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Auf Konfrontationskurs

FIFA-Präsident Joseph Blatter begeht derzeit erstaunliche politische Fehler und beginnt unnötige Scharmützel.

Von Jens Weinreich | 09.01.2011

In Doha hat er jüngst, wenige Stunden vor Beginn des Asien-Cups, einige ausgewählte Reporter in seiner Luxussuite im Four-Season-Hotel empfangen. Es war Teil seiner PR-Kampagne in eigener Sache - zuvor sind vor allem in Schweizer Zeitungen peinliche Interviews erschienen, in denen Blatter mehrfach die Unwahrheit sagt, etwa im Zusammenhang mit dem ISL-Bestechungsskandal. FIFA-kritischen Journalisten wurden die Teilnahme am sogenannten Round-Table-Gespräch in Doha untersagt. Blatter diktierte den zugelassenen Berichterstattern geharnischte Kritik am Internationalen Olympischen Komitee in die Blöcke.

Er bezeichnete das IOC als "einen Club, der keine Transparenz hat". Kurz nachdem der 35-jährige jordanische Prinz Ali zum FIFA-Vizepräsidenten bestimmt wurde, lästerte Blatter über die vielen Adeligen im IOC. Nur 45 der 115 IOC-Mitglieder stammten aus dem Sport, 70 seien persönliche Mitglieder, behauptete er - beides ist falsch. Außerdem erklärte Blatter - einmal mehr ohne Absprache mit den FIFA-Gremien -, die WM 2022 in Katar könne im Winter stattfinden. Damit bereitet er dem IOC ebenfalls Probleme, denn sollte die WM tatsächlich im Januar 2022 ausgetragen werden, finden einen Monat später die Olympischen Winterspiele statt. In dieser zeitlichen Nähe werden, neben vielen anderen belastenden Fragen, weder die FIFA noch das IOC die erwarteten Erlöse bei der TV-Vermarktung erzielen.

Das IOC reagierte mit einer diplomatischen Stellungnahme und erklärte, "die IOC-Finanzen" seien "gesund, professionell gemanagt und transparent".

Präzise betrachtet hat Blatter mit seinen wirren Einlassungen gleich mehrfach gegen die Olympische Charta verstoßen und müsste vom IOC zur Rechenschaft gezogen werden. Denn er ist seit Juni 1999 in seiner Eigenschaft als FIFA-Präsident ex-efficio auch IOC-Mitglied.

Die IOC-Ethikkommission befasst sich derzeit mit dem Fall des FIFA-Vizepräsidenten Issa Hayatou aus Kamerun, der gemäß Gerichtsunterlagen von der Firmengruppe ISL einst Bestechungsgeld erhalten hat. Die FIFA - und damit vor allem Blatter selbst, denn er regiert wie ein Gutsherr - sieht weder im Fall Hayatou Handlungsbedarf, noch in den anderen bestens dokumentierten Bestechungsfällen ihrer Vorständler Ricardo Teixeira, Nicolas Leoz und des langjährigen Präsidenten Joao Havelange, die Bestechungszahlungen in Millionenhöhe kassiert haben. Im Fall ISL läuft noch immer ein Verfahren der Schweizer Justiz.

Aus der Ethikkommission der FIFA, die vornehmlich mit Blatter-Getreuen besetzt ist, trat nun überraschend der Deutsche Günter Hirsch aus - das ist die eigentliche Nachricht des Wochenendes. Professor Hirsch, bis 2008 Präsident des Bundesgerichtshofes, begleitete seinen Rücktritt in einem Brief an den von Blatter erwählten Ethik-Kommissionschef Claudio Sulser mit entschiedener Kritik an der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Aus diesem Schreiben zitiert die Deutsche Presse-Agentur: Die Ereignisse der letzten Wochen hätten "bei mir den Eindruck erweckt und gefestigt, dass die Verantwortlichen der FIFA kein wirkliches Interesse daran haben, eine aktive Rolle bei der Aufklärung, Verfolgung und Vorbeugung von Verstößen gegen das Ethikreglement der FIFA zu spielen", erklärt Hirsch demnach.

Die Konstruktion der Ethik-Kommission sei misslungen. Zudem würden die milden Bestrafungen für zwei bestechliche FIFA-Exekutivmitglieder und vier weitere Top-Funktionäre, die im November ausgesprochen wurden, der Schwere der Vergehen nicht gerecht.

In der Vergangenheit hat Blatter mindestens eine Entscheidung einer sogenannten Ethik-Kommission ignoriert - und gar nicht erst dem Exekutivkomitee zur Ratifizierung vorgelegt. Vor einer Woche hat er in einem devoten Interview mit einer Schweizer Sonntagszeitung, gegen das die Sportredaktion dieser Zeitung intern protestiert hatte, davon gesprochen, eine Antikorruptionskommission einzurichten. Auch das ein Alleingang, vor allem als PR-Trick gedacht. Darauf kapriziert sich Blatter derzeit - auf PR-Botschaften. Wahrscheinlich werden demnächst auch teure Spin-Doktoren eingekauft. Auf die Wahrheit kommt es solchen Experten ebenso wenig an wie dem FIFA-Präsidenten - das hat er einmal mehr bewiesen.