Mittwoch, 30. November 2022

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Aufbruch nach Europa?

Durch eine farbige Revolution geriet das Land in die Schlagzeilen. Farbe: Orange. Die Ex-Sowjetrepublik Ukraine probte den Aufbruch nach Europa. Und es mangelte nicht an Rückenwind aus dem Westen. Von der revolutionären Euphorie ist wenig geblieben. Machtkampf und Verfassungskrise prägen heute die politische Landschaft der Ukraine. Ende offen. Was manche vergessen - oder verdrängen - der Staat "Ukraine" ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. "Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution" - so der Titel einer Neuerscheinung, die Dietrich Möller für Sie und uns gelesen hat.

Moderation: Henning von Löwis | 23.04.2007

    Über Jahrhunderte wurde die Ukraine mit Russland identifiziert, ihre Geschichte schien primär russische Geschichte zu sein. Die später ukrainische Hauptstadt Kiew und deren Reich galt und gilt als "Wiege" Russlands. Selbst der Name Ukraine lässt nicht nur sprachbewusste Russen darauf hinweisen, dass es sich doch fraglos um russisches Grenzland handele: Ukraine = "an der Grenze". Dass es während der Zeit der kommunistischen Herrschaft ebenso eine Ukrainische wie eine Armenische oder Lettische Sowjetrepublik gab, die dazu noch Mitglied der Vereinten Nationen war, ließ dennoch kaum einen Russen und nur wenige Fachleute im Westen von einer ukrainischen Nation sprechen - ganz anders als in Bezug auf Armenier und Letten. Und tatsächlich sind Bildung und Ausprägung einer ukrainischen Nation ein ähnlicher und anhaltender Prozess wie jener, der uns die Ukraine als emanzipierten Staat erkennen lässt. Um beide als solche überhaupt wahrzunehmen und dann zu verstehen, bedarf es einiger Kenntnis der ukrainischen Geschichte. Und da kommt ein eben erschienenes Buch zweier ausgewiesener Fachleute, nämlich Katrin Boeckh und Ekkehard Völkl, inhaltlich und zeitlich gerade recht. Unter dem Titel "Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution" erfährt man in sieben Abschnitten alles Wesentliche - beginnend mit der Bildung des Kiewer Reichs und seiner Herrschaft vor tausend Jahren, über die Nationalbewegungen während der langen Perioden der Fremdbestimmung, eingeschlossen der des Sowjetregimes, bis hin zu dessen Zerfall und der Entwicklung seither. Dabei steht die Frage nach Nation, Nationalstaat und Nationalbewusstsein im Mittelpunkt - natürlich, möchte man anfügen, ist sie doch wesentlich für die Verfassung eines Staates.
    Katrin Boeckh:

    Indes ist die von der ukrainischen Politik vertretene und von der ukrainischen Historiographie untermauerte These, es gäbe bereits seit tausend Jahren eine kontinuierliche ukrainische nationale Staatlichkeit, problematisch... Das in das Mittelalter zurückgehende ukrainische Staatskontinuum ist aber in den Bereich des nationalen Mythos zu verweisen, wie er sich gegenwärtig in Osteuropa bei vielen 'jungen' Nationalstaaten, die eine historische Begründung für ihre Existenz anstreben, ähnlich ausgeprägt findet. Die Anfänge der ukrainischen Nationalbewegung liegen im 19. Jahrhundert, ehe dann ab 1917 ein erster nationalstaatlicher Versuch unternommen wurde.
    Und zwar in der Folge der russischen Februarrevolution. Er scheiterte an Bürger- und Interventionskrieg und schließlich am - militärischen - Sieg der Bolschewiken. Wie aber verhält es sich nun mit der Kiewer Rus', jenem ersten Herrschaftsgebilde im zehnten Jahrhundert, das nicht nur von der russischen, sondern vielfach auch von der westlichen Geschichtsschreibung als "Wiege" des russischen Staates bezeichnet wird, unter Ausklammerung sowohl der Ukrainer als auch der Weißrussen? Nun, die Antwort ist denkbar einfach, sie wird uns von Katrin Boeckh gegeben:

    Dabei handelte es sich ... um eine noch gemeinsame, ostslawische Herrschaftsbildung. Die ethnische Differenzierung der Ostslawen, aus denen die Völker der Ukrainer, Russen und Weißrussen hervorgingen, hat in der Rus' zwar begonnen, ist aber erst im 17. Jahrhundert zum Abschluss gekommen. Neben ostslawischen Stämmen siedelten hier auch finnische, baltische und turksprachige Stämme, so dass von einem polyethnischen Konglomerat auszugehen ist.
    Insofern können also Ukrainer wie auch Russen und Weißrussen Kiew als "Wiege" ihrer Staaten reklamieren. Markante Wegemarken jener "ethnischen Differenzierung", von der Katrin Boeckh schreibt, waren zunächst der Tatarensturm, durch den Kiew völlig zerstört wurde, sowie die Entstehung des Fürstentums Galizien-Wolhynien und dann die polnisch-litauische Herrschaft. Letztere war es dann auch, durch die die Entstehung eines ukrainischen Volkes einen kräftigen Anstoß erhielt. Wir lesen:

    Die heutige Ukraine und das heutige Weißrussland wurden staatsrechtlich getrennt. Im Südosten der polnischen Herrschaft bildete sich daraufhin eine eigene Identität der dortigen ostslawischen Bevölkerung aus, beruhend auf der zunächst orthodoxen Konfession und auf der ostslawischen Sprache, die Einflüsse aus dem Polnischen aufgenommen hat, sowie auf gemeinsamen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen.

    Zur nationalen Mythologie der Ukrainer gehören neben der Kiewer Rus' auch die Kosakenverbände. Der Begriff "Kosak" kommt aus dem Tatarischen und bedeutet so viel wie "freier Krieger". In der Tat konnten sich die im 17. Jahrhundert am Unterlauf des Dnjepr - relativ fern staatlicher Autorität - entstehenden Gemeinschaften mit einer eigenständigen Selbstverwaltung recht frei fühlen, weshalb sie für leibeigene Bauern und sonstwie Ausgebeutete und Verfolgte eine beträchtliche Anziehungskraft gewannen; und zu Kriegern wurden sie in Abwehr tatarischer Überfälle. Aber folgen wir der Darstellung Katrin Boeckhs, ist es höchst fragwürdig, die frühe Geschichte der Kosaken als "Goldenes Zeitalter" einer nationalen Geschichte zu sehen, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens:

    In ethnischer Hinsicht waren die Kosaken ... mehrheitlich Ostslawen. Sie nahmen in ihre Gemeinschaft Moskowiter auf, aber auch Balten, Rumänen, Juden, Südslawen und Weißrussen, vorausgesetzt, diese bekannten sich zur Orthodoxie. Diese Religionszugehörigkeit war für die Kosaken Teil ihrer Identität. Offenheit und Integrationsbereitschaft gegenüber Angehörigen anderer ethnischer Gruppierungen waren Kennzeichen kosakischer Lebensweise, wenn sich die Neuankömmlinge den Regeln gemeinsamen Zusammenlebens unterwarfen.
    Zweitens waren es die Kosaken selbst, die sich - im Jahre 1654 - dem russischen, dem "orthodoxen Zaren" in Moskau unterstellten; 13 Jahre später einigten sich Russland und Polen-Litauen auf die Teilung kosakischen Gebiets, womit ein guter Teil der heutigen Ukraine, Kiew eingeschlossen, an Russland fiel. Und drittens schließlich vereinnahmte Russland im Zuge seiner Expansionspolitik im 18. und 19. Jahrhundert praktisch das ganze Land. Eine wesentliche Folge war eine massive Russifizierung, vor allem auch durch die starke Zuwanderung von Russen in die Städte.

    Den 'Kleinrussen' - wie die Ukrainer ab dem 17. Jahrhundert häufig genannt werden - wurde abgesprochen, ein eigenes Volk darzustellen, ihre Sprache wurde als 'Bauernsprache' verpönt.
    Doch dieser Druck war es dann andererseits, der so etwas wie ein nationales Bewusstsein förderte, ausgehend von dem Bemühen literarischer Zirkel und Kreisen der Intelligenz, die ukrainische Sprache zu erhalten. Ein Name steht dabei für viele andere: Taras Schewtschenko, der weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannte, ja berühmte Dichter, durch dessen Werk der Begriff "Ukraine" erst allgemein gebräuchlich wurde. Zeitlich nahezu parallel, aber doch ganz anders verlief die Entwicklung im habsburgischen Galizien, in der Bukowina und in der Karpato-Ukraine. Dort verfolgte die Wiener Monarchie

    eine ziemlich liberale Kulturpolitik gegenüber den 'Ruthenen'. Damit wuchs Galizien hinein in die Rolle eines 'ukrainischen Piemont' und wurde zum Zentrum der ukrainischen nationalen Bewegung. Die unierte Kirche in Galizien war es, die den ukrainischen Gedanken getragen hat, und es waren unierte Priester, die hier zunächst für die Verbreitung der ukrainischen Sprache sorgten, bis auch weltliche Intellektuelle - Lehrer und andere - als Kulturpropagatoren hervortraten.
    Eigentlich bedarf es der seit der Unabhängigkeit im Jahre 1990 intensiv betriebenen Mythenpflege gar nicht, um den Ukrainern das Selbstverständnis als einer eigenen Nation zu vermitteln. Es gibt sie, wie auch der erste Staatsversuch in den Jahren 1917 bis 1921 zeigte. Und dass es seit gut hundert Jahren ein solches Nationalbewusstsein gibt - allerdings mehr oder weniger ausgeprägt -, war sowohl für die Zaren als auch für die kommunistische Herrschaft, für den großrussischen Chauvinismus beider eine ständige Herausforderung, die zu Verfolgung, Unterdrückung und Russifizierung führte. Unter den Folgen hat die Ukraine bis auf den heutigen Tag zu leiden: Zwar ist das Land nicht wirklich in einen dezidiert ukrainischen Westen und einen stark russisch geprägten Osten gespalten, es hat jedoch unter Verschleppungen bei der Demokratisierung und der ökonomischen Transformation zu leiden. Dies war und ist es vor allem, aus dem sich anhaltend Gegensätze entwickelten: Hie eine westliche Orientierung, da das Bemühen alter politischer Eliten und der mit ihnen verbundenen Oligarchen, ihre Positionen zu halten und womöglich noch auszubauen - in Verein mit Russland. Die Autoren Boeckh und Völkl - der übrigens über der Arbeit an dem Buch starb - stellen die so genannte Orangene Revolution von 2004 und 2005 in einen über tausend Jahre reichenden historischen Kontext, der dem Leser die Entwicklung bis heute verständlich werden lässt. So gewinnt ein Land, so gewinnt eine Nation eine Kontur, ein Gesicht, die bislang fast nur als irgendein Teil Russlands gesehen wurden. Ein umfangreicher Anhang mit Zeittafel, Biografien, Literaturhinweisen ist überaus hilfreich. Dem interessierten Laien - und dem ist das Buch nicht zuletzt zu empfehlen - wird es freilich weniger gefallen, sich mit der wissenschaftlichen Umschrift ukrainischer Namen auseinandersetzen zu müssen. Das aber ist auch alles, was zu bemängeln wäre.

    Dietrich Möller über da Buch "Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution". Von Karin Boeckh und Ekkehard Völkl: Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2007, 256 Seiten, 16 Bildseiten und 12 Karten, 26,90 Euro.