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StartseiteKalenderblatt"Auf ewig ungeteilt"05.03.2010

"Auf ewig ungeteilt"

Vor 550 Jahren wurde die Unteilbarkeit der Herzogtümer Schleswig und Holstein vertraglich festgelegt

Schon im 13. Jahrhundert begann die gemeinsame Geschichte der Grafschaft Holstein und des Herzogtums Schleswig, beide wuchsen zu einem Staatsgebilde heran. Dennoch blieben beide Territorien über 600 Jahre Teile verschiedener Länder.

Von Christian Berndt

Heute ist die Zusammengehörigkeit Schleswigs und Holsteins längst klare Sache.  (dradio.de/Janine Wergin)
Heute ist die Zusammengehörigkeit Schleswigs und Holsteins längst klare Sache. (dradio.de/Janine Wergin)

Auf dem Schleswiger Sängerfest 1844 ertönt es zum ersten Mal: Das Schleswig-Holstein-Lied; eine mitreißende Hymne. Sie soll die Zusammengehörigkeit Schleswigs und Holsteins ausdrücken, aber auch die Verbundenheit mit den Deutschen. Damit ist sie ein Politikum, denn Schleswig gehört zu Dänemark, Holstein ist Mitgliedsland des Deutschen Bundes. Doch der dänische König ist gleichzeitig Herzog von Holstein, damit wird das ganze, bi-nationale Land dänisch regiert.

Diese komplizierte Konstruktion besteht seit Jahrhunderten, aber jetzt führt sie angesichts des erwachenden Nationalismus zum Streit zwischen Dänen und Deutschen, wohin Schleswig-Holstein gehören solle. Den Beginn der Auseinandersetzungen markiert die berühmte Waterloo-Rede des Historikers Friedrich Christoph Dahlmann anlässlich der Niederlage Napoleons 1815.

"Wenn auch der Schleswiger nie im Deutschen Bunde gewesen ist, er gehörte ihm und gehört ihm noch durch den verbrüderten Holsteiner an, dem er seit Jahrhunderten die treue Hand gereicht hat. Mit dem er in Verfassung und Freiheit innigst verschmolzen ist. Mögen sich diese Hände nun noch fester fassen."

Die Dänen würden das Land angesichts der deutschen Forderung, Schleswig-Holstein an Deutschland anzuschließen, gerne teilen. Die Deutschen halten das für undenkbar. Als Argument führt Dahlmann eine Urkunde an, die seit Jahrhunderten in Vergessenheit geraten ist: Die Ripener Handfeste von 1460. Aus ihr stammt der heutige Wahlspruch Schleswig-Holsteins: "Auf ewig ungeteilt."

Die Urkunde liefert den entscheidenden Stoff für eine Auseinandersetzung, die schließlich 1864 zum Krieg führt. Sie gilt als Beweis der Unteilbarkeit des Landes – doch in Wahrheit hat Dahlmann die Urkunde falsch interpretiert:

Die komplizierte Lage Schleswig-Holsteins begann 811. In diesem Jahr schloss Karl der Große mit den Dänen einen Vertrag: Der Fluss Eider, der bis heute die Trennlinie zwischen Schleswig und Holstein markiert, wurde als Grenze zwischen dem fränkischen und dem dänischen Reich festgelegt. Im 13. Jahrhundert aber erwarben holsteinische Adlige Land im dünnbesiedelten Schleswig – sie wurden damit zur Klammer beider Territorien. Nach mehreren blutigen Kriegen musste Dänemark dem holsteinischen Herzog Adolf VIII. 1440 Schleswig als erbliches Lehen zugestehen. Erstmals waren Schleswig und Holstein zu einem Territorium vereint. Doch als Adolf ohne Erben starb, reagierte der König von Dänemark, Christian I. Er bot dem Adel weitgehende Privilegien an. Dafür wurde er zum neuen Landesherren gewählt: Am 5. März 1460 stellte Christian in Ripen zum Dank eine Garantie aus:

"Diese vorbenannten Lande geloben wir nach allem unserm Vermögen in gutem Frieden zu erhalten, und dass sie ewig zusammen ungeteilt bleiben."

Im 19. Jahrhundert wird man diesen Satz als Garantie der Unteilbarkeit Schleswig-Holsteins interpretieren. Doch die neuere Forschung sieht in dem Dokument eine Wahlhandfeste, das heißt, eine Regelung zur Wahl des Landesherrn. Und die galt im Mittelalter nur bis zum Tode des Herrschers. Manche Zeitgenossen sahen im Vertrag einen Kniefall vor den Dänen. In der Lübecker Ratschronik hieß es:

"So wurden die Holsteiner Dänen und unterwarfen sich willentlich dem König von Dänemark, was ihre Eltern und Vorfahren mit Waffen verhindert hatten. Dies bewirkte die Gier der Holsten und die Hinterlist der Dänen. Denn der König kaufte sie mit Geld, mit Geschenken und mancherlei Versprechungen."

Dass der Ripener Vertrag keine Ewigkeitsdauer beanspruchte, zeigte sich schon beim Tode Christians. Mehrmals wurde das Land noch geteilt, allerdings bildete der starke Adel weiterhin ein verblüffend festes Bindeglied dieses bi-nationalen Territoriums. Erst seit dem 19. Jahrhundert wurde der Status als Problem angesehen, bis er zum Krieg führte. Der Deutsche Bund siegte unter Preußens Führung über Dänemark, ganz Schleswig-Holstein wurde nun deutsch und zur preußischen Provinz. Erst seit 1946 gibt es ein eigenes Land Schleswig-Holstein. Doch seitdem wird auch über eine Fusion der norddeutschen Bundesländer zu einem Nordstaat diskutiert. Seit kurzem berät darüber wieder eine Kommission des schleswig-holsteinischen Landtages. Ob der Nordstaat kommt oder nicht, geteilt wird Schleswig-Holstein mit Sicherheit nicht mehr.

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