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StartseiteHintergrundAuf- und Umbruch in Afghanistan05.07.2012

Auf- und Umbruch in Afghanistan

Vor der Geberkonferenz in Tokio

Wie es weitergehen soll, wie viel Geld und wie viel Manpower nach dem Abzug für den Aufbau bereitstehen werden, darüber wird die Internationale Staatengemeinschaft am kommenden Wochenende in Tokio debattieren. "Nachhaltige Entwicklungsstrategie für Afghanistan" ist diese Geberkonferenz überschrieben.

Eine Sendung von Frank Capellan

Nachwuchs für Afghanistans Sicherheit: Polizisten und Soldaten beenden ihre Ausbildung (picture alliance / dpa / Jalil Rezayee)
Nachwuchs für Afghanistans Sicherheit: Polizisten und Soldaten beenden ihre Ausbildung (picture alliance / dpa / Jalil Rezayee)
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Anflug auf Mazar-e-Sharif, 300.000 Einwohner Stadt im Norden Afghanistans, Hauptstadt der Provinz Balkh, Vorzeigeregion eines Krisenstaates. Hier soll sich jedermann davon überzeugen können, dass zehn Jahre Kampf und Krieg in Afghanistan nicht vergebens waren und die Afghanen bald in der Lage sein werden, eigenständig einen friedlichen Aufbau des Landes zu gewährleisten und eine Rückkehr der fundamentalistischen Taliban abzuwenden.

Als "Übergabe in Verantwortung" wird der bevorstehende Abzug der internationalen Soldaten im Politikerdeutsch gern umschrieben: Schon im übernächsten Jahr, Ende 2014, sollen die letzten Kampftruppen das Land verlassen haben und die Afghanen mit ihrem Militär und ihrer Polizei für Sicherheit sorgen. Es ist ein Termin, der weniger der echten Überzeugung entspringt, das alles gelingt, sondern vor allem der politischen Stimmung in der Heimat geschuldet ist. Der deutsche Diplomat Matthias Meyer, Koordinator des zivilen Wiederaufbaus im Norden Afghanistans, verbreitet dennoch Optimismus.

"Ich sehe auch nicht, wenn 2014 hier ein erhebliches Kontingent von Truppen sich aus dem Land zurückzieht, dass dann gleich alles zusammenbricht. Das kann ich nicht erkennen. Es wird weitergehen, aber es wird sehr davon abhängen, dass wir uns weiter einsetzen und dass wir Afghanistan nicht allein lassen, und einfach greifbar sind für die Menschen, also nicht unsichtbar, sondern greifbar: Wir sind hier und wir machen das weiter!"

Wie es weitergehen soll, wie viel Geld und wie viel Manpower nach dem Abzug für den Aufbau bereitstehen werden, darüber wird die Internationale Staatengemeinschaft am Wochenende, am 7. und 8. Juli in Tokio debattieren. "Nachhaltige Entwicklungsstrategie für Afghanistan" ist diese Geberkonferenz überschrieben, eine Konferenz, die an das Treffen in Bonn im vergangenen Dezember anknüpft. US-Außenministerin Hillary Clinton wird erwartet, von deutscher Seite Außenminister Guido Westerwelle und Entwicklungsminister Dirk Niebel. "Es geht darum, die Entwicklung Afghanistans zu einem voll funktionsfähigen Staat weiterhin zu unterstützen", heißt es in einem Papier der Regierungskoalition. Dazu gehört nicht zuletzt die weitere Ausbildung von afghanischen Militärs und Polizisten, betont Matthias Meyer:

"Wenn die sich festigen können und wenn die eine gewisse stabilisierende Rolle für das ganze Land spielen können, dann ist auch für uns, für die Zivilisten, der Weg gelegt dafür, dass wir hier weiterarbeiten können."

Meyers Büro liegt im Camp Marmal, einem riesigen Feldlager am Fuße des Marmalgebirges. Fast 5500 Soldaten sind hier am Rande Mazar-e-Sharifs stationiert – noch, denn in absehbarer Zeit wird von hier aus der Rückzug organisiert, über den Luftweg, aber auch über Straße und Schiene, gerade erst wurde der Flughafen an eine Bahnlinie angebunden, die ins benachbarte Usbekistan führt.

Im Minutentakt starten Militärmaschinen am Flughafen von Mazar. Genutzt wird die Start- und Landebahn aber auch von einigen wenigen zivilen Linienmaschinen. Das neue Terminal für den Passagierverkehr ist fast fertig, neben dem tristen Beige und Olive des Militärs fällt das helle Orange der Außenfassade wohltuend auf. Der zivile Airport soll bald für ein weiteres Stück Normalität in Mazar sorgen. Im Innern werden gerade die Klimaanlagen und Gepäckabfertigungsbänder installiert.

Im August wird der Probebetrieb beginnen. 50 Millionen Euro werden am Ende verbaut worden sein, 36 Millionen davon kommen aus Deutschland. Thomas Herzberg von der Kreditanstalt für Wiederaufbau, setzt darauf, dass der Flughafen wirtschaftlichen Aufschwung in die Region bringen wird.

"Mazar ist schon seit jeher ein Drehkreuz für den Handel aus den unterschiedlichen Nachbarländern wie Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Iran – die bringen ihre Güter hierher, das muss irgendwohin auch exportiert werden. Deshalb haben wir einen Cargoterminal gleich mitgebaut!"

Edelsteine, kostbare Teppiche oder Pistazien könnten dort umgeschlagen werden. Der afghanische Staat wird den Airport am Ende betreiben. An der Ausbildung des Personals sind allerdings schon jetzt die Deutschen beteiligt. Werner Engelmann war Fluglotse in Deutschland, nun ist der Ruheständler für einige Monate hier, um afghanischen Nachwuchs zu schulen.

"Die sind ganz begeistert dabei, obwohl die Ausbildung schon zwei Jahre dauert. Da gehört ja auch ein gewisses Standvermögen dazu."

Stehvermögen zeichnet viele Afghanen aus. Nazar Mohammed ist einer von ihnen. Jeden Morgen um halb vier, wenn der Muezzin in der beginnenden Dämmerung zum ersten Gebet ruft, beginnt er in einem kleinen Dorf - etwa 15 Kilometer von Mazar entfernt - seinen Tag. Nazar ist Mitte 40, Landwirt und Angestellter einer Molkereigenossenschaft. Er muss grinsen, als die Gäste aus Deutschland ungläubig fragen: So früh aus dem Bett, jeden Morgen?

"Ja, um halb vier stehe ich auf, danach gehe ich zum Gebet und dann beginnt die Arbeit. Um fünf Uhr mache ich mich auf den Weg, um frische Kuhmilch bei den Bauern in der Umgebung einzusammeln und zur Molkerei zu bringen."

750 Landwirte gehören zur Kooperative der Molkerei Mazar. Jeden Morgen gegen halb sieben herrscht dort reger Betrieb. Immer wieder fahren Autos vor, beladen mit Blechkannen, die hin und wieder sogar auf den Rückbänken von ganz normalen, meist japanischen Pkw stehen. Ein lautes Klappern durchbricht die morgendliche Ruhe, wenn die Behälter auf eine Rampe gewuchtet werden. Drei Männer, die in ihren blauen Kitteln und dem grünen Haar- und Mundschutz ein wenig an Ärzte im OP erinnern, schnappen sich eine Kanne nach der anderen, um die noch warme Kuhmilch zur Verarbeitung in große Bottiche aus Edelstahl zu gießen. Dr. Mohammed Emal, ein kleiner zierlicher Mann mit kräftigem, grauem Bartwuchs, beobachtet die Szenerie mit sichtlicher Genugtuung. Emal ist Chef der Molkerei und stolz darauf, dass er so vielen Landwirten ein regelmäßiges Einkommen bieten kann.

"Jeder Bauer erhält das Geld in bar. Die Summe richtet sich nach dem Literpreis, der wöchentlich festgelegt wird. Jeder hat ein Registrierungsbuch, in dem die angelieferte Menge vermerkt wird. Am Ende der Woche gibt es dann das Geld im Gegenzug für einen Fingerabdruck."

Einer der Männer in den blauen Kitteln entnimmt mit einem kleinen Röhrchen stichprobenartig etwas Milch, ein anderer spritzt mit einem Wasserschlauch ständig die Rampe ab, auf der immer wieder neue Kannen landen. Die Qualitäts- und Hygienevorschriften entsprechen unseren Standards, versichert Liane Hryca von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Die GIZ fördert als staatliche Entwicklungsorganisation seit 2010 den Ausbau der Molkerei. Ziel ist es, die Milchproduktion zu erhöhen und für die Weiterverarbeitung zu sorgen.

"Dieses Ziel haben wir bereits erreicht, also 37 Arbeitsplätze geschaffen, das Einkommen um bis zu 15 Prozent bereits jetzt schon erhöht, und damit sind wir auf einem sehr guten Weg!"

Die Beschäftigten der Molkerei verdienen umgerechnet etwa 150 Euro im Monat, erzählt Liane Hryca, als wir mit Dr. Emal in die Produktionsräume gehen. Ein junger Afghane hockt vor einer Maschine, die im Sekundentakt kleine Tüten mit Mozzarella-Käse auswirft, undichte werden aussortiert, die anderen wandern in Kartons mit jeweils 30 Stück. Wir kommen mit Hashi Malang Shah ins Gespräch, auch er arbeitet für die Genossenschaft. Der 49-jährige ist Vater von zehn Kindern – "Ich bin zufrieden mit der Entwicklung in Afghanistan!" betont er. "Es geht voran hier!"

"Während der letzten zehn Jahre hat sich soviel zum Guten verändert in Afghanistan. Das lässt sich einfach nicht bestreiten. Viele Straßen sind gebaut worden, viele Schulen, viele Krankenhäuser, wir haben Strom bekommen. Wir hoffen nun, dass es nach 2014, nach dem Abzug der Soldaten, Sicherheit gibt und noch mehr Entwicklung möglich sein wird."

Seine Kinder sind zwischen drei und 27 Jahre alt; Hashi Malang Shah hat vier Söhne und sechs Töchter. Die jüngeren Mädchen helfen seiner Frau im Haus, die erwachsenen Söhne betreiben Geschäfte in Mazar – drei gehen noch zur Schule und haben große Pläne: Sie wollen Arzt, Ingenieur und Lehrer werden.

Afghanistan im Auf- und Umbruch. Für Aziz Rafiee ist die Berichterstattung der westlichen Medien viel zu negativ. Rafiee ist Leiter einer Menschenrechtsorganisation. "Wir dürfen doch nicht vergessen, wie es vor zehn Jahren in Afghanistan ausgesehen hat", meint er. "Da hat sich keine Frau auf die Straße getraut", entgegnet er auf die Feststellung, dass die dunkelblauen Burkas immer noch das Bild in den Straßen und Plätzen von Mazar-e-Sharif bestimmen.

"Die nächste Generation in Afghanistan hat die Zukunft im Sinn. Das lässt sich ganz leicht auch daran feststellen, wie viele Menschen die Schulen besuchen. Und dann gehen sie mal in die Dörfer und gucken, wie viele Menschen sich den Taliban anschließen. Das ist überhaupt kein Vergleich. Die Mehrheit der Menschen setzt auf die Zukunft, und Bildung bedeutet: Sie gehen mit Enthusiasmus in diese Zukunft!"

Ein wenig von dieser Aufbruchstimmung lässt sich an der Universität Balkh im Herzen Mazars einfangen. 9000 junge Menschen studieren hier, ein Drittel davon ist weiblich. Auf dem Campus begegnen uns zwar ebenfalls Frauen in Burkas, sehr viele aber sind auch westlich gekleidet – obligatorisch ist für alle allein das oftmals locker über die Haare gelegte Kopftuch. Nila, eine junge Frau Anfang 20 mit rot lackierten Nägeln, hat wie viele Studentinnen große Ziele.

"Wir Frauen in Afghanistan haben nun zum ersten Mal die Chance, unser Leben frei zu gestalten, und natürlich wollen viele von uns nach dem Universitätsabschluss in europäischen Ländern oder in den Vereinigten Staaten weiter studieren. Natürlich müssen wir uns auf allen Gebieten fortbilden. Afghanistan braucht dieses Wissen – und dann sollten wir unser Land nach vorn bringen."

Die Erwartungen an die Internationale Gemeinschaft sind gewaltig. Im Mai hat Deutschland ein Partnerschaftsabkommen mit Afghanistan unterzeichnet, das die Kooperation auf allen Politikfeldern sicherstellen soll. Zentraler Punkt der Vereinbarung: Mit 150 Millionen Euro jährlich will Berlin die Ausbildung afghanischer Polizisten und Soldaten im Land fördern. Die Geberkonferenz in Tokio soll gewissermaßen den Weg ebnen für eine "normale" Entwicklungszusammenarbeit ohne militärische Komponente. Es wird um viel Geld gehen, aber mit Geld allein lässt sich eine friedliche Zukunft am Hindukusch nicht sicherstellen. Ein erfolgreicher Kampf gegen die Wiederkehr der Taliban hängt ganz entschieden von der Unterstützung des großen Nachbarn im Osten ab: von Pakistan. Die Allianz mit Islamabad aber steht auf äußerst wackligem Fundament.

Zurück am Flughafen von Mazar. Zwischen den Militärjets steigt nahezu lautlos ein futuristisch anmutendes Flugobjekt von der Größe einer Cessna in den Himmel, stelzenartig das Laufwerk, rechtwinklig am Rumpf angebracht, die Tragflächen, die fehlenden Fenster nehmen den letzten Zweifel: eine Drohne. Der Krieg mit Drohnen über fremdem Territorium ist umstritten. Im Juni erst ist es Abu Jahja el Libi, die Nummer zwei des Terrornetzwerkes Al Kaida, die bei einem Drohnenangriff getötet wird. Und US-Präsident Obama kündigt an: Der Einsatz der unbemannten Flugzeuge wird fortgesetzt.

Wir fliegen nach Peshawar, Metropole im Westen Pakistans, nur wenige Kilometer von Khyber entfernt, einem der autonomen Stammesgebiete. Die Regierung in Islamabad kann sie nur eingeschränkt kontrollieren. Waziristan ist das bekannteste dieser Gebiete. Die schwer zugänglichen Dörfer in diesen Regionen gelten als Rückzugsräume von islamistischen Taliban und Terroristen. Hier greifen die Amerikaner an. Doch die antiamerikanische Stimmung in Pakistan wächst mit jedem Drohnenangriff, der das Leben von Zivilisten kostet. Kürzlich wurde bei einem Anschlag in Khyber ein Stammesführer getötet, der zu eng mit den Amerikanern kooperiert haben soll. Malik Fida Muhammad hat Verständnis für die Wut auf die USA. Er ist selbst einer der Bürgermeister in der Khyber-Provinz – leicht zu erkennen an der auffälligen Kopfbedeckung, ockerfarben, mit grauen Stoffbändern turbanartig drapiert. Auch Fida Muhammad verurteilt die Drohnenangriffe der US-Armee.

"Es ist einfach nicht in Ordnung, dass die Amerikaner alles auf eigene Faust machen. Die Drohnenangriffe werden geflogen, ohne dass Pakistan irgendwie einbezogen würde. Die informieren nicht mal unsere Regierung – sie machen es einfach!"

Dass bei einem Angriff von NATO-Einheiten an der Grenze zu Afghanistan im vergangenen November 25 pakistanische Soldaten irrtümlich getötet wurden, ist nicht vergessen.

Dass ein neuer Bürgerkrieg in Afghanistan unter allen Umständen verhindert wird, ist auch in allergrößtem pakistanischem Interesse. Schon heute leben weit mehr als eine Million Flüchtlinge aus Afghanistan im Land, müssten noch mehr aufgenommen werden, sind heftige Proteste in der pakistanischen Bevölkerung absehbar. Ahmed Warsame, der für das UN-Flüchtlingshilfswerk in Peshawar internationale Hilfe organisiert, blickt mit Sorge auf die kommenden Monate:

"Es hängt alles davon ab, wie sich die Dinge in Afghanistan bis Ende 2014 entwickeln. Die afghanische Bevölkerung ist sehr besorgt über die Sicherheitslage in Afghanistan. Das schauen sich die Menschen sehr genau an, und das hat natürlich großen Einfluss auf ihre Entscheidung, jetzt oder später nach Hause zurückzukehren."

Vieles steht also auf dem Spiel, wenn in Tokio über den Aufbau Afghanistans verhandelt wird. Frankreich wird schon in diesem Jahr seine Soldaten abziehen. Deutschland, das sich lange Zeit weigerte, einen festen Termin für den Rückzug zu benennen, hat sich schließlich dem Fahrplan der Amerikaner angeschlossen – 2014 endet die Mission am Hindukusch. "Das heißt aber nicht, dass wir das Land danach allein lassen", versichert Guido Westerwelle, als er Mitte vergangenen Monats in Kabul ist. Im Beisein von Präsident Hamid Karsai – verspricht der deutsche Außenminister damals: "Wir werden die Menschen in Afghanistan nicht vergessen!" Dass es noch viele Probleme zu bewältigen gibt, ist allen Beteiligten klar.

Terrorismus, Drogenhandel und organisierte Kriminalität gelten als größte Herausforderungen. Aus der Unzufriedenheit mit der Regierung Karsai macht kaum jemand einen Hehl, auch wenn der Präsident nach wie vor der wichtigste Ansprechpartner für die Internationale Gemeinschaft ist. Allerdings: Menschenrechtler wie Aziz Rafiee beklagen auch auf deren Seite viele Fehler. Und dennoch versucht er, optimistisch auf die Zukunft Afghanistans zu schauen:

"Ich glaube, es wird Frieden in Afghanistan geben, wenn die Internationale Gemeinschaft wirklich zu ihrem Versprechen steht, noch für einen längeren Zeitraum im Land zu bleiben. Obama hat uns eine falsche Botschaft überbracht, als er angekündigt hat, die Soldaten würden Afghanistan bis 2014 verlassen. Das hat den Taliban den Eindruck vermittelt: Die ziehen ab, und wir sind die Gewinner! Aber die Wahrheit ist: Die Taliban sind nicht die Gewinner der Herzen und Köpfe der Menschen in Afghanistan!"

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