Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteKalenderblattAufbruch25.05.2010

Aufbruch

Vor 200 Jahren wurde in Argentinien die erste unabhängige Regierung gebildet

2010 feiern verschiedene Länder Lateinamerikas ihre 200-jährige Unabhängigkeit. Doch die Jahrestage markieren meist nur den Beginn einer langen Reihe von Kämpfen um die nationale Souveränität. Das gilt auch für Argentinien, wo heute vor 200 Jahren in der Mai-Revolution der spanische Statthalter gestürzt wurde.

Von Peter B. Schumann

Blick auf die Skyline von Buenos Aires.  (AP Archiv)
Blick auf die Skyline von Buenos Aires. (AP Archiv)

"An drei Wochen im Jahr tragen wir die Rosette, im Mai, Juni und Juli zu Ehren unseres Landes. Denn am 25. Mai 1810 hat der Mut der Kreolen den Vizekönig in die Flucht geschlagen."

An diesem Tag begann der Aufbruch Argentiniens in die Unabhängigkeit. Auf dem größten Platz von Buenos Aires forderte damals eine riesige Menschenmenge, angeführt von zwei revoltierenden Offizieren, den Sturz des Vizekönigs Baltasar de Cisneros. Er herrschte als Vertreter der spanischen Krone über die Region am Rio de la Plata.

Die Stadtregierung widersetzte sich den Manifestanten und wollte nach stundenlangen Beratungen die Demonstration sogar mit Gewalt auflösen. Aber die Kommandanten der wichtigsten Militäreinheiten gehorchten ihrem Befehl nicht. Deshalb brach Antonio Beruti, einer der Rebellen, in den Konferenzsaal ein und drohte:

"Meine Herren, jetzt ist Schluss mit der Spielerei. Das Volk, in dessen Namen ich spreche, hat bisher Ruhe bewahrt, um Blutvergießen zu vermeiden. Aber es ist bewaffnet und wartet nur auf ein Zeichen."

In der Stadtregierung siegten schließlich die moderaten Kräfte. Der erste Schritt zur Unabhängigkeit war getan. Seitdem gilt der 25. Mai als Nationalfeiertag. Und der Platz, auf dem die Menge revoltierte, heißt heute Plaza de Mayo und ist nach wie vor der zentrale Ort, auf dem die Argentinier ihre Rechte reklamieren. Es sollte damals allerdings noch sechs blutige Jahre dauern, bis ein Kongress in San Miguel de Tucumán erklärte:

"Wir, die Repräsentanten der Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata, zerbrechen die uns von den Königen Spaniens auferlegten Bande. Wir stellen die uns geraubten Rechte wieder her und errichten eine freie und unabhängige Nation."

"Sterbliche! Hört den heiligen Schrei: Freiheit! Freiheit! Freiheit!
Hört das Geräusch der zerbrochenen Ketten. Seht die edle Gleichheit."


Doch auf die Freiheit vom spanischen Joch folgten endlose innere Konflikte: zuerst wechselnde Diktaturen und Bürgerkriege, dann Machtkämpfe zwischen der Handelsbourgeoisie in Buenos Aires und den Großgrundbesitzern in den Provinzen. Die Agraroligarchie stützte ihre Herrschaft auf das Militär, das eine dauerhafte demokratische Entwicklung immer wieder verhinderte. Aber es war auch ein General, der dem Land 1946 eine neue Richtung wies: Juan Domingo Perón.

Perón schuf den Sozialstaat, von dem noch heute viele Argentinier träumen. Und er baute die Bewegung auf, die dem Land mehrfach den Aufschwung brachte, es jedoch genauso oft ins Elend stürzte: den Peronismus. Er vertiefte die soziale Kluft und macht bis heute Opposition fast unmöglich. In ihm finden sich rechte bis linke politische Tendenzen, die häufig um die Macht streiten. Insofern ist dieser allumfassende Peronismus ein Spiegelbild der inneren Zerstrittenheit der argentinischen Gesellschaft.

Trotz allem ist aus den historischen Kämpfen vor 200 Jahren das Argentinien hervorgegangen, das im 20. Jahrhundert lange als führende Nation Südamerikas galt. Diese Rolle hat es jedoch inzwischen an Brasilien verloren. Die letzte Militärdiktatur, das blutigste Ereignis seiner neueren Geschichte, und die rücksichtslose Privatisierungspolitik des peronistischen Präsidenten Carlos Menem haben das Land in seiner Entwicklung weit zurückgeworfen. Deshalb sehen viele Argentinier in diesem Tag keinen Grund zum Feiern. Der Schriftsteller Martín Caparros:

"In diesen 200 Jahren haben wir vor allem an unseren Differenzen gearbeitet, was sich in Konfrontationen, Hass und Kriegen geäußert hat. Deshalb ist es etwas abwegig, wenn wir jetzt des historischen Augenblicks gedenken, an dem unsere Spaltungen und Zwiste begonnen haben, nicht aber die Suche nach einer annehmbareren und menschlicheren Form des Zusammenlebens."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk