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Aufregung in den Niederlanden

Für Geert Wilders von der niederländischen "Partei der Freiheit" ist der Koran ein faschistisches Buch, das zu Intoleranz, Mord und Terror aufrufe. So wie Hitlers "Mein Kampf" müsse es verboten werden. Deshalb will Wilders einen Antikoranfilm aussenden. Seit dieser Ankündigung macht sich in den Niederlanden Panik breit: Der dänische Karikaturenstreit ist noch nicht vergessen. Und die niederländische Wirtschaft fürchtet Umsatzeinbussen durch Boykotte. Kerstin Schweighöfer berichtet.

    Schoolstraat heißt die Hauptgeschäftsstrasse in der Fußgängerzone von Voorschoten bei Den Haag. Vor der Buchhandlung de Kler stehen wie jeden Vormittag Neugierige, um die Titelseiten der Zeitungen zu studieren.

    "Vielleicht gibt es ja Neues über den Anti-Koranfilm von Geert Wilders."

    Seit Wochen schon beherrscht der islamophobe Politiker die Schlagzeilen. Gesehen hat seinen Antikoran-Film noch keiner, auch das genaue Sendedatum steht noch nicht fest. Dennoch ist der Film an Stammtischen, in Talkshows und auf den Meinungsseiten der Zeitungen Gesprächsthema Nr. 1. Die Niederländer im Bann eines angekündigten Skandals:

    Er soll die Finger davon lassen, meint eine alte Dame: Das führt nur zu neuen Unruhen und Problemen!

    "Aber wir leben doch in einer Demokratie!" kontert ein Mann und pocht auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit.

    Aber, so gibt ein anderer zu bedenken: "Ist das Recht auf Meinungsfreiheit auch ein Recht auf Beleidigung?" Gerade in Glaubensfragen dürfe man Menschen nicht verletzen!

    Geert Wilders gilt als Scharfmacher, der keine Gelegenheit auslässt, um immer neues Öl ins Feuer zu gießen.. Immer wieder versucht Wilders, von den Ängsten vieler Wähler zu profitieren: Wie ein Tsunami, prophezeit der 44-Jährige, werde der Islam über Europa hereinbrechen. Und: "Wir verkaufen unser Land an einen Teufel, der Mohammed heißt - und niemand tut etwas." Zitat Ende. Weiter fordert Wilders, Ministerpräsident Balkenende müsse die Islamisierung der Niederlande umgehend stoppen:

    Das Kabinett rechnet mit dem Schlimmsten und hat zusammen mit der Anti-Terror-Behörde einen Krisenplan aufgestellt. Botschafter und Bürgermeister sollen die Gemüter besänftigen. Vertreter moslemischer Organisationen arbeiten dabei aktiv mit: Imame haben die Gläubigen aufgerufen, Ruhe zu bewahren; die Dachorganisation der Moslems in den Niederlanden will in allen Moscheen einen Tag der offenen Tür mit Debatten veranstalten, sobald Wilders' Film ausgestrahlt wird. Die Arabisch-Europäische Liga plant zusammen mit moslemischen Politikern aus den Niederlanden einen Gegenfilm, in dem zur Versöhnung aufgerufen wird. Der aus Marokko stammende Staatssekretär für Soziales Ahmed Aboutaleb hat sich angeboten, im Ausland auf arabisch zu erklären, warum der Film in den Niederlanden gezeigt werden darf. Und Ministerpräsident Balkenende versucht, Geert Wilders in Gewissen zu reden:

    Meinungsfreiheit sei ein wertvolles Gut, mit dem man auch entsprechend verantwortungvoll umzugehen habe, betont Balkenende. Er spricht von einer schweren Krise.

    Diese Worte brachten ihm herbe Kritik ein: Wenn der Ministerpräsident jetzt schon von einer großen Krise rede - wie wolle er die Lage dann bezeichnen, wenn sie wirklich eskaliere? Balkenende, so finden neben den Oppositionsparteien auch viele Wähler, lasse sich von der allgemeinen Hysterie anstecken; mit Äußerungen wie diesen mache er sie noch größer. Wilders selbst reagierte selbstsicher, fast höhnisch auf die Kritik: Dieses Land werde nicht von einer Regierung regiert, sondern von Angst, sagte er:

    "Viele distanzieren sich schon jetzt von meinem Film, obwohl ihn keiner kennt! Alle Achtung", so Wilders, "ich frage mich, wie die das machen! Bewahrt doch einfach alle die Ruhe - wenn ihr den Film gesehen habt, können wir noch lange genug darüber reden!"
    Selbst erbitterte Gegner müssen ihm in diesem Punkt Recht geben. Wilders, so konstatieren Zeitungskommentatoren, erweise sich als Meister im Manipulieren von Medien und Politik: Mit minimalem Einsatz habe er den maximalen Effekt erreicht. Auch viele Bürger können darüber nur ungläubig den Kopf schütteln:

    "Er hat es doch tatsächlich geschafft, das alle nur noch über ihn reden!"

    "Wer weiß: Vielleicht wird es überhaupt keinen Film geben und Wilders führt uns alle an der Nase herum - wie ein Clown, der sich eine rote Nase aufsetzt und 'ätsch!' ruft!"