Dienstag, 16. August 2022

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Aufrecht durch Afar

Paläoanthropologie.- 1974 wurde im äthiopischen Afar die berühmte Lucy ausgegraben, das erste Fossil der Vormenschen-Art Australopithecus afarensis. Obwohl es vergleichsweise viele Überreste dieser Art gibt, gab es immer wieder Streit über ihre Interpretation. Ein in "Science" dokumentierter Fund dürfte jetzt die Frage nach Lucys Gang erledigt haben.

Von Michael Stang | 11.02.2011

    Hadar bezeichnet ein unwirtlichen Gebiet am Awashfluss im äthiopischen Afar-Dreieck. Doch steht dieser Name wie kaum ein anderer für wichtige Frühmenschenfunde. 1974 wurde dort die berühmte Lucy ausgegraben, wenige Jahre später folgte die Entdeckung der so genannten "first family", der ersten Familie der Menschheit: die versteinerten Überreste von mindestens fünf Individuen, die alle zu Australopithecus afarensis gehören, einer Spezies, die vor 3,7 bis 2,9 Millionen Jahren lebte. Trotz vieler Knochen fehlte jedoch bislang der entscheidende Beweis, dass diese Frühmenschen ähnlich wie heutige Menschen aufrecht gehen konnten. Diesen Beweis erbringt nun der Fund eines kleinen Fußknochens, sagt die Anthropologin Carol Ward von der Universität von Missouri. Dabei handelt es sich um den 4. Mittelfußknochen, der erste vollständige dieser Frühmenschen überhaupt.
    "Wir wissen, dass sie aufrecht auf zwei Beinen gehen konnten. Bislang war aber nicht klar, ob es nicht noch eine Art Kompromiss-Fortbewegung war, also dass sie doch noch ganz gut in den Bäumen leben konnten. Mit unserem Fund können wir belegen, dass afarensis genauso gut oder schlecht wie heutige Menschen in Bäumen klettern konnte, da er nur noch seine Hände und nicht mehr die Füße zum Greifen hatte. Dafür liefen diese Frühmenschen umso besser auf zwei Beinen, weil sie das Leben in den Bäumen bereits aufgegeben hatten."

    Carol Ward zufolge war der aufrechte Gang bei der Lucy-Spezies kein Übergang mehr zwischen dem Leben in den Bäumen und der Savanne, sondern ähnelte stark dem Gang heutiger Menschen. Die Fußknochen sind menschenähnlich, da sie keinen Greifzeh mehr haben, sondern einen großen Zeh, der mit allen anderen in einer Linie liegt. Damit konnten sich Babys von Australopithecus afarensis auch nicht mehr am Fell der Mutter festhalten. Das bedeutet, falls diese Urmenschen noch zeitweilig in den Bäumen gelebt haben sollten, hätten die Mütter ihre Kinder beim Klettern permanent festhalten müssen. Die Entdeckung des 4. Mittelfußknochens bestätigt auch eine andere Vermutung. 1978 wurden in Laetoli/Tansania 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren von drei Frühmenschen entdeckt, die bereits auf zwei Beinen gingen. Ward:

    "Die einzigen Frühmenschen, die zu der Zeit lebten, als die Fußspuren in Laetoli entstanden sind, waren Vertreter von Australopithecus afarensis. Viele Skeptiker behaupteten jedoch, dass dieser Frühmensch die Spuren nicht hinterlassen haben könnte, weil der Beweis für ein bereits entwickeltes Fußgewölbe fehlte. Jetzt wissen wir aber, dass die Lucy-Spezies dieses bereits hatte. Damit ist und bleibt die wahrscheinlichste Erklärung, dass diese Frühmenschen auch die Fußspuren in Laetoli hinterlassen haben."

    Diese Erklärungen hält auch Tim White von der Universität von Kalifornien in Berkeley für schlüssig. Er gilt als einer der großen Experten für Frühmenschenfunde. Seit den 1970er-Jahren forscht er in Ostafrika und sucht dort jedes Jahr weitere Fossilien aus der Frühzeit des Menschen. Der Paläoanthropologe hat an der Erstbeschreibung Lucys mitgearbeitet und die Fußspuren in Laetoli mitentdeckt.

    "Letztendlich werden jetzt nur frühere Überlegungen bestätigt. Natürlich gibt es auch noch einige, wenige anatomische Anpassungen an das Leben in den Bäumen, das verschwindet ja nicht binnen kurzer Zeit. Aber jetzt gibt es diesen Fußknochen, der eindeutig den aufrechten Gang, wie wir ihn auch bei heutigen Menschen kennen, beweist und diese Schlussfolgerungen sind unanfechtbar."

    Seiner Ansicht nach ist damit das Kapitel der Zweifel an Lucys aufrechtem Gang nun endgültig abgeschlossen.