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StartseiteKalenderblattAufbruch in das Atomzeitalter31.10.2007

Aufbruch in das Atomzeitalter

Vor 50 Jahren ging der Forschungsreaktor in Garching ans Netz

In den 50er Jahren galt die Atomkraft als unerschöpfliche Energiequelle der Zukunft. Entsprechend schnell trieb man die Kernforschung voran. Deutschlands Start in das Atomzeitalter markierte ein kleiner Forschungsreaktor nördlich von München.

Von Frank Grotelüschen

Außenansicht des Garchinger Forschungsreaktors. (AP)
Außenansicht des Garchinger Forschungsreaktors. (AP)

"Uranstäbe mit Brezen - Weißwürste. Vorfluterbrühe mit Kerneinlage - Leberknödelsuppe. Und radioaktives Kühlwasser gegen den Durst."

Die Speisekarte passte zum Anlass. Mit dem ungewöhnlichen Festmenü wurde am 31. Oktober 1957 im Dörfchen Garching der Forschungsreaktor München eingeweiht, kurz FRM. Ein kleiner Atommeiler nur, aber er markierte den Einstieg der Bundesrepublik ins Atomzeitalter.

Die Voraussetzungen dafür wurden im August 1955 geschaffen. In Genf auf einer Konferenz über die friedliche Nutzung der Atomenergie versprachen die USA jedem Land Unterstützung, das die Kernenergie friedlich nutzen wollte. In der Bundesrepublik drängten Physiker wie Werner Heisenberg darauf, möglichst schnell einen Forschungsreaktor zu bauen. Sonst, so die Befürchtung, würde Deutschland wissenschaftlich ins Hintertreffen geraten. Gehör fanden die Physiker vor allem bei der bayerischen Landesregierung und bei Bundesatomminister Franz Josef Strauß. Innerhalb von nur zwei Jahren wurde der Reaktor geplant, genehmigt und in Garching gebaut - zu einem Preis von 6,4 Millionen Mark. Seinen Spitznamen hatte er schnell weg: Aufgrund seiner 30 Meter hohen ovalen Kuppel nannte man ihn bald nur noch Atom-Ei.

"Die Form, die das Atom-Ei hat, ist entstanden rein durch die Anforderungen der Physiker, die den Platz rund um den Reaktor betreffen."

Heinz Maier-Leibnitz, der Gründungsdirektor des Atom-Eis:

"Wir haben ein großes Becken von etwa zehn Metern Höhe, das den Reaktor und eine große Menge Wasser enthält."

Die Wände des Beckens bestanden aus zwei Meter dickem Beton. Er sollte die radioaktive Strahlung abschirmen. Der Reaktor hatte eine Leistung von 4 Megawatt - nur ein Bruchteil dessen, was heute ein Kernkraftwerk leistet, rund 1000 Megawatt. Doch Strom sollte das Atom-Ei auch gar nicht erzeugen. Und es sollte auch nicht helfen, die Kerntechnik weiterzuentwickeln. Sondern:

"Der Reaktor dient für uns als eine Quelle von Neutronenstrahlen. Wir wollen diese Neutronenstrahlen benutzen, um neuartige Untersuchungen über alle möglichen Probleme der Physik und vielleicht andere Wissensgebiete zu machen."

Neutronen, winzige Kernteilchen, entstehen beim Zerfall von Uranatomen. Die Forscher führten sie durch Rohre aus dem Reaktorkern heraus, um mit ihnen die unterschiedlichsten Materialien zu durchleuchten - Metalle, Halbleiter und auch Kunststoffe.

"Neutronen sind eine ideale Sonde, genauso wie Röntgenstrahlen, um Materialien zu durchdringen und ihren atomaren, molekularen Aufbau zu erklären."

Winfried Petry von der Technischen Universität München, die den Forschungsreaktor betrieb. Das Atom-Ei wurde zu einem wichtigen Instrument der deutschen Grundlagenforschung, so Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München:

"Schon die Gestalt dieses Bauwerks sollte ein Symbol für die Zukunft der Wissenschaften in Deutschland werden. Deutschland markierte mit der Inbetriebnahme den Wiedereintritt in die internationale Gemeinschaft der Wissenschaft."

Ähnliches konnte auch die DDR für sich beanspruchen: Am 16. Dezember 1957, also nur einige Wochen nach dem Start des Atom-Eis, setzte sie ihren Forschungsreaktor in Betrieb, in Rossendorf nahe Dresden. Ebenso wie das Garchinger Atom-Ei fungierte er als Neutronenquelle etwa für die Materialforschung. Doch beide Reaktoren bildeten nur die nukleare Vorhut für eine zweite, größere Generation von Atommeilern für die Stromversorgung: Im November 1960 ging im fränkischen Kahl das erste Kernkraftwerk der Bundesrepublik in Betrieb. Im März 1966 folgte mit Rheinsberg der erste Meiler der DDR.

Doch mit dem Beginn der Anti-Atomkraft-Bewegung in den 70er Jahren formierte sich auch Widerstand gegen das Atom-Ei. Immer wieder habe es Störfälle gegeben, monierten die Kritiker wie Christina Hacker vom Umweltinstitut München.

"Deswegen sind wir für den Ausstieg aus der Atomtechnologie, und zwar für den sofortigen, hier natürlich für die Stilllegung des pannenträchtigen Atom-Eis, aber auch gleichzeitig gegen die Errichtung des geplanten FRM 2."

Der FRM 2 ist der Nachfolger des Atom-Eis. Er wurde im März 2004 angefahren - nach jahrelangen Streitigkeiten um die Brennelemente aus hochangereichertem Uran. Das Atom-Ei war da schon längst Geschichte, abgeschaltet am 28. Juli 2000 um 10.30 Uhr. Nur seine eiförmige Kuppel gibt es noch. Die nämlich steht unter Denkmalschutz.

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