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Auf der Suche nach dem Heiligen Ort

Von Jerusalem aus sind es nur wenige Kilometer nach Bethlehem. 20 Minuten Fahrt mit dem grünen Bus vom Damaskustor. Dann steht man vor dem grauen Grenzwall, der Israel von den palästinensischen Gebieten trennt.

Von Mirko Heinemann |
    Die meisten Touristen fahren mit Reisebussen durch ein Tor in der Mauer. Nur wenige Einzelreisende gehen zu Fuß durch die Kontrolle. Auf der anderen Seite warten Taxifahrer, die sich wie Verdurstende auf die Ankömmlinge stürzen.
    Auf dem Weg in das Zentrum nimmt Taxifahrer Jalal Asakra einen Umweg über ein Flüchtlingscamp, das er mir unbedingt zeigen will. Denn Bethlehem, nach christlichem Glauben der Geburtsort Jesu, ist seit Mitte der 90er Jahre palästinensisches Verwaltungsgebiet. Eine Heimstatt für über Zehntausend Flüchtlinge, die nach den arabisch-israelischen Kriegen aus ihren Heimatdörfern vertrieben wurden. Das Camp ist ein Stadtteil aus festen Häusern, bunte Bilder auf einer Mauer erinnern an die verlorenen Dörfer. Einige Häuser weisen Einschusslöcher auf, die nur wenige Jahre alt sind.
    "Dieses Gebäude wurde in der letzten Intifada von einer israelischen Siedung aus beschossen. Der Besitzer wurde krank und ist gestorben, als er sein Haus in diesem Zustand sah. Und dieser Palast dort oben in Beit Jalah wurde von 100 oder 200 Bomben zerstört, die von Giloh aus verschossen wurden. "
    Hinter meterhoch vergitterten Höfen residiert das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Bethlehem - ein heiliger Ort?
    Die Geburtskirche am Rande der Altstadt ist eine massive Burg. Kreuze ragen über den Festungsmauern auf. Vor der Kirche: ein Verkehrschaos aus Bussen, Taxis und Besuchergruppen, die von emsigen Touristenführern angeführt werden. Sie halten Fähnchen in den Händen. Aus den Lautsprechern der Moschee gegenüber schallt eine Predigt. Die Besucher schieben sich einer nach dem anderen durch einen niedrigen Durchlass in das finstere Innere der Kirche. Es sind Hunderte.
    Die Geburtskirche in Bethlehem zählt zu den ältesten Kirchen der Welt, erbaut im 6. Jahrhundert. Ihr Inneres ist dreigeteilt, in einen katholischen, einen orthodoxen und einen armenischen Teil. Soeben halten die katholischen Franziskaner eine Messe ab, während Hunderte von Besuchern um die betende Gemeinde herum laufen, um den orthodoxen Teil zu erreichen.
    Nach dem nüchternen katholischen Trakt fühle ich mich wie in einem orientalischen Palast. Vor einer Ikonostase, einer Wand voller düsterer Heiligenbilder, hängen goldene Leuchter. Hunderte von Kerzen tauchen den Raum flackerndes Licht. Vor einer Ikone der Jungfrau Maria kniet eine ältere Dame nieder, küsst sie mehrfach und bekreuzigt sich.

    Im Mittelschiff der Kirche erkennt man unter Holzdeckeln Bodenmosaiken aus dem 5. Jahrhundert. Die Säulen sind mit Malereien aus der Kreuzfahrerzeit verziert. Doch niemand interessiert sich für die alten Schätze. Die Menschen warten in einer Schlange, die sich durch die gesamte Kirche zieht und an einer Treppe im hinteren Teil endet. Sie führt hinunter zum Allerheiligsten: zu dem Ort, an dem der Legende nach Jesus Christus geboren wurde.
    Unten im Gewölbe flackert ein Blitzlichtgewitter. Trotz der brummenden Lüftung ist es heiß und stickig. Milde lächelnd beobachtet ein Priester im schwarzen Gewand das Treiben.

    Die Geburtsstätte ist keine Krippe, sondern eine Grotte von der Größe eines Kamins. Ein junges Paar kniet nieder und legt seine Hände auf den Silberstern auf dem Boden, der die Stelle von Jesus Geburt kennzeichnet. Hic de Virgine Maria Jesus Christus natus est, ist dort eingraviert. "Hier wurde Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren." Die Freunde fotografieren das Paar.

    Angesichts der Menschenmassen finde ich es schwer, ein feierliches Gefühl zu entwickeln. Immerhin ist dies einer der wichtigsten Orte der Christenheit. Doch man möchte einfach nur schnell wieder hinaus aus dem Keller.
    Auf dem Kirchhof treffe ich eine deutsche Touristengruppe. Den Damen geht es ähnlich wie mir.

    "Mich hat das alles sehr beeindruckt, allerdings ist der Kommerz viel zu groß. Überall wird einem was verkauft, überall wird einem was aufgedrängt. Und die Menschenmenge - ich find das fast unanständig - mehr Rummelplatz als sonst was. Also das Heilige spürt man nicht wirklich. Aber so stellt man sich ja vieles sehr idyllisch vor, und die Realität ist häufig ganz anders."
    "Ich habe es mir anders vorgestellt. Ruhiger. Und irgendwie feierlicher. Das ist ein Rummel hier. Aber aus dem bisschen machen wir halt was. Wir waren hier und freuen uns. Schönen Tag, die warten auf mich. "
    Und schon sind sie weg, in Richtung Ausgang. Sie tauchen in die Anonymität der Gruppe ein, die sich Richtung Busparkplatz bewegt. Der Einzelreisende dagegen ist schutzlos der einheimischen Bevölkerung ausgeliefert. Und so finde ich mich, kaum, dass ich die Kirche verlassen habe, in einem Souvenirshop wieder. Der Besitzer hat mich nach allen Regeln der Kunst abgeschleppt.
    Es ist ein fürchterlicher Souvenirshop. Kitschige Weihnachtskrippen aus Holz, Kruzifixe und jede Menge Klimbim vom grinsenden Stoffkamel bis zum Bethlehem-Kaffeepott.
    Aber wie sagt man das dem jungen Mann, dessen Mutter noch schnell einen arabischen Kaffee hingezaubert hat, gewürzt mit Kardamom, gesüßt mit viel Zucker.

    Was immer der Herr Tourist sich wünscht, soll er bekommen. Er wünscht aber nichts. Will bloß reden. Zum Beispiel darüber, wie das Verhältnis von Christen und Muslimen in der Stadt ist.

    "Christen und Muslime - das sind alles Palästinenser. Unser großes Problem ist die Besetzung durch Israel. Es macht keinen Unterschied, ob du Christ oder Moslem bist. Wenn die Israelis kommen und Ärger machen, schauen sie nicht darauf, ob du ein Kreuz trägst oder fragen nach deiner Religion."
    Nasser Alawy ist griechisch-orthodoxer Christ, und damit gehört er inzwischen zur Minderheit in Bethlehem. Einst waren Christen hier in der Mehrzahl, doch immer mehr wandern aus. Hinzu ziehen Muslime aus anderen Teilen der Westbank - oft die Ärmsten der Armen. Es ist eine Spirale, die sich abwärts dreht.
    "Seit 2002 haben 65 christliche Familien Bethlehem verlassen, alles in allem waren es 700 Menschen. Sie sind gegangen, weil es keine Jobs gab, weil es sehr schwer wurde zu überleben. Das lag einerseits sicherlich an der Intifada, aber auch an der Mauer. Seit die Mauer steht, fühlen wir uns hier wie in einem großen Gefängnis. "
    Nasser Alawys Familie lebt seit vielen Generationen hier; eine alt eingesessene Händlerfamilie, die ihr Geschäft mit den Strömen von Pilgern aus aller Welt macht.

    "Die Menschen hier in Bethlehem leben vom Tourismus. Wenn Touristen kommen, geht es den Menschen gut. Jetzt gibt es zwar wieder Touristen, aber das Problem ist, dass sie nur die Kirche besuchen und anschließend nach Jerusalem zurückfahren. Wir Händler haben also nichts davon, wir können kaum unsere Familien ernähren. Viele Hotels sind leer. Manchmal kommen Reisegruppen aus Tschechien oder Polen und übernachten hier, denn die Hotels in Israel sind oft ausgebucht und sehr teuer. Hier können sie sehr günstig übernachten, deswegen gibt es hier wenigstens einige Touristen."
    Ich entdecke die interessante Architektur des Ladens. Das Haus ist in eine Höhle hineingebaut, so ähnlich wird es hier schon zu Jesu Zeiten ausgesehen haben. Vielleicht befand sich vor 2000 Jahren genau an dieser Stelle eine der biblischen Herbergen, die das Paar Maria und Josef abgewiesen haben sollen.
    Draußen, im Basar, dem arabischen Souk, wimmelt es vor Menschen. Die Läden sind offen, man kann in die Werkstätten hineinsehen, in denen die hölzernen Rohlinge für die Krippen, Kruzifixe und die anderen Souvenirs entstehen. Erst der Touristenboom hat aus Bethlehem eine Stadt gemacht. Zu Jesu Zeiten lebten hier einige hundert Menschen, heute sind es beinahe 200.000.

    Im Nu bin ich von Kindern umringt.

    Aus der freundlichen Begrüßung werden knallharte Verhandlungen. Die Kinder verkaufen Postkarten. Aus dem Laden gegenüber winkt mich ein Mann zu sich. Er ist wütend.

    "Geben Sie diesen Kindern nichts. Wenn Sie ihnen Geld geben, gehen sie nicht zur Schule. Das sind Straßenkinder. Ihre Mütter schicken sie auf die Straße und machen Bettler aus ihnen. Diese Leute sind nicht aus Bethlehem, sie kommen aus Hebron. Ungebildete Menschen, die zum Betteln herkommen. Bitte erzählen sie Ihren Freunden und allen, dass es nicht die Christen sind, die hier betteln. Es sind die Moslems."
    Issa Manolis ist Souvenirhändler, und im Gespräch wird deutlich, dass das Zusammenleben der Religionen hier doch nicht ohne Probleme verläuft. Der alte Mann schwärmt von den alten Zeiten, als die Christen noch die Bevölkerungsmehrheit stellten.
    Als wenn Bethlehem nicht schon laut genug wäre, ziehen heute auch noch die Pfadfinder durch die engen Gassen der Altstadt. Die Scoutbewegung gelangte mit der alten Kolonialmacht Großbritannien in den Nahen Osten und feiert ihr 100-jähriges Jubiläum. Hunderte Jungen und Mädchen in Uniformen marschieren zur Geburtskirche. Auch dies ist eine christliche Bewegung. An ihren Uniformen tragen sie die palästinensischen Farben: Schwarz, weiß, grün, mit rotem Dreieck.

    Sie ziehen am Peace Center vorbei, einem modernen Informationszentrum, das mit schwedischen Hilfsgeldern erbaut wurde. Das gähnend leer ist und auf bessere Zeiten hofft. Wie auch Stadtführer Johannes Hanini, der vor dem Haus auf Touristen wartet.

    "Die Touristen haben ihre Reise im Reisebüro gebucht. Sie kommen am Flughafen an, wo sie von Bussen und Reiseleitern abgeholt werden. Sie kommen her, die Reiseleiter zeigen ihren fünf oder zehn Minuten lang die Kirchen, und dann werden die Gäste in private Restaurants gefahren, von denen die Reiseleiter eine Provision erhalten. Sie lassen nicht zu, dass sie Bethlehem besichtigen."
    Die palästinensischen Gebiete gelten als unsicher, die Konflikte mit Israel eskalieren immer wieder. Kein Wunder, dass sich viele Touristen in der Gruppe besser aufgehoben fühlen. Johannes Hanini widerspricht:

    "Wenn Besucher in die Stadt kommen, in der Jesus geboren wurde, sollten sie nicht glauben, dass es hier gefährlich ist. Denn es stimmt nicht. Ich würde den Reiseleitern empfehlen, den Touristen wenigstens eine Stunde lang frei zu geben, so wie es in der 80er Jahren war. Sie könnten die Altstadt besuchen oder den alten Markt, und, wenn sie möchten, in den kleinen Souvenirläden einkaufen."
    Wer immer in der Geburtstadt Jesu einen Ort der Ruhe und Besinnung sucht, ist hier falsch. Bethlehem ist vielleicht ein heiliger, gewiss aber ein sehr lebendiger Ort. Eine Stadt zwischen Krise und Neuanfang, in der die meisten Bewohner sich nach Normalität sehnen. Nach dauerhaftem Frieden.