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StartseiteTag für Tag"Eine unerhörte Bereicherung und Erweiterung" 01.06.2015

Auflösung traditioneller religiöser Milieus"Eine unerhörte Bereicherung und Erweiterung"

Die Religion in der offenen Gesellschaft - Eine Herausforderung für die Kirchen (Teil 1)

Wenn du religiös bist, bist du Christ: Diese Gleichung sei inzwischen aufgehoben, sagte der Theologe Matthias Kroeger im DLF. Er begrüßte die "ungeheure Blickerweiterung", die die religiöse Autonomie mit sich brächte, warnte aber gleichzeitig vor einem "wilden Durcheinander von Beliebigkeiten".

Matthias Kroeger im Gespräch mit Rüdiger Achenbach

Fünf Symbole stehen auf dem Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen, für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus, von links (picture alliance/dpa/Keystone/Urs Fueller)
Von einer "wunderbaren reichen und aufregenden religiösen Zeit" spricht Matthias Kroeger, Professor für Theologiegeschichte an der evangelischen Fakultät der Universität Hamburg. (picture alliance/dpa/Keystone/Urs Fueller)
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Rüdiger Achenbach: Herr Kroeger, in Ihrem Buch heißt es im Titel unter anderem "Im religiösen Umbruch der Welt". Was sind denn nach Ihrer Meinung die Ursachen für diese Veränderung?

Matthias Kroeger: Also, das ist ein sehr fundamentaler Vorgang, den ich am besten an einem Bild erkläre, da ist er anschaulicher. Nach 1945 sind auch in einer ungeheuren Weise die bis dahin geschlossenen Territorien und Ihre Bevölkerung durcheinander gewirbelt worden. Bis 1945 wusste man, wenn man in Preußen lebte, ist man uniert. Wenn man in Bayern lebt, ist man in Bayern katholisch und in Franken evangelisch. Diese Homogenität der Territorien wurde gründlich durcheinander gewirbelt

"Ganz neue religiöse Welten stürmen auf uns ein"

Achenbach: Das heißt, es sind zuerst einmal die religiösen oder konventionellen Milieus verloren gegangen.

Kroeger: Die Einheitlichkeit dieser Milieus ist verloren gegangen. Und genau dasselbe erleben wir jetzt, dass nämlich erstens die Menschen keine einheitliche Prägung durch die christlichen einheimischen Kirchen haben. Es gibt erhebliche Bevölkerungsteile, die sich diesen Kirchen nicht mehr zugehörig fühlen und auch von denen sich nicht beeinflussen lassen. Und wir haben eine Globalisierung der Horizonte. Menschen reisen, das Fernsehen zeigt andere Länder. Man kann mühelos nach Marokko, nach Israel, irgendwo hingehen, Moscheen erleben. Man sieht Menschen ...

Achenbach: ... und macht Erfahrungen mit anderen Kulturen und Religionen.

Kroeger: So ist es. Dies ist der Umbruch, dass auf einmal ganz neue religiöse Welten auf uns einstürmen, ganz neu sich öffnen. Neue Welten buchstäblich, so wie der Tourismus das ja auch geschaffen hat und insgesamt die technisch-wissenschaftlich-kulturelle Globalisierung. Wir haben dadurch eine unerhörte Bereicherung und Erweiterung. Es hat auch bedrohliche und gefährliche Komponenten an sich. Aber es ist zunächst einmal eine ungeheure Blickerweiterung, wenn man sich sagen kann, seit Menschengedenken suchen Menschen ihren Weg zu Gott oder zum Göttlichen, zum Religiösen – wie man das nennen will. 

"Eine aufregende wunderbare Situation" 

Und jetzt schauen wir mal, was haben denn die anderen gesehen. Wissen die vielleicht mehr als wir? Oder wissen in einigen Punkten wir vielleicht mehr? Das ist eine aufregende wunderbare Situation, die es so vorher nie gegeben hat und die ich eigentlich nur als ein großes Abenteuer und eine wunderbare reiche und aufregende religiöse Zeit bezeichnen kann.

Achenbach: Das heißt doch auch, statt des ehemaligen traditionellen Monopols der Kirchen für die Religionen ist dann sozusagen ein freier Markt mit religiösen Angeboten entstanden.

Kroeger: Richtig. Ein Markt hat immer auch Gefahren. Menschen müssen wählen. Und auf einem Markt erscheinen nie nur solide Waren, sondern eben auch Scharlatanerien. Man muss daher langsam lernen, so wie Hausfrauen lernen müssen in einem großen Markt einzukaufen, was ist eine falsche Werbung und worauf darf ich mich nicht einlassen. 

"Eine große Befreiung vom Zwang der Homogenität" 

So ist auch hier die Gefahr, dass man sich von Surrogaten vollreden lässt. Und trotzdem ist es eine große Befreiung. Die Menschen meines Alters, die noch die Adenauerzeit nach dem Krieg erlebt haben, wissen, wie lastend und lähmend die Homogenität dieser konservativ und kirchlich geprägten Zeit war. Das war ein großer Zwang. Der hieß nämlich, wenn du religiös bist, bist du Christ.

Und diese Gleichung ist inzwischen aufgehoben. Für das Religiös-Sein gibt es heute sehr verschiedene Lösungen und Optionen. Und das Christentum ist nur eine von ihnen. Wir Christen wissen, warum wir das tun. Aber wir wissen, es gibt auch andere gültige Wege zu Gott und zum Göttlichen.

Achenbach: Heißt das, es hat eine Entwicklung hin zur religiösen Autonomie bei den einzelnen Menschen gegeben? 

"Kirchen sollten Menschen zu Autonomie ermuntern"

Kroeger: Ob es die Entwicklung schon gegeben hat, weiß ich nicht. Aber die Notwendigkeit der Autonomie, die gibt es. Denn in dem Maße, in dem wir nicht mehr sagen, ich lebe in Niedersachsen und deswegen bin ich der und der, sondern egal, wo ich lebe, ich muss gucken, was zu mir passt und was stimmt und was ich glaube, müssen wir langsam unsere religiöse Autonomie ausbilden, um zu gucken, was ist es denn, was für mich stimmt. Und jeder, der diesen Weg geht, und jede, macht natürlich dabei auch ihre Wege und Umwege. Man kann nicht zu jemand sagen, werde erwachsen, aber bitte auf die Weise, die ich dir vorgebe und vorschlage.

Achenbach: Es kann aber auch die Suche nach autoritären Strukturen sein in einer Religionsgemeinschaft, in der man sozusagen auch seine eigene Verantwortung letztlich abgeben könnte?

Kroeger: In der Tat. Das ist eine Gefahr. Und deswegen finde ich, haben die Kirchen auch eine erhebliche Bedeutung und Aufgabe auch ihrerseits in den tiefsten Schichten der Seele, Menschen zu ihrer Autonomie zu ermuntern und ermutigen und sie dabei zu unterstützen, satt es ihnen wegzureden.

Und die Kirchen können an diesem Aufwachen der Autonomie der Menschen teilhaben– und nicht in Gehorsamsstrukturen zu verharren – das hat uns in Deutschland ja schon mal in ganz fatale Situationen geführt. Dieses Bedrohen durch Flucht zu den autoritären Strukturen – das kann allemal wieder kommen. Darüber ist keine Gesellschaft hinaus.

"Christen lernen woanders hinzu" 

Achenbach: Bleiben wir noch einen Moment bei der religiösen Selbstbestimmung, also bei der religiösen Autonomie. Untersuchungen der Religionssoziologie zeigen, dass das Phänomen dieser religiösen Selbstbestimmung nicht nur bei den sogenannten Kirchendistanzierten auftritt, sondern durchaus auch bei Kirchenmitgliedern. Zum Beispiel dass etwa 20 Prozent der Kirchenmitglieder heute an Seelenwanderung und Wiedergeburt glauben. Hier werden also Vorstellungen einer anderen Religion aufgenommen und problemlos mit christlichen Vorstellungen zusammengebracht.

Kroeger: In der Tat. Ich finde das auch sehr schön, dass zum Beispiel viele Menschen, die zu den christlichen Kirchen gehören, das Meditieren lieber bei Buddhisten lernen. In einer Zen-Session oder sonst irgendwo anders, denn der Buddhismus – also im Kleinfahrzeug dem Zen – ist geübter in einer religiösen Meditation, die nicht von einer Person Gottes ausgeht. Das hilft sehr vielen Menschen. Sie sind Christen, aber lernen woanders was hinzu.

Darin dokumentiert sich in der Tat ein Stück religiöse Autonomie. Die kann man aber in der Formel oft wieder finden: Religiös bin ich auch, aber nicht wie die Kirche. Oder christlich bin ich auch, aber nicht so wie die Oberen das da lehren. Sondern ich mache mir meinen eigenen Vers drauf. Das ist berechtigt.

"Religionen sind nicht identisch mit Kirchengrenzen" 

Achenbach: Aber das ist eine Situation, die vor allem von Weltkirchenbeauftragten als Patchwork oder Synkretismus negativ bezeichnet wird.

Kroeger: Ich würde auch wieder sagen, es kann beide Seiten haben. Diese Situation kann auch zu einem wilden Durcheinander von Beliebigkeiten führen. Aber – ich nehme mal wieder ein Bild, wenn sich zwei Menschen kennenlernen, aufeinander zugehen und denken, wir lieben uns, die beginnen ja auch, einander anzugucken und voneinander zu lernen und stellen sich aufeinander ein. Dann sagt man ja auch nicht, das ist eine Patchwork-Identität, wenn sich zwei aufeinander zu bewegen.

Nur wenn sie aufhören, ihr Selbstsein in dieser Annäherung aufzugeben, dann wird es gefährlich. Und in der Tat auf dem religiösen Markt gibt es viele, die nicht wissen, wo sie hin sollen. Aber warum soll man nicht Zeit geben, damit sich aus der Verschiedenheit der Einflüsse aus verschiedenen Quellen langsam eine Identität bildet. Sie muss ja nicht am Anfang stehen. Denn die Identität, die einem die Kirchen vorschreiben, ist für die meisten ohnehin vorbei. Man muss die eigene Identität suchen und die steht am Ende des Wachstumsprozesses und nicht als Eingangsbedingung am Anfang.

Achenbach: Sehen Sie hier Berührungsängste in den Kirchen im Umgang mit dieser – ich nenn das mal – freien Religiosität?

Kroeger: Die Kirchen stehen nicht in dem Ruf als wenn sie von dieser Art wären. In der Kirche – sage ich – ist sehr viel mehr Tolles, Freies, Liberales, Lebendiges unterwegs, als man von außen her sieht oder weiß. Die Kirchen haben sehr vieles getan und tun es noch heute, um den Eindruck zu erwecken, dass, wer in die Kirche geht, glauben muss, was der Kirche gehört. Kirchen sind aber ein Ort der Freiheit der Kinder Gottes. Und die Kinder Gottes sind längst durch die Religionen durchgewachsen, die sind nicht identisch mit den Kirchengrenzen.

Achenbach: Wen wir uns jetzt diese freie Religiosität etwas näher anschauen, dann wird man auf der anderen Seite feststellen, dass die Kenntnisse, die es über das Christentum heute gibt, über das Christentum als Religion und Tradition, weitgehend zurückfallen.

"Das Nicht-Bleiben-Müssen ist das Neue an der offenen Gesellschaft"

Kroeger: Es liegt ein ungeheurer Mehltau über allem Christlichen, weil es schon immer dasselbe ist und es muss ja sowieso geglaubt werden. Dass es keine Aufforderung zur Beteiligung in religiöser Autonomie an diesen Stellen gibt, ich glaube, das ist der Kernsachverhalt. Das ist leider ein sehr gravierender Vorgang.

Achenbach: Das heißt also, wenn man früher sagen konnte, Europa – das ist der Kontinent, da leben die Christen, im Orient - dort trifft man den Islam – und in Asien kann man Buddhisten und Hindus treffen, dann muss man an dieser Stelle sage, Religion ist dann auch irgendwann ein geografischer Faktor.

Kroeger: Richtig. Ich würde sagen, jeder Mensch hat sinnvollerweise an irgendeiner Stelle dieser Welt und ihrer Religion seinen Ausgangspunkt. Aber dass ich in einem lutherischen Lande – ich zum Beispiel in Riga – das deutsche Milieu Riga war lutherisch – dass ich darin geboren worden bin, heißt nicht, dass ich mein Leben lang in den Grenzen des Luthertums denken und bleiben muss. Ich verleugne nicht diese Wurzel, aber ich weiß, dass es auch andere Wurzeln gibt, mit denen ich mich vernetzen kann. Und diese Nicht-Bleiben-Müssen – das ist das Neue an der offenen Gesellschaft.

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