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Neue Behandlungskonzepte bei Depressionen

Zweitausend Experten sind letzte Woche zum Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde nach Berlin gekommen. Ihr besonderes Augenmerk galt der Depression: Einer Geißel der modernen Industriegesellschaft mit Stress und Einsamkeit. Bei enormer Dunkelziffer gelten allein in Deutschland mehr als drei Millionen Menschen als akutdepressiv. Tendenz: steigend. Und 12.000 davon nehmen sich jedes Jahr das Leben, obwohl Depressionen immer besser behandelbar sind.

Von William Vorsatz | 25.11.2003
    Ich störe hier nur. Eigentlich will doch kein Mensch was mit mir zu tun haben. Weil ich langweilig bin.

    Das sind typische Gedanken und Gefühle von Depressiven. Die momentane Situation wird total negativ interpretiert, die gesamte Vergangenheit dunkel eingefärbt und auch für die Zukunft sehen die Betroffenen schwarz. Durch diese Haltung resignieren sie und provozieren damit wirkliche Nachteile. Mit der kognitiven Verhaltenstherapie versuchen Psychiater nun, Patienten aus diesem Teufelskreislauf herauszuholen. Über den eigenen Verstand. Im Dialog mit der depressiven Person wird geklärt, welche Gefühle und Interpretationen der Realität angemessen sind. Die Betroffenen können so trainieren, sich ihrer destruktiven Gedankenabläufe bewusst zu werden und sie schrittweise selbst zu ändern. Kongresspräsident Prof. Mathias Berger vom Universitätsklinikum Freiburg:

    Die wissenschaftliche Überprüfung ist in den letzten Jahren noch mal enorm vorangetrieben worden, dass man wirklich belegt, dass diese Therapie wirksam ist und vor allem auch Langzeitwirkung hat, also sie schützt vor neuen Episoden, und das Besondere daran ist natürlich, dass von dem guten Menschenverstand ausgehend, daraus eine wirkliche Technik, eine Strategie des Gesprächs gemacht wird, und das alles eben sehr genau operationalisiert ist, wie man vorgeht und von der Willkür eines unstrukturierten Gesprächs abweicht und ein wirkliches Handwerkzeug dem Therapeuten auch zur Verfügung gestellt wird.

    Während die kognitive Verhaltenstherapie also über ein neues Denken die Gefühle aufhellt, setzten moderne Psychopharmaka direkt im Gehirn an: bei den Schaltstellen der Signalübermittlung, wo über Glücks- oder Unglückempfinden entschieden wird. Ihr Vorteil: sie wirken schnell und sind daher gerade in Krisensituationen wichtig. Die neuen Medikamente haben immer weniger Nebenwirkungen. Aber noch werden sie zu unspezifisch eingesetzt, für die unterschiedlichsten Patienten. Depressionen treten nur da auf, wo äußere Stressfaktoren mit einer bestimmten genetischen Veranlagung zusammen treffen. Während manche Personen den Kick durch extreme Herausforderungen regelrecht brauchen, erholen sich andere nur schwer oder gar nicht von ihren Stressbelastungen. Heute liefert das moderne Brain Imaging immer genauere Bilder aus dem Inneren des arbeitenden Gehirns. Und diese zeigen; Depressionen verändern das Nervengewebe und sind deutlich sichtbar. Aber erfolgreiche medikamentöse und Psychotherapien hinterlassen ebenfalls ihre Spuren im Gehirn. Professor Frank Schneider von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf:

    Das ist eigentlich unsere Hoffnung, dass wir nicht nur durch genetische Untersuchungen, auch durch so genannte funktionell bildgebende Untersuchungen irgendwann für einen Einzelnen feststellen können, wie reagiert er auf die Medikation, dass wir dann eine so genannte differenzielle Medikamentation oder Psychotherapie anstellen können, dass der Patient dann das bekommt, was er genau braucht, und nicht mit dem Gießkannensystem irgendein Medikament, weil das bei allen Depressiven mehr oder weniger gut hilft.

    Im Moment jedoch werden viele Depressionen überhaupt noch nicht erkannt. Wenn Patienten zu ihrem Hausarzt gehen, schildern sie meist nur ihre körperlichen Symptome, nicht die psychischen. Wer bekommt schon gern eine seelische Erkrankung diagnostiziert. Eine aktuelle Studie zeigt, dass so jede dritte Depression übersehen wird. Bei den Älteren ist die Dunkelziffer noch höher. Weil ihnen oft eine "normale", Altersschwermut unterstellt wird, die es so überhaupt nicht gibt. Dabei sind Depressionen bei ihnen genauso erfolg-versprechend behandelbar. Trotz enormer Dunkel-ziffer gelten allein in Deutschland etwa drei Millionen Menschen als akut depressiv: Tendenz steigend. Und zwöltausend davon nehmen sich jedes Jahr das Leben. Besonders im Oktober/November und März April. Depressionen haben ihren Rhythmus, weiß Mathias Berger:

    So spielen solche sogenannten chronobiologischen Aspekte in der Depression ne große Rolle, jahreszeitliche, mit Frühjahrs- und Herbstgipfel, dann gibt es Patienten mit monatlichem Rhythmus, sogenannter cirkalunarer Rhythmus, und dann gibt es aber auch sehr viele Patienten, die einen Tagesrhythmus haben, denen es morgens viel schlechter geht als am Abend, wo die Chronobiologie, also der Zeitrhythmus des Tages auf die Symptomatik eine entscheidende Rolle spielt.

    Dazu kommen die Winterdepressionen durch fehlendes Licht. Sie ist aber eher untypisch. Die Patienten schlafen mehr, sonst haben sie üblicherweise Schlafstörungen. Sie leiden unter einer Antriebsschwäche, aber nicht so sehr unter der sonst typischen Verzweifelung. Und sie haben das so genannte Carbohydridcraving, diesen speziellen Heißhunger auf Schokolade und Süßes.
    Wann sollte nun auch der Laie skeptisch werden und eine Depression in Betracht ziehen? Wenn die traurige Anspannung sich über Tage nicht bessert. Frank Schneider:

    Viele Patienten fühlen aber auch gar keine Emotionen mehr, dazu kommen Krankheitszeichen wie z.B. Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnisstörungen, dann aber auch die so genannten vegetativen Zeichen,. Das bedeutet Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Verlust des sexuellen Interesses, daneben aber auch Verstopfung, Probleme beim Wasserlassen, also viele körperliche Symptome gehören häufig auch zu einer Depression und maskieren sie auch.

    Summieren sich einige dieser Symptome, sollte der Hausarzt oder Psychiater gezielt informiert werden. Denn Depressionen sind heilbar. Wenn sie vorher erkannt werden.