände, über den Couchtisch und schließlich zu Norbert Mönter im Sessel gegenüber.

    "Wie geht’s Ihnen?" – "Nicht besonders." - "Was ist los?" – "Einsam. Die Einsamkeit." – "Das macht Ihnen zu schaffen, ja?" – "Das Alleinsein." – "Das ist das Schwierigste, ja?"

    Doktor Norbert Mönter ist Psychiater mit einer Praxis in Berlin-Charlottenburg. Er kennt seine Patientin seit Jahren, heute hat sie einen guten Tag, sagt er.

    "Als ich Sie gestern angerufen habe, da wirkten sie ganz lebendig, ganz fröhlich. (Tatsächlich? Fröhlich bin ich eigentlich nie.) Doch, Sie können lachen, ich weiß es genau."

    Marga K. leidet an Angstzuständen und schweren Depressionen. Früher musste sie deswegen regelmäßig in die Klinik. Doch seit zwei Jahren betreut sie ihr Arzt zu Hause. Möglich macht das die so genannte integrierte Versorgung psychisch kranker Menschen. Das bedeutet: Psychiater, Pfleger, Soziotherapeuten und zum Teil auch Kliniken arbeiten Hand in Hand. Sie beraten über Therapiepläne und Medikamente, um den Patienten bestmöglich zu behandeln – und zwar in seiner gewohnten Umgebung.

    "Und so, wie ist es denn abgesehen von der Einsamkeit die letzten Wochen so gewesen?" – "Das geht eigentlich." – "Schlaf ist in Ordnung?" – "Ist in Ordnung." Und gab es noch mal solche Angstattacken?" – "Eigentlich nicht." – "Und mit den Medikamenten komme Sie klar?" – "Ja."

    Norbert Mönter macht etwa alle drei Monate einen Hausbesuch bei Marga K.

    "Die Frau Hachmine kennen Sie ja." – "Die kommt öfter, die bringt mir immer ein Stück Kuchen mit." – "Das gefällt Ihnen, nicht?" – "Das gefällt mir."

    Klaudia Hachmine, Fachkrankenschwester für Psychiatrie, schaut fast täglich vorbei. Sie unterhält sich mit Marga K, geht mit ihr spazieren und gibt ihr das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie merkt sofort, wenn sich bei ihrer Patientin eine Krise ankündigt.

    "Es gibt dann sehr verzweifelte Momente, in denen dann sämtliche ambulante Dienste angerufen werden im Viertelstunden-Takt, es kommt dann der Hilfeschrei, kommt, seid für mich da, lass mich nicht allein, und dem können wir dann auch schnell Folge leisten."

    Seit drei Jahren wird das neue Behandlungskonzept in Berlin angeboten. Es richtet sich an psychisch schwer kranke Menschen, die dringend eine Therapie brauchen, aber zu krank sind, um ihre Wohnung zu verlassen. Viele haben außerdem Angst, in eine Klinik eingewiesen zu werden.

    "Bei allem Bemühen der Kollegen in den Kliniken – so schön ist es in den psychiatrischen Kliniken nun wirklich nicht. Wenn bei den jungen schizophrenen Patienten ohnehin eine brüchige Behandlungsbereitschaft da ist, dann schafft man es am ehesten noch, wenn man sagt, okay, wir versuchen alles draußen, damit Sie nicht in die Klinik müssen."

    Nicht nur Patienten profitieren von diesem Konzept, sondern auch die Krankenkassen. Ambulante Behandlungen sind preiswerter als Klinikaufenthalte. Trotzdem sind im Moment nur wenige Kassen bereit, die integrierte Versorgung für psychisch Kranke zu bezahlen. Deshalb werden in Berlin zur Zeit auch nur 300 Patienten zu Hause betreut.

    "Frau K, der Frühling ist da!" – "Ja, das sieht man schon." – "Freuen Sie sich drauf, wenn Sie dann wieder herausgehen können – zumindest auf den Balkon?" - "Ja." – "Ja? Können Sie sich darauf freuen?" – "Ja!" – "Na das ist doch viel wert."

    Die integrierte Versorgung brauche mehr Unterstützung von den Krankenkassen, sagt Norbert Mönter. Nur dann könnten solche Konzepte langfristig bestehen – und mehr Patienten den Frühling zu Hause genießen.