Sonntag, 14. August 2022

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Auf Wiedervorlage: Die antiautoritäre Erziehung

Mit seinem "Plädoyer eines Antiautoritären für Autorität" löste der Politikwissenschaftler Claus Leggewie vor 15 Jahren eine Debatte darüber aus, inwieweit rechtsradikale Jugendgewalt durch falsche Erziehung begründet ist. Zu dieser Zeit empörte sich ein Teil der Republik über rassistische Gewalt in Orten wie Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln - größer sei damals allerdings die Gleichgültigkeit gewesen, so Leggewie.

Von Claus Leggewie | 30.11.2008

    Es ging um das brisante Thema "Erziehung", an dem sich seit Rousseau, Kant und Pestalozzi immer wieder neue Kontroversen entzündet haben. Um 1968 und im Nachhall der Revolte war dies besonders intensiv. Damals warteten Studenten mit Experimenten einer "antiautoritären Erziehung" auf, die mit dem Namen des britischen Reformers A.S. Neill und seinem weltbekannten Summerhill verbunden waren und in Deutschland allerorts zur Gründung so genannter Kinderläden führten. Diese bilden auch 40 Jahre später noch einen Stein des Anstoßes.

    Insofern sei um Nachsicht gebeten, wenn ich zunächst ad personam spreche. Es geht um meinen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit", der auf Wunsch des Chefredakteurs im März 1993 entstand. Zuvor war ich in den "Tagesthemen" von Ulrich Wickert, aus gegebenem Anlass, zu den Auswüchsen rechtsradikaler Gewalt in Deutschland Anfang der 90er Jahre befragt worden. Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln sollen als Stichworte reichen. Die Empörung war seinerzeit groß, größer allerdings die Gleichgültigkeit, angefangen mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der in der Öffentlichkeit kein Wort dazu über seine Lippen brachte. Dem Moderator Wickert, der viel über den "Verlust der Werte" sinnierte und publizierte, schien es nicht genug, sich gemeinsam mit mir zu empören, er fragte nach den Gründen und tieferen Ursachen für rechtsradikale Jugendgewalt.

    Auf diese schwierigste aller Fragen gab ich aber nicht die übliche Antwort, nämlich die nach allgemeinen gesellschaftlichen Ursachen wie etwa Jugendarbeitslosigkeit oder Vereinigungskrise, sondern verwies - gestützt auf laufende Feldinterviews mit Jugendlichen, die gegen Asylbewerber straffällig geworden waren - auf eklatante Erziehungsmängel und eine nun wiederum mich empörende Laisser-faire-Haltung bei den Eltern der Übeltäter ebenso wie in ihrem damals meist noch dörflichen oder kleinstädtischen Umfeld. In Erinnerung ist mir der lapidare Satz einer Mutter aus einer nach außen ganz intakten Aufsteigerfamilie in Oberhessen, die ihrem Sohn als erste und auch einzige Reaktion auf einen feigen, gottlob an Stümperei und Suff gescheiterten Mordanschlag auf ein Asylbewerberheim versicherte, sie werden seinen kaputten VW Golf ersetzen. Den hatte der junge Mann nämlich auf der hektischen Flucht vom Tatort in den Graben gefahren.

    Die nur scheinbar fürsorgliche, in Wahrheit konfliktscheue und von Mitleid für das falsche Opfer geprägte Reaktion der Mutter, will sagen: der Erziehungsberechtigten des gerade 18-Jährigen, diese Antwort war ein Beispiel für den Verlust an sozialer Kontrolle über rechte Schläger, der seither noch zugenommen hat, aber immer noch nicht sonderlich ernst genommen wird. Junge Männer, die seit 1993 viele Menschen und erst jüngst wieder in Templin einen vermeintlich Asozialen zu Tode getreten haben, mögen Opfer einer Strukturkrise der Uckermark und der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit dieser oder jener Region sein, ja - irgendwie schon; aber zuvörderst sind sie Täter, die weder Familie noch Nachbarschaft und dann ebenso wenig Justiz und Politik als solche markiert und damit wenigstens nachträglich sozialen Druck auf sie ausübt. Diese jungen Männer - und das gilt analog für rechtsradikale Täterinnen oder Islamisten - sind - das war meine These - unter anderem Opfer einer falschen oder völlig abwesenden Erziehung, so dass ihnen jeder Respekt vor der Unversehrtheit anderer Menschen und jedwede soziale Empathie fehlt.

    Eine triviale Erkenntnis? Heute nicht, und erst recht nicht 1993, als der Anruf des Chefredakteurs mich erreichte und ein eher von Wut und Verzweiflung geprägter Artikel mit dem Titel: "Plädoyer eines Antiautoritären für Autorität" entstand, der dann als Aufmacher der Sektion "Modernes Leben" erschien. Diese Konstellation, dass ein 68er, ein bekennender Antiautoritärer also, nun für Autorität plädierte, geriet, ohne dass dies im mindesten angestrebt worden war, zu einem kleinen Skandal. Bevor die Breitseiten in der Presse geschildert werden sollen, sei noch kurz der Argumentationsgang des Artikels rekapituliert, den der Autor - das sei in der Rückschau schon selbstkritisch vermerkt - ebenso wenig für ein Meisterwerk halte wie vieles andere, was Wissenschaftler als Kolumnisten im Tagesgeschäft der Zeitungs- und Fernsehdebatten von sich geben, die ja stets unter dem Risiko der schnellen Zeitdiagnose stehen und keineswegs für die Ewigkeit gedacht sind, aber trotzdem zur Meinungs- und Urteilsbildung beitragen. Hier die Kernthese:

    "Die als Nazis kostümierten Kids, die so schrecklich normale Monster sind, weisen auf Schwächen hin, die jedem Lehrer und Erzieher und allen Eltern geläufig sind. Sie gehören einer verlorenen Generation an, die sich selbst (und der Glotze) überlassen blieb. Die in verdächtiger Eile als "Nazi-Kids" gebrandmarkten Gewalttäter sind Erziehungswaisen, Angehörige einer neuen vaterlosen und fatal auf die (hilflosen) Mütter fixierten Generation. Aber nicht die Schläge der Väter und die Strenge der Mütter, sondern Abwesenheit und Gleichgültigkeit der Älteren bläuten ihnen das 'autoritäre' Denken ein."

    Das war, zugegeben, starker Tobak - eine Gegen-Hypothese zu damals wie heute zirkulierenden Positionen, über die man zu recht lange streiten kann und bei der man auf empirische Fundierung pochen muss, wie bei jeder Zeitdiagnose, die eine öffentliche Debatte anstoßen soll. Die gab es auch, aber eben nicht zur Sache, sondern zur Person des Autors. Und die Reaktion war ziemlich einhellige Ablehnung. "Die Zeit" organisierte ein halbes Dutzend Anti-Polemiken von Schriftstellern, Erziehungswissenschaftlern et cetera; selbst enge Freunde, die durchaus Spaß haben an intellektuellen Provokationen, meinten, da sei ich mal zu weit gegangen. Und die Zentralkomitees der Alt-68er schritten schnurstracks zur Exkommunikation - ich sollte keiner mehr von ihnen sein, sondern ein Renegat und Verräter.

    Mehrfach wurde der Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien wieder abgedruckt - und zwar stets als abschreckendes Beispiel dafür, wie einer von links nach rechts gewandert war und sich ja auch schon vorher, beim ersten Golfkrieg nämlich, als Bellizist daneben benommen hatte und im Übrigen, Gottseibeiuns, sogar eine schwarz-grüne Koalition empfohlen hatte. Wenn beim vierzigjährigen Jubiläum des Jahres 1968 gerade wieder viel die Rede war von den Abtrünnigen, die angeblich ihren Frieden mit dem System geschlossen haben, dann werden viele auch diesen Verräter vor Augen gehabt haben.

    Wieso aber ein Plädoyer für Autorität in der Erziehung? Es war ausgesprochen verräterisch, dass die Kritiker den feinen, im Text sehr genau markierten Unterschied zwischen autoritär und Autorität übersehen haben, der hier noch einmal zu bekräftigen ist:

    "Damit rede ich nicht der 'autoritären Erziehung' unseligen Angedenkens das Wort, die in der Tat Akten der Dressur und der Brechung von Kindern gleichkam. Die Tradition der 'antiautoritären Revolte' ist nur scheinbar paradox: Autorität ist weder Macht noch Zwang. Autorität schießt den Gebrauch von Zwang aus, und wo sie Gewalt braucht, hat sie schon versagt. Weder in der Familie noch in den Zwischenetagen der Gesellschaft, noch im öffentlichen Raum sind Autorität und Freiheit Gegensätze. Der Verlust des einen ist kein Gewinn des anderen; Ziel von Autorität ist Sicherung, nicht Abschaffung von Freiheit."

    Autorität wirkt also in abhängigen Verhältnissen wie zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Wissenden und Unwissenden unausdrücklich, wie von selbst, denn sie hat nichts mit erzwungener Unterordnung zu tun. Autoritär hingegen agiert eine Autorität nur, wenn sie keine mehr ist, wenn sie längst verloren ging und dann eben zu Zwangsmaßnahmen bis hin zu körperlicher Gewalt greifen muss, um sich - dann aber fälschlich - "zu behaupten". Der unaufmerksame Leser des Artikels hatte, trotz der Berufung auf eine unter Linken angesehene Autorität wie Max Horkheimer, unterstellt, hier seien für ungezogene Kinder und Jugendliche autoritäre Maßnahmen gefordert. Schläge seien ihnen angedroht worden, hieß es hysterisch, obwohl doch nur davon die Rede war, man müsse ihnen Grenzen ihres extremen und unerträglichen Tuns aufzuzeigen, ohne damit Prügelstrafe, Zuchthaus und Kerker gemeint zu haben.

    Die Berufung auf Max Horkheimer, den legendären Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, machte die vermeintlichen Erbwalter des antiautoritären Lagers umso furioser, da er doch unter anderem ob seiner berühmten "Studien über Autorität und Familie" als Kronzeuge der antiautoritären Rebellion von 1968 gegen familiäre Repression herangezogen worden war - und diese Berufungsinstanz aus guten Gründen nicht sein wollte. Denn schon damals, 1968, unterlag die Linke, indem sie sich auf diesen Klassiker berief, einem Missverständnis, dass er und seine Mitarbeiter sich gegen Erziehung an und für sich gestellt hätten, als sie sich in den 30er und 40er Jahren mit dem autoritären, in der Tat zum Faschismus und zur Gewalt neigenden Charakter befasst hatten.

    Ironischerweise ist dies auch ein klassisches Selbstmissverständnis der Linken, die gerade um 1968 herum ganz massiv auf Erziehung bestanden und mit - allerdings neuen, eben antiautoritär gemeinten - Erziehungsformen experimentierten, um von jenen Formen repressiver Pseudo-Erziehung abzukommen, denen viele aus der 68er-Alterskohorte in Familien, Schulen und anderen Institutionen in der Tat unterworfen waren - und manche von ihnen fatal erlagen. So bleibt es bis heute unverständlich, wie Leute, die sich mit anderen Worten derart intensiv um Erziehung - will sagen: bessere Erziehung - gekümmert hatten und die dabei nachhaltige Wirkung bis auf den heutigen Tag erzielten, so allergisch und fast panisch schon auf das Wort reagierten. Und sich eifernd an einem abarbeiteten, der den Mut zur Erziehung gegenüber jenen reklamierte, denen es offensichtlich an einer solchen mangelte - zum Schaden der verfolgten und eingeschüchterten Fremden wie des Gemeinwesens, das in diesen Jahren nach der Wiedervereinigung mental durchaus auf der Kippe stand.

    Mut zur Erziehung - auch diese Formel wird in einem vermeintlich konsequenten 68er Wut heute noch aufsteigen lassen. War das nicht der Slogan einer neokonservativen Fronde und Kampagne, die den Kulturkampf gegen die 68er und eine liberale Schulpolitik proklamiert hatten? War das nicht geradezu der Schlachtruf der Konterrevolution gewesen, die sämtliche antiautoritären Errungenschaften in Familie, Schule und Justiz kassieren wollte? In der Tat hatten sich im April 1978 einige konservative Herren in Bad Godesberg zu einem Kongress unter dem Slogan-Titel "Mut zur Erziehung" zusammengefunden, um bestehende, aus ihrer Sicht eklatante Mängel des Schulwesens auf recht einseitige Weise dem Treiben linker Revoluzzer und Reformer anzulasten. Aber schon bei diesem nun wirklich gegen sie gerichteten Pamphlet hätte eine aufmerksame Linke besser daran getan, die Kritik aufzugreifen - dann hätte es nicht so lange gedauert, nämlich bis heute, dass sie daran mitwirkt, unübersehbare Erziehungsdefizite an Schulen zu beheben. Auch damals schon wurde schwarz-weiß gedacht und lieber zurückgeholzt, ohne damit die sozialliberale Koalition und die Grundlagen der Schul- und Bildungsreformen retten zu können, die nicht immer zu besten Resultaten führten.

    Zur Szenerie des Kalten Kriegs gehörte es zum Beispiel, dass man auf gar keinen Fall die Meinung einer Person "von der anderen Seite" anhören oder gar übernehmen durfte und sich stets vor "Beifall von der falschen Seite" zu hüten hatte. Deshalb sei hier nochmals der Text Max Horkheimer als Kronzeuge aufgeboten:

    "Die potenziellen Faschisten scheinen demnach jene zu sein, die in ihrer Kindheit eher roh, ungehobelt und 'unkultiviert' waren. Ihr Mangel an wirklich affektiver Besetzung der Familie lässt sie den Sinn für Autorität, den sie früher erworben hatten, auf ihre >gang< übertragen und deren Ehrenkodex von Tapferkeit und Gewalttätigkeit übernehmen, ohne dass sie irgendeinen moralischen Widerstand dagegen aufbrächten."

    Familie und Autorität - das stand nicht in einer katholisch-konservativen Erbauung für angehende Eltern, sondern in einem Aufsatz des Sozialphilosophen aus dem Jahr 1960. Der Text, der aktuelle Erfahrungen der damaligen US-Gesellschaft mit historischen aus Nazi-Deutschland verband, trifft durchaus auch noch heutige Verhältnisse seelischer Verwahrlosung:

    "Es ist wahrscheinlich, dass die Aggressivität dieser Kinder (...) auf das Schwinden der positiven, beschützenden Funktionen der Familie zurückzuführen ist. Diese Kinder verhalten sich wie kleine Wilde, weil ihnen keine seelische Obhut zuteil wird und sie daher meinen, sie müssten beständig 'für sich selbst" sorgen. In einer harten, undurchsichtigen Welt beargwöhnen sie jeden als ihren Feind und springen ihm an die Kehle. Worunter sie leiden, ist wahrscheinlich nicht eine zu kräftige Familie, sondern eher ein Mangel an familiärer Bindung."

    Noch wichtiger war freilich eine andere Autorin, die seinerzeit, anders als heute, noch nicht zum linken Komment gehörte: Hannah Arendt. Zum Thema Erziehungs- und Autoritätsfeindlichkeit hatte sie 1956 geschrieben:

    "In Autoritätsfeindlichkeit kommt eine Art Abdankung der Zeitgenossen zum Ausdruck, die sich als Eltern und Erzieher gewissermaßen weigern, eine der allerelementarsten Funktionen in jedem Gemeinwesen, das Hinleiten derer, die durch Geburt neu in die Welt gekommen und daher in ihr notwendigerweise Fremdlinge sind, zu übernehmen und so die Kontinuität dieser gemeinsamen Welt zu sichern".

    Das Aufgebot dieser beiden "Autoritäten" hatte - den in seinen letzten Jahren konservativ gewordenen Begründer der Kritischen Theorie und die von der liberalen Linken heute eingemeindete Konservative Hannah Arendt - wohl den größten Ärger bei den Lager-Lesern des inkriminierten Textes verursacht, der übrigens außerhalb des Lagers, bei politisch und weltanschaulich ungebundenen Freidenkern, durchweg mit Zustimmung zur Kenntnis genommen wurde - die Kritik war gewissermaßen auf eine Funktionärsschicht begrenzt. Bei ihr verschaltete sich die eine ganze Zeitungsseite lange Argumentation auf die Verbindung dreier Reizworte: rechtsradikale Gewalt - Erziehungskrise - 1968, und damit zu dem Kurzschluss: die 68er haben mit der antiautoritären Erziehung den Rechtsradikalismus verursacht.

    Davon konnte aber keine Rede sein, aber vom bisweilen unglücklichen Ausgang der antiautoritären Erziehungsexperimente musste sehr wohl die Rede sein, wo nämlich das gut gemeinte und nach wie vor gültige Prinzip repressionsfreier Erziehung in ein ganz und gar prinzipien- und gestaltloses Laissez faire abrutschte und sich ein bis heute bei Eltern zu beobachtender fundamentaler Mangel an Ideen, Zeit und Interesse für Kinder breit machte. Das ist es, was Eltern einer jüngsten Repräsentativumfrage für die Zeitschrift "Eltern" zu Folge am meisten an sich selbst beklagen - und das damit verbundene ewig schlechte Gewissen.

    Zu korrigieren, jedenfalls zu relativieren wäre jedoch der folgende Satz über 1968: "Wir haben nur abgeräumt, zu wenig an die Stelle gesetzt". Damals war nicht daran zu glauben, dass mit der antiautoritären Erziehung auch relativ starke Traditionen begründet und folglich etwas aufgebaut worden sei, das die deutsche Gesellschaft wohl stärker und nachhaltiger verändert hat als alle anderen Reformbemühungen (und die Gott sei Dank gescheiterten Revolutionsträume). Ich arbeite heute, als Vater einer Fünfjährigen, im Vorstand eines selbstverwalteten Kinderladens, der 1968 gegründet wurde und sich seither einem Erziehungs- und Bildungsprogramm verschrieben hat, das sicherlich von den Illusionen der ersten Kinderläden Abschied genommen hat, im Kern aber die repressionsfreie und das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt rückende Erziehung praktiziert.

    Wohlgemerkt: Erziehung. Und die steht vor dem großen Problem (und scheinbaren Widerspruch), so Immanuel Kant:

    ... wie man die Unterwerfung unter den 'gesetzlichen Zwang' mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?"

    Unter dieser vertrackten Prämisse hat sich die Pädagogik seit dem 18. Jahrhundert beständig selbst aufgeklärt und liberalisiert, so dass sie eben nicht mehr mit Zwang, dem Brechen von Widerstand und blinder Disziplin gleichgesetzt werden kann. Stets geht es um das Wohl des Kindes, und alle Einschränkungen seiner Freiheit müssen begründet werden und diesem untergeordnet sein. Erziehung erfolgt heute durchgängig im Modus der Verhandlung, aber nicht alles kann mit Kindern ausgehandelt werden; es ist eine Banalität, dass Grenzen - natürlich auch den Erziehern - gesetzt sind und sein müssen, um dann über jenes verhandeln zu können, woran Kinder beteiligt sind.

    Und damit wären wir bei dem, was Kritiker wie der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik seinerzeit der impulsiven Zeitdiagnose an empirischen Belegen abgefordert haben. War oder ist es tatsächlich so, dass gewalttätige Jugendliche aus Verhältnissen der Abwesenheit von Zwang, Kontrolle und Gewalt kommen, sich also weitgehend selbst überlassen sind? In vielen Fällen ist das so, aber es gibt natürlich auch jene Karrieren, in denen von den Tätern selbst erfahrener Missbrauch weitergegeben und an Schwachen ausagiert wird. Das hätte ich damals deutlicher aussprechen können. Und ist erzieherische Indifferenz eine gesellschaftsweite Erscheinung? Natürlich nicht, aber es ist heute noch mehr als damals zutreffend, dass Kinder und Jugendliche allzu oft sich selbst und vor allem einem exorbitanten Durchschnittskonsum an Medien aller Art überlassen bleiben. Schon aus Gründen wachsender Belastung durch Arbeit und Mobilität, das zeigt die erwähnte Umfrage von 2008, widmen Eltern ihren Kindern insgesamt notorisch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit, und die Schule fordert für das problematische Ziel, im globalen Wettbewerb bestehen zu müssen, viel zu viel Lebenszeit ab. Dass Eltern und Lehrer mehr Orientierung geben, also erzieherisch lenken und führen sollen, ist mittlerweile Konsens geworden.

    Dass damit eigentlich offene Türen eingerannt wurden, zeigt sich an einem weiteren Streitfall, den wiederum "Die Zeit" im vorigen Jahr zwischen Daniel Cohn-Bendit, dem ehemaligen Kinderladen-Betreuer und gewissermaßen Inkarnation des Antiautoritarismus, und dem früheren Internatsleiter und energischen Disziplin-Befürworter Bernhard Bueb inszeniert hat. Cohn-Bendit erklärte hier:

    "Wenn man selbst Vater wird, lernt man automatisch hinzu. Das eine ist die eigene Emanzipation in der Auseinandersetzung mit Autoritäten. Das andere ist, als Autoritätsperson die Emanzipation des eigenen Kinds mitzugestalten, zu erleben oder zu dulden. Zusammengefasst habe ich seit 1968 gelernt, dass wir die Art und Weise, wie sich Autorität und Herrschaft vermitteln, unterschätzt haben. Im Gegensatz dazu hinterfrage ich daher nicht mehr so sehr Autoritäten, sondern autoritäre Verhaltensformen. Ich versuche zu ergründen, wie Autoritäten sich legitimieren können, ohne auf ihren Status zu pochen."

    Gestritten wird heute vornehmlich im Detail und über die Praxis von Erziehung, an deren grundsätzlicher Berechtigung nun auch Erziehungswissenschaftler nicht mehr zweifeln mögen. In den Augen Hartmut von Hentigs ist der Lehrer, wie die "Zeit" seine Position bewundernd resümierte...,

    "... in all seinem Tun und Lassen ein Vorbild - er muss sich bewusst sein, dass er Wirkung erzeugt und das Bild beeinflusst, das sich der Schüler vom Leben macht. Um diesem wahrhaft einschüchternden Anspruch standhalten zu können, brauche es Mut, eben Mut zur Erziehung. Das hat bei Hartmut von Hentig nichts mit Strenge zu tun, sondern mit Bildung, auch mit Einfühlung und Güte. Ohne Not, klagte er einmal, hätten Reformpädagogen die Losung Mut zur Erziehung den Konservativen und Autoritären überlassen, anstatt sie selbst vorzuleben."

    Ja, rechtsradikale Gewalt war und ist unter anderem auch ein Erziehungsproblem. Nein, die antiautoritären 68er haben Erziehung nicht negiert, sie haben sich vielmehr in sehr intensiver Weise über eine andere, nicht-autoritäre Erziehung Gedanken gemacht und damit experimentiert. Dabei ist, jawohl, einiges schief gelaufen und ein unsinniges anti-pädagogisches Denken entstanden, von dessen Dogmatik sich Teile der Erziehungswissenschaft und vor allem einige Meinungsführer der 68er Generation zum Teil bis heute nicht erholt haben. Und bei manchen Eltern ist, oft aus Bequemlichkeit und Egoismus, das Konzept einer nicht-autoritären Erziehung mit Nicht-Erziehung verwechselt worden.

    Dass dann noch vor Jahresfrist eine Streitschrift von Bernhard Bueb, dem laut Bild-Zeitung "strengsten Lehrer Deutschlands", einen großen Publikumserfolg erringen konnte, deutet weniger auf praktische Zustimmung als auf eine große Verunsicherung von Eltern hin - und auf eine neue Lage, die Erziehung und Erzieher gegenwärtig vorfinden. Diese ist sehr facettenreich und nicht auf ein einziges Stichwort zu reduzieren. Familie ist noch weiter von ihrem traditionellen Idealtyp - Vater als Ernährer außer Haus, Mutter als Hausfrau, zwei oder drei Kinder - entfernt und bunter geworden. Dazu gehört die Zunahme Alleinerziehender, vor allem von Single-Müttern, und damit verbunden das gewachsene Risiko von Kinderarmut, die heute vor allem als Bildungsarmut lebenslang Möglichkeiten versperrt. Dazu gehört des weiteren eine geschlechterfreundlichere familiäre Arbeitsteilung und ein ziemlich deutlich gewandeltes Vaterbild, und auch die stets umkämpfte und im Familienalltag nicht leicht zu erreichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf respektive Karriere, wozu insbesondere das gestiegene Bildungsniveau junger Frauen beigetragen hat. Dazu zählen auch der auf Computer- und Bildmedien verlagerte Medienkonsum von Kindern und eine breit angelegte Kommerzialisierung der gesamten Umgebung von Kindern.

    Wenn formale Bildungsabschlüsse heute Lebenschancen determinieren, schauen natürlich alle gebannt auf die schulische Bildung, wo keine wirklich erfreuliche Entwicklung zu vermelden ist. Vielmehr ist Schule, nachdem ausgerechnet die deutsche, historisch auf Schule und Bildung programmierte Gesellschaft sie Jahre lang hat schleifen lassen, nun im globalen Wettbewerb von einem verrückten Konkurrenzgedanken erfasst worden, der die Sorge ums Kindeswohl auf zwei Nebengleise verschoben hat:

    Erstens steht die Vorschule unter dem Druck der erwähnten Forderung, mehr - da facto weibliche - Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt verfügbar zu machen, um die aus der Balance geratenen Sozialsysteme zu stabilisieren.

    Und zweitens dreht sich von der Vorschule an alles darum, "unsere Kinder" globalisierungstauglich zu machen, sie also im vermeintlich mörderischen Wettbewerb von Chinesen, Indern und - wer weiß - demnächst Afrikanern nicht zurückfallen zu lassen. Eltern kümmern sich wieder um Erziehung, aber sie trauen sich dabei selbst weniger zu und vertrauen sich allen möglichen staatlichen, halb-staatlichen und privat-kommerziellen Einrichtungen an, die ihnen die Erziehungs- und Bildungsarbeit möglichst perfekt erledigen sollen.

    Während also wieder einmal alles nach "Werten" schreit - als hätten wir keine mehr und nicht eine Pluralität von Werten, die Entscheidungsdilemmata auslöst -, während also der erwähnte Bestseller von Bueb Werte, Tugenden und Disziplin verordnet, geht es im Alltag um ganz andere, namentlich materielle Werte. Aufsteigerfamilien wollen mit ihren Kindern keinen sozialen Absturz erleben und triezen sie zum Turboabitur, Erziehungswissenschaftler machen sich zur Magd einer Bildungsökonomie, die den rar gewordenen Nachwuchs in eine durchgedrehte, sinnentleerte Turboökonomie hineinpresst.

    Wer also heute über Bildung und Erziehung nachdenkt, muss sich energisch dagegenstellen, dass die Schule genau wie das Elternhaus in Anstalten verwandelt werden, in denen reine Stoff- und Wissensvermittlung stattfindet - Pauken im schlimmsten und autoritärsten Sinne. Gegen Schulen also, in denen das Diktat des Arbeitsmarktes die kindliche Vorstellungswelt ergreift und Jugendliche durchaus realistisch zu Zynikern werden, die Erwachsenen kein Wort mehr glauben, wo immer sie von Werten reden, die sie selbst nicht praktizieren.

    Und um schlussendlich noch einmal auf rechte Gewalttäter zurückzukommen: Die Frage, welchen Beitrag Eltern und Erzieher zum Entstehen rechter Denk- und Handlungsmuster leisten, ist auch nicht mehr tabu. Jüngst hat eine Schweizer Studie eines Teams um den Sozialforscher Thomas Gabriel nochmals die pauschale These von den jugendlichen Rechtsradikalen als sozialen Modernisierungsverlierern zurückgewiesen und die mitentscheidende Rolle der Familie und des nahen sozialen Umfeldes betont. Man findet dies in biografischen Interviews heraus und kann hier grob drei Familienmuster und Entwicklungspfade feststellen: eine "Abgrenzung durch Überanpassung", bei der Jugendliche politisch rechte Einstellungen und Handlungsmuster von den Eltern beziehungsweise Grosseltern übernehmen, eine "Suche nach Anerkennung", die aus der Erfahrung von Ohnmacht gegenüber Gewalt innerhalb der Familie resultiert, und eine aggressiv-gewaltförmige Reaktion auf die "Nicht-Wahrnehmung".

    Prägend ist hierbei der Eindruck, von den Erwachsenen nicht genügend wahrgenommen zu werden, was mit Erfahrungen im rechtsradikalen Umfeld, also in der Peer-Gruppe kompensiert wird. Die Anfälligkeit für Rechsradikalismus beruht also oftmals auf einer konfliktbeladenen Adoleszenzkrise, die nicht auf normale und übliche Weise gelöst werden kann, weil Elternhaus und Schule nicht genügend Aufmerksamkeit geboten und Grenzen gesetzt haben. Es wäre gut, wenn dies bei der Bekämpfung der immer noch akuten rechtsradikalen Gewalt berücksichtigt würde.