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StartseiteHintergrundAufschwung Ost am Jenissej20.10.2005

Aufschwung Ost am Jenissej

Leben und Überleben in der sibirischen Provinz

Freitag Abend auf der Ulitza Lenina im Zentrum von Krasnojarsk, einer Großstadt in Sibirien mit beinahe einer Million Einwohnern. Die Musik, die man hört, kommt aus städtischen Lautsprechern, die an jedem zweiten Laternenmast hängen. Die Ulitza Lenina ist voll von jungen Leuten auf der Suche nach einem Ort, wo man an einem kühlen Abend im Herbst einkehren kann. Die Restaurants und Bars sind überfüllt, obwohl die Preise für russische Verhältnisse relativ hoch sind.

Von Ernst von Waldenfels

Sibirien ist bekannt für Bodenschätze und Straflager - es hat aber auch andere Seiten.  (AP)
Sibirien ist bekannt für Bodenschätze und Straflager - es hat aber auch andere Seiten. (AP)
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Welch Kontrast zu den späten neunziger Jahren. Damals gab es hier nur einige wenige Lokale und noch weniger Publikum, mit dem nötigen Kleingeld. Ausgehen hieß 1998 sich an einer Straßenecke eine Flasche Wodka im Stehen teilen. Und das ist nicht der einzige Unterschied, der in Krasnojarsk sofort auffällt. Die Kanaldeckel werden nicht mehr gestohlen, die Straßenbeleuchtung funktioniert besser, die gröbsten Schlaglöcher sind beseitigt und aus Deutschland hat man die Gewohnheit übernommen, alle Gehwege mit hässlichen kleinen Betonfertigsteinen zu pflastern. Die Stadt hat sogar einen neuen Bahnhof, von dem Lokalpatrioten nicht ganz wahrheitsgetreu behaupten, er sei noch größer, als der von Novosibirsk. Auch wenn an der U-Bahn noch wie vor sieben Jahren gebaut wird, ohne dass auch nur eine Linie eröffnet ist, kann der Unterschied zu Krasnojarsk anno 98 nicht größer sein. Damals war gerade der populäre Fallschirmgeneral Alexander Lebed zum Gouverneur gewählt worden. Doch die wahre Macht hatte ein Mann namens Anatoli Bykow.

" Mir hat Bykow selbst gesagt, er habe mich umbringen wollen, aber dann hätten ihm Leute geraten, es lohne sich nicht. Das war Klartext von ihm, gleich das erste Mal als wir miteinander bekannt wurden. Das war 97 oder 98. "

Der Journalist Alexei Tarasow blickt zurück. Tarasow war damals Korrespondent der Isvestija und der einzige Journalist, der es wagte, über Bykows Machenschaften wahrheitsgemäß zu berichten. Bykow, ein ehemaliger Sportlehrer und Amateurboxer hatte sich in den so genannten Aluminiumkriegen durchgesetzt. Das waren blutige Auseinandersetzungen mit Dutzenden von Toten, bei denen es um die Aluminiumhütten in Krasnojarsk und Umgebung ging, die zehn Prozent des weltweit verbrauchten Aluminiums produzieren. Eine wahre Goldgrube mit riesigen Deviseneinnahmen.

Bykows Ende begann im Sommer 1998. Damals wurde der ehemalige Fallschirmgeneral Alexander Lebed mit Bykows Hilfe zum Gouverneur gewählt. Bykow glaubte mit dem eigenwilligen General einen geeigneten Strohmann gefunden zu haben, um die restlichen Ressourcen der Provinz unter seine Kontrolle zu bringen. Doch Bykow hatte sich verrechnet. Lebed wollte die ganze Macht. Er versuchte Bykow vor Gericht zu stellen, aber niemand wollte gegen den Amateurboxer aussagen.

Lebed musste sich an die neue Regierung Putin in Moskau wenden. Dort war man erfreut über die Chance, die Aluminiumwerke wieder unter Kontrolle zu bringen. Der ehemalige Boxer wurde mit einem klassischen Trick erledigt. Einer der Spießgesellen Bykows, der Bandit Pascha mit Spitznamen der "Zwinkerer" veranstaltete in Moskau eine Pressekonferenz, in der er ankündigte, er werde auspacken.

" Daraufhin kam es zu einem angeblichen Mordanschlag. Alle Fernsehkanäle zeigten, wie die Leichen Paschas und von seinem Freund Wjatscheslav, "der Henker", in einen Leichenwagen geschoben wurden.

Mit dem ganzen Theater sollte der Killer die Ausführung des Mordes belegen. Er ging also zu Bykow, bekam Geld und die Geheimdienste zeichneten ihr gesamtes Gespräch auf. Danach wurde Bykows Anwesen gestürmt. Bei der Gerichtsverhandlung wurde er zu der merkwürdigen Strafe "sechseinhalb Jahre auf Bewährung" verurteilt. Es wäre genauso absurd gewesen, hätte man ihn erst zum Tod verurteilt und dann auf Bewährung freigelassen. "

Heute sind Bykow und Lebed Geschichte. Lebed kam 2002 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben und Bykow verlor die Aluminiumwerke. Zusammen mit dem Urteil wurde der Eigentümerwechsel bekannt gegeben.

" Was die Justiz unter Putin betrifft, so ist klar, es gibt bestellte Urteile, so genannte Paketlösungen: sagen wir mal Bykow verspricht, sich da und dort nicht mehr einzumischen, seine Anteile an einem Kombinat dem und dem zu verkaufen, und dafür erhält er dann das und das Urteil. Was die Steuerdisziplin betrifft, so greift die Justiz allerdings viel härter durch. "

Alleiniger Inhaber von Russki Aluminium, wie der Konzern jetzt heißt, ist heute der Moskauer Oligarch Oleg Derepaska. Immerhin zahlt das Alumniumwerk jetzt Steuern, Preis des Oligarchendaseins unter Putin. Das war unter Bykow noch anders. Unter dem selbstherrlichen Provinzmafioso hatte das Werk nicht einmal die Mehrwertsteuer abgeführt. Und auch sonst hat sich das Wirtschaftsleben in der sibirischen Provinz stark verändert.

" Der Tauschhandel hat sehr abgenommen, im Prinzip läuft alles nur noch mit Geld. "

Besuch bei Marina Svistunova, einer Geschäftsfrau. Vor sieben Jahren handelte sie mit vielerlei Dingen, ohne jemals Geld in die Hand zu nehmen. Bereits vor der Krise im August 1998, als Russland plötzlich alle Zahlungen einstellte, war die Provinz zum Tauschhandel übergegangen. Frau Svistunova handelte damals mit Eisenbahnfahrkarten. Die Tickets bekam sie im Austausch gegen Ersatzteile, die die Bahn benötigte, und die Ersatzteile nahm sie gegen Röhren in Zahlung. Heute ist sie Chefbuchhalterin in einer Firma, die Straßenschilder herstellt und auf den Straßen Markierungen anbringt. Im großen und ganzen werde nur noch gegen Bargeld abgerechnet, betont sie. Im Großen und Ganzen.

" Es gibt einen Vertrag mit dem hiesigen Militärstützpunkt, der uns Wehrpflichtige als Arbeiter zur Verfügung stellt. Allen geht es dabei gut und besonders den Wehrdienstleistenden, die bei uns sehr gut verpflegt werden.

Sie bekommen keine Prügel und niemand beleidigt sie. Sie sind daher immer unglücklich, wenn sie von uns weg müssen. Jetzt wollte das Verteidigungsministerium derartige Praktiken verbieten. Aber dann wurde diese Weisung widerrufen und alles blieb beim alten. Für die Garnison ist das sehr gut, weil die Finanzierung ein einziges Chaos ist. Da sollte zum Beispiel eine Inspektion stattfinden und vor jeder Inspektion muss man alles renovieren. Sie brauchten neue Türen und so haben wir ihnen Türen geliefert und sie mit der Arbeit der Soldaten verrechnet, weil das Militär kein Geld hat. "

Das Militär ist eine der letzten russischen Institutionen, die ihren Mitarbeitern noch wie in der Sowjetunion nicht Geldmittel, sondern Leistungen zur Verfügung stellt. Die Berufssoldaten sind unterbezahlt. Reisen zum Beispiel können sie nur, weil es in jeder Provinzstadt armeeeigene Hotels gibt, wo sie kostenlos unterkommen. Selbstverständlich drücken diese Hotels heutzutage – anders als in der Sowjetunion – gerne ein Auge zu, wenn ein Nichtmilitär übernachten möchte. Wo das Geld bleibt, dass diese Herbergen nebenher verdienen, ist völlig unklar – ebenso unklar wie der Verbleib des Geldes, das die Wehrpflichtigen erhalten, wenn sie an Firmen, wie die von Marina Svistunova ausgeliehen werden.

So wie es heute bei der Armee noch ist, so war es bis in die späten neunziger Jahre in ganz Russland: Gewisse Dinge waren kostenlos, die überall sonst in der Welt teuer bezahlt werden müssen. Beispielsweise Energie. Früher hätte niemand einen Besucher ermahnt, beim Verlassen des Zimmers doch bitte das Licht auszuschalten. Heute, wo überall Stromzähler hängen, ist das ganz anders. Jeder muss für seinen ganz persönlichen Stromverbrauch aufkommen, und wer nicht zahlt, wird vom Netz abgeklemmt. Ein heilsamer Schock in den Augen Yevgeni Lukins, Chefkonstrukteur der Fabrik für Niedervolttechnik in Divnogorsk, fünfzig Kilometer von Krasnojarsk entfernt.

" Tschubais war der unpopulärste Mann im Land. Er leitete die gesamte Elekrizitätswirtschaft, die immer noch zu 51 Prozent staatlich ist. Die Massenmedien beschimpften ihn, er sei schuld daran, dass Fabriken schließen müssten, als die Elektrizitätswirtschaft die erste Branche wurde, die sich dem Tauschhandel verweigerte. Auf Weisung aus dem Kreml nahm er keine Güter als Gegenwert für Strom mehr an. Auf einmal musste für Strom Geld bezahlt werden. Auf diese Weise wurde der Tauschhandel aus der Wirtschaft gedrängt. Früher zum Beispiel ließen wir uns für unsere Sicherungen mit Platten für den Wohnungsbau bezahlen. Aber als man mit den Platten keinen Strom mehr bezahlen konnte, ging es langsam mit dem Tauschhandel und auch mit der alten Geschäftsführung zu Ende. "

1998 hatte Yevgeni Lukin kleine Papierschnitzel, so genannte Taloni, also Wertmarken, an Stelle von Lohn erhalten. Mit diesen Taloni konnte er zu überhöhten Preisen im firmeneigenen Laden einkaufen. Jede Minute Freizeit verbrachte er damals er auf seinem Gartengrundstück, wo er Kartoffeln und Gemüse anbaute. An seinem Arbeitsplatz gab es keinen Internet-Anschluss. Zu teuer, sagte die Geschäftsleitung. Angeblich zu teuer waren auch jegliche sonstigen Investitionen in das Werk mit seinen 2400 Beschäftigten.

Vor sieben Jahren hätte niemand der Fabrik für Niedervolttechnik eine lange Zukunft gegeben. Und doch hat das Werk seine Produktion verdreifacht und stellt heute sogar Mitarbeiter ein. Von Gutscheinen statt Geld ist selbstverständlich längst keine Rede mehr. Was ist geschehen?

" Erst musste sich die Lage im ganzen Land ändern. Die alte Leitung hatte sich an den Tauschhandel gewöhnt. Sie war damit zufrieden, weil er erstens praktisch unkontrollierbar ist und man zweitens immer die Möglichkeit hatte, mit den Werten zu spielen.

In dem Moment, als dann die Einnahmen ausblieben, war es mit der Geduld der Aktionäre vorbei.

Leitende Angestellte, die nicht direkt mit der Produktion zu tun haben, gibt es praktisch gar nicht mehr. Wir haben eine komplett neue Leitung aus jungen Leuten. Auch bei uns Ingenieuren haben junge Leute angefangen. Von insgesamt sechs Ingenieuren sind drei direkt aus der Hochschule zu uns gekommen. "

Sind die Arbeiter in der Fabrik jetzt zufrieden?

" Das würde ich nicht sagen. Vielen gehen die Veränderungen immer noch zu langsam. "

Besonders hoch sind die Gehälter in der Fabrik nicht. Durchschnittlich 200 Dollar oder 150 Euro verdient man hier. Das reicht in der russischen Provinz gerade so zum Überleben. Dass sich trotzdem Leute drängen, hier zu arbeiten, liegt schlicht daran, dass es für Industriearbeiter kaum eine Alternative gibt.

Die Mehrheit der Krasnojarsker Industriebetriebe hat das Ende des Tauschhandels, die neue monetäre Disziplin nicht überlebt. Das russlandweite Netz veralteter Betriebe, die sich nur halten konnten, weil sie untereinander ihre Waren tauschten, ist mit der Monetarisierung zusammengebrochen. Das Industriegebiet am rechten Jenissej-Ufer ist verödet. Die Textilfabriken und andere Betriebe der Leichtindustrie sind verschwunden. Überlebt haben einige Rüstungsbetriebe und Hochtechnologieunternehmen, wie der Satellitenhersteller NK.

Am besten geht es den Betrieben, die mit dem heimischen Verbrauchermarkt zu tun haben. Erst profitierten sie von der Verteuerung aller Importe nach der Währungskrise im Sommer 1998 – für einen Dollar musste man binnen Wochen dreimal mehr zahlen als vorher – und jetzt von dem Geld, dass der Rohstoff- und Ölboom der letzten Jahre in die Taschen der russischen Verbraucher schwemmt. Im vergangenen Jahr ist der Konsum in Russland um 10 Prozent gewachsen.

Nastya Biankina gehört zu den Gewinnern. Die ausgebildete Biologin arbeitete vor sieben Jahren in einem Naturschutzgebiet in der Nähe Krasnojarsks und bekam ein Gehalt, das noch nicht einmal für ihren Lebensunterhalt reichte. Heute ist sie in einer Werbefirma tätig.

" Die Zahl der Werbeagenturen ist riesig und wächst jeden Tag. Bei uns arbeitet man nicht mehr für wenig Geld. Wenn jemand die Wahl hat, für dreihundert Dollar zu arbeiten und sei es für kürzere Zeit oder sofort eine Stelle für 150 Dollar anzutreten, dann wird er warten, bis er einen Job mit dreihundert Dollar Gehalt bekommt. "

Die junge Frau ist Anfang dreißig und verdient umgerechnet vier bis fünfhundert Dollar im Monat. Das ist schwer verdientes Geld. Mehrmals die Woche muss sie bis zehn Uhr abends in der Firma bleiben, um für Geschäftspartner aus Moskau erreichbar zu sein, das vier Zeitzonen hinter Krasnojarsk zurückliegt. Außerdem springt sie für ihre beiden Vorgesetzten, Vika und Natascha ein, die sich abends weiterbilden.

Wer relativ jung und gut ausgebildet ist, hat im heutigen Krasnojarsk keine schlechten Chancen. Und die anderen?

" Was über Putin geredet wird? Das kann man nicht wiederholen. Das ist nicht druckreif. Keiner von den einfachen Leuten, die ich kenne, sagt irgendetwas Positives. "

Anatoli Haffkin kommt in der ganzen Stadt herum. Er arbeitet für eine Großküche, die kleineren Betrieben das Mittagessen liefert.

" Das Volk ist jetzt einfach enttäuscht, es erwartet nichts mehr. Es herrschen Apathie und Gleichgültigkeit. Alle haben bereits kapiert, dass es völlig egal ist, wer an die Macht kommt. "

Die Träume von Demokratie und einem Leben wie im Westen haben sich für die meisten verflüchtigt. Die Monetarisierung aller Lebensbereiche unter Putin hat die letzten Sicherheiten beseitigt, die es noch unter Jelzin gegeben hatte. Strom kostet auf einmal Geld und die veralteten Fabriken, die sich mit Tauschhandel noch irgendwie über Wasser gehalten hatten, sind verschwunden. Und damit auch die Arbeitsplätze, so schlecht bezahlt sie auch gewesen sein mögen. Die Subventionen für Grundnahrungsmittel, die Jelzin aus der Sowjetzeit übernommen hatte, wurden unter seinem Nachfolger zum größten Teil abgeschafft.

Nun hat Putin auch noch die Sozialleistungen auf eine Geldbasis umgestellt. Statt kostenlosem Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln, bekommen Rentner etwas mehr Geld. Auch gibt es keine Gratisflüge für Invaliden mehr, sondern nur eine geringfügig höhere Rente - jedoch lange nicht genug, um die Leistungen zu bezahlen, die man früher kostenlos erhielt. Die eigentlich sinnvolle Reform, die weit verbreiteten Missbrauch eindämmen sollte, hat zu einer noch größeren Verarmung der verwundbarsten Angehörigen der russischen Gesellschaft geführt.

Und die Willkür der Beamten ist geblieben. Zumindest dann, wenn man so wenig Geld hat, dass man sich als Söldner verdingen muss.

" Mein Freund Andrei ist dreißig und hat Frau und Kind. Er schloss mit dem Militär einen Vertrag ab, und ging nach Tschetschenien, um Geld zu verdienen. Gemäß Vertrag leistete er sein Jahr Dienst ab, aber er hat bis heute erst ein Zehntel dessen bekommen, was man ihm versprochen hatte. Die restliche Summe wird er nicht erhalten. Er könnte zwar vor Gericht gehen, aber dann wird er den Rest seines Lebens mit einer Gerichtsentscheidung in den Händen dasitzen, die niemand umsetzen wird. "

Könnte der Unmut weiter Bevölkerungskreise Putin gefährlich werden? Der Journalist Tarasow glaubt das nicht.

" Es gibt die Nationalbolschewisten, aber es ist fraglich ob man sie als ernsthafte Opposition ansehen kann. Wohl eher nicht. Sie gehen zweimal im Jahr mit revolutionären Losungen auf die Straße und grölen, dass man Putins Bande vor Gericht stellen müsse. Aber das sind nicht viele, im besten Falle versammeln sich da einige Dutzend. Alle Parteien befinden sich zur Zeit in einem Zustand zwischen Leben und Tod und unternehmen irgendetwas, das einfach nur noch lächerlich wirkt.

Zu behaupten, es würde gar keine Opposition gegen das Putinsche System existieren, wäre auch verkehrt. Es gibt wohl Leute die nachdenken und etwas sagen, aber nichts ist organisiert, nichts in irgendeine Kraft gebündelt, die wirklich für etwas steht und etwas darstellt. "

Die Apathie, mit der man in Krasnojarsk die Vorgänge in Moskau beobachtet, betrifft genauso die Politik auf Provinzebene. Nach dem Tode Alexander Lebeds und der Entmachtung des Banditen Bykow versuchte der neue Besitzer der Aluminiumwerke, der Oligarch Derepaska, seinen Mann auf den Sessel des Gouverneurs zu hieven. Doch Wladimir Potanin, ein weiterer Moskauer Oligarch mit Interessen in der rohstoffreichen Region, präsentierte einen Gegenkandidaten. Mit allen Mitteln der erlaubten wie unerlaubten Wählerbeeinflussung versuchten beide Rohstoffbarone, jeweils ihren Mann an die Spitze der Provinz zu bringen. Als nach der Wahl keine Seite eine Niederlage einräumen wollte, musste schließlich Moskau eingreifen und den neuen Gouverneur bestimmen: Alexander Chloponin, Ex-Manager des mächtigen Konzerns NORILSK NICKEL.

Seit dieser Farce herrscht allgemeiner Zynismus. In Krasnojarsk wird man heute vergeblich nach Stimmen suchen, die sich daran stören, dass nach einer Verfassungsänderung nunmehr nicht mehr das Volk, sondern der Präsident die Gouverneure ernennt.

Und was Moskau recht ist, ist den Provinzen billig. Auch hier werden die Zügel angezogen. Im Krasnojarski Krai wurde am 17. April ein Referendum abgehalten, ob zwei autonome Kreise, die sich Anfang der neunziger Jahre selbstständig gemacht hatten, wieder in die Provinz eingegliedert werden sollten. Die Zustimmung hatte beinahe sowjetische Ausmaße: nach einer wochenlangen Jubelkampagne waren es in Krasnojarsk selbst 97 Prozent und in den beiden autonomen Regionen 67 und 79 Prozent. Alexei Tarasow:

" Die Gebietsführung hatte mit den Leitern aller Zeitungen und Massenmedien verabredet, dass bis zum Referendum keinerlei Kritik an der Führung und dem Referendum geübt werden sollte. Man darf kritisch über Putin schreiben, aber keine noch so gut begründete Kritik an der örtlichen Machtelite äußern. Nicht nur betreffs Referendum. Das gilt auch für alle anderen Politikbereiche. Niemand hätte das gedruckt. "

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