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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Auf der Spur der Filme10.07.2006

Auf der Spur der Filme

Zeitzeugen erzählen Geschichte der DEFA

Die umfangreiche Materialsammlung "Spur der Filme" dokumentiert die 60-jährige Geschichte der DEFA. Mehr als 40 Regisseure, Drehbuchautoren, Dramaturgen, Schauspieler und Filmfunktionäre kommen zu Wort und erzählen meist anekdotisch von den Entstehungsbedingungen der rund 950 Filme, die zwischen 1946 und 1990 in den Babelsberger Studios der DEFA gedreht wurden. Die Texte wurden aus rund 400 Stunden Interviews ausgewählt.

Von Josef Schnelle

Blick in einen Projektorraum in einem Kino. (AP Archiv)
Blick in einen Projektorraum in einem Kino. (AP Archiv)
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Nicht nur "Solo Sunny" und "Spur der Steine"
Mehr als Propagandafilme

"N´abend kleine Chefin, schon Schlafen gehen?"

"Deshalb hab ich die Decke vorgehängt."

"Ich wollt’ Sie nämlich ins Kino einladen. Mit Ihnen würd’ ich mir sogar einen DEFA-Film ansehen."

"Ich bin untröstlich, aber schon ausgezogen."

"Schade, hätte nämlich was mit Ihnen zu besprechen."

"Im Kino?"

Eine Szene aus "Spur der Steine" – einem der bekanntesten Filme der DEFA, des staatlichen DDR-Filmstudios "Deutsche Film AG". Der Film von Frank Beyer erzählt die Geschichte des Nonkonformisten Balla, der mit seiner raubeinigen Art auf einer Baustelle stets aneckt. Nur gegenüber der jungen Ingenieurin Kati ist er handzahm.

"Spur der Filme" nennen die Herausgeber Ingrid Pross und Peter Warnecke in Abwandlung des Filmtitels nun ihre Materialsammlung zur Geschichte der DEFA. Sie erinnern damit an die produktivste und zugleich schwierigste Zeit des DDR-Staatsfilmstudios. "Spur der Steine" wurde 1966 verboten und wurde als einer der so genannten Tresorfilme erst 1989 wiederaufgeführt. Fast die gesamte Produktion des Jahres 1965 mit weiteren Filmen wie "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig und "Denk bloß nicht, ich heule" von Frank Vogel wurde damals aus dem Verkehr gezogen.

Eine Folge des berüchtigten 11. Plenums des ZK der SED Ende 1965, bei dem die DDR-Granden eine Eiszeit in der Kulturpolitik einläuteten. Der stellvertretende Kulturminister Günter Witt, zuständig für die DEFA, muss sich rechtfertigen und wird vom jovial sächselnden Walter Ulbricht im abgebrühten Jargon der Macht abgekanzelt.

Günter Witt: "Ich spreche jetzt darüber, dass der Fehler bei A anfängt, dass nicht an dem Drehbuch und all dem vorlag, bevor die Produktion losging, dass da keine kritische und prinzipielle Diskussion geführt wurde. Und das ist jetzt die Folge."

Walter Ulbricht: "Nu hör mal. Darum ging es doch nicht. Hör mal. Im Politbüro hast Du doch gesagt, dass Du der Meinung bist, dass man diese Filme zeigen muss, damit sie zur allgemeinen Diskussion gestellt werden, sozusagen eine freie Meinungsäußerung möglich ist. Das heißt Erziehung der Jugend mit Hilfe dieser Filme, heißt das. Darum, um diese eine einzige Frage geht das."

Günter Witt musste gehen, ebenso sein Chef, der Kulturminister Hans Bentzien. Renommierte Regisseure wie Frank Beyer erhielten Drehverbot. Lange erholte sich die DEFA nicht von diesem Schlag. Bis auf weiteres verlegte man sich auf Kinderfilme und die DDR-Western mit Gojko Mitic als edlem Indianer. Der vorliegende Band dokumentiert allerdings sehr deutlich, dass die gesamte Geschichte der DEFA eine Geschichte von heftigen Auseinandersetzungen mit der staatlichen Kulturpolitik der DDR geprägt ist. Über 40 Regisseure, Drehbuchautoren, Dramaturgen, Schauspieler und Filmfunktionäre kommen zu Wort und erzählen meist anekdotisch von den Entstehungsbedingungen der rund 950 Filme, die zwischen 1946 und 1990 in den Babelsberger Studios der DEFA gedreht wurden. Die Texte wurden aus rund 400 Stunden Interviews ausgewählt. Eine kurze Einführung zum jeweiligen Jahrzehnt ist vorangestellt. Darauf folgt jeweils unter dem Rubriktitel "Spielräume" lebendige Filmgeschichte. An einer Stelle fasst Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase die gesamte künstlerische Entwicklung der DEFA so zusammen.

"Durch die gesamte Zeit, in der man dem Unternehmen namens DDR auf eine gewisse Weise angehörte, passierte es, dass es größere und kleinere Meinungsverschiedenheiten darüber gab, was für Filme man machen sollte, wie man seine Bücher schreibt, was man malt, welches Theater man spielt. Letzten Endes hing es immer damit zusammen, wie viel Realität die Gesellschaft braucht, und wie viel sie sich traut. Natürlich, weil das Ganze staatlich verwaltet war und die Gesellschaft eine Pyramidenstruktur hatte und das Kino keine individuell gefertigte, sondern eine kollektiv hergestellte Kunst ist, die staatliches Geld nahm, haben sich Meinungsverschiedenheiten immer sehr schnell zu einem Ideologismus entwickelt: manchmal mit Behinderungen und manchmal mit massiven Verboten. Wobei die subtilste Form die mangelnde Ermutigung ist. Das war die am meisten verbreitete Form der Zensur."

Die Publikation gehört zur Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das kulturelle Erbe der größten deutschen Filmproduktion zu bewahren. So liegt es in der Natur der Sache, dass man sich oft etwas verloren fühlt und orientierungslos im auf über 500 Seiten ausgebreiteten Material wühlt. Man kann diesen Materialband wohl nur als einen ersten Schritt in Richtung der Erforschung des DDR-Kinos verstehen und Einzelheiten herausgreifen, um ein Stück fast vergessener Filmgeschichte besser wieder lebendig machen zu können. Da ist zum Beispiel dieses Foto des ersten DEFA-Vorstands mit drei Herren in schlecht geschnittenen deutschen Nachkriegsanzügen und drei Männern in sowjetischer Uniform auf Seite 41. Die Deutschen schauen etwas ängstlich, die Russen durchaus entschlossen in die Zukunft des eben gegründeten Unternehmens. Diese Aktiengesellschaft arbeitete und funktionierte nach dem Prinzip deutscher AG mit einer Mehrheit der russischen Seite, was die DEFA zunächst zum reinen Dienstleister für die Russen machte. Bis Walter Janka 1947 DEFA-Direktor wurde:

"Ich berief dann eine Vorstandssitzung ein. Auf dieser Sitzung mit den Russen sagte ich: 'Ihr habt meinen Vorgänger aufs Kreuz gelegt, diese Sauerei machen wir nicht mit. Der Vertrag ist null und nichtig, ich habe ihn zerrissen, wir werden jetzt einen neuen aushandeln.' Da sahen sie mich an, als ob ich verrückt geworden wäre. Die Russen sprachen gut Deutsch, es musste nicht übersetzt werden. Ilja Trauberg war Filmfachmann und ein ganz fantastischer Charakter - überhaupt keiner, der als Sieger nach Deutschland gekommen war, sondern als kulturvoller Mensch. lexander Dymschitz, mit dem ich später eng befreundet war, und Trauberg wollten hier das machen, was sie in Russland nicht tun durften. Und da trafen wir uns. Wir diskutierten 14 Tage lang. Es entstand ein neuer Vertrag, der hundertprozentig in Ordnung war, den das Politbüro bestätigte und den die Russen akzeptierten."

Die Zeitzeugenprotokolle erzählen natürlich nicht nur von Schwierigkeiten und unterdrückten Fantasien in der DEFA-Filmfabrik, auch legendäre Erfolge kommen vor wie zum Beispiel "Die Legende von Paul und Paula". Autor Ulrich Plenzdorf hat nur eine Erklärung, wie diese unkonventionelle Liebesgeschichte, Regie Heiner Carow mit Angelika Domröse und Winfried Glatzeder in den Titelrollen, zum Kultfilm werden konnte.

"Da gab es dieses berühmte Loch in der Kulturpolitik, als keiner so richtig wusste, was kommt denn nun, nachdem Ulbricht weg und Honecker noch nicht so richtig da war. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt für diese Story, die sonst bei der DEFA nicht machbar gewesen wäre. Auch mehr oder weniger durch Zufall stießen wir auf diese Gruppe Puhdys, die sich dann durch diesen Film einen Namen machte. Die waren damals noch ganz frisch, unbekannt und hungrig. Auch wir waren im Grunde genommen hungrig, obwohl wir schon mehr als 30 Jahre auf dem Buckel hatten, aber wir hatten auch eine Menge versäumt und nachzuholen."

DEFA verweht - was ist von ihr geblieben. 1990 löste sich mit der DDR auch der VEB-DEFA auf. Erste Entlassungen folgten. Von 1992 - 1997 versuchte der deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff im Auftrag des Weltkonzerns Vivendi, ein neues Großstudio hinzubekommen. Er scheiterte kläglich. Das Geschäftsmodell eines Filmstudios mit festem Personal war in der ganzen Welt ein Auslaufmodell und die Studios in Tschechien und Rumänien im Zweifel billiger für die herbeigesehnten Hollywoodproduktionen. 2004 ging das Gelände überraschend an private deutsche Investoren. Trotz eines Interviews mit Volker Schlöndorff und mit Carl Woebcken, der jetzt das Sagen hat, weiß man am Ende des Bandes nicht wirklich, wohin die Reise geht. Das ideelle Erbe, der Geist der DEFA, sofern es einen gab, wird inzwischen anderswo gefeiert. Spätestens seit das New Yorker Museum of Modern Art mit seiner Filmschau "Rebels with a cause" im Oktober 2005 die Wiederentdeckung der DEFA auf die Tagesordnung gesetzt hat.

Der Frühjahrshit dieses Jahres in Deutschland hieß "Sommer vorm Balkon", Regie: Andreas Dresen. Manche sagen, irgendwie sei das doch die moderne Variante eines DEFA-Films gewesen. Vielleicht, Altmeister Michael Kohlhaase schrieb jedenfalls das Drehbuch und beschwört eine neue Zukunft herauf, in der die DEFA-Geschichte aufgehoben scheint.

"Dem Kino ist es immer gut gegangen, wenn es ein so gewisses Gruppengefühl gab, also wenn eine Generation von Leuten angefangen hat, Filme zu machen - auch aufeinander bezogen. Der neue deutsche Film war die Hervorbringung einer Gruppe, und es war auch ein Gegenstand der Abneigung da, ästhetisch und gesellschaftlich. Und in der DDR ging es dem Film gut, wenn er sich rieb an Unzulänglichkeiten der Gesellschaft. Das hatte nicht unbedingt mit Dissidenz zu tun, sondern mit der Unzufriedenheit, mit der Diskrepanz zwischen den Entwürfen und der Wirklichkeit. Wenn Film sich darauf richtete und dieses dann auch noch viele versuchten, dann ging es ihm gut, und deshalb ging es ihm so schlecht, als die Anstrengungen eines ganzen Jahres verboten wurden. Am Ende des 20. Jahrhunderts stellen sich alle Fragen, die es am Anfang gab, riesengroß wieder zur Verüfügung. Und in diesem Kontext wird es Kino geben, gar kein Zweifel, Kino für viele Leute."

Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg.): Spur der Filme. Zeitzeugen über die DEFA.
Ch. Links Verlag, Berlin, 2006
568 Seiten
24,90 Euro

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