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StartseiteInterview"Aufstände der Verzweiflung"11.04.2008

"Aufstände der Verzweiflung"

UN-Sonderberichterstatter Ziegler besorgt über Hunger in der Welt

Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, erwartet angesichts der stark gestiegen Lebensmittelpreise eine Welle von Hungeraufständen in der Welt. Das seien "Aufstände der Verzweiflung" von Menschen, die ihre Nahrung nicht mehr erwerben können, sagte Ziegler. Ein Grund dafür sei die zunehmende Nutzung von Nahrungsmitteln zur Energieerzeugung.

Moderation: Gerd Breker

Jean Ziegler ist in Sorge. (AP Archiv)
Jean Ziegler ist in Sorge. (AP Archiv)
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Gerd Breker: Blutige Hungerunruhen auf Haiti, Reismangel auf den Philippinen. Mais, Reis und Weizen haben sich rigoros verteuert. Der Preis steigt weiter und wird für die Ärmsten der Armen schlicht zu teuer. Hunger in Asien, Afrika und Südamerika - schon bald Wirklichkeit. Sogar der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, betrachtet den weltweiten Anstieg der Lebensmittelpreise als ebenso großes Problem für die Weltwirtschaft wie die globale Finanzkrise.

Am Telefon bin ich nun verbunden mit Jean Ziegler. Er ist Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung und Autor des Buches "Das Imperium der Schande". Und als solcher begrüße ich ihn nun. Guten Tag, Herr Ziegler!

Jean Ziegler: Guten Tag!

Breker: Herr Ziegler, Sie zitieren gerne Jean Paul Sartre: "Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark das hassen, was sie unterdrückt." Da muss doch irgendwas schief laufen, wenn auf dieser Erde die Menschen von der Erde nicht mehr leben können?

Ziegler: Ja sicher! Was wir jetzt erleben, also die Hungeraufstände in Ägypten, Kamerun, Simbabwe, Haiti und so weiter, die auch schon Tote gemacht haben, die, das muss man immer wieder sagen, geschehen in einer Situation, wo das tägliche Massaker des Hungers schon als fast Normalität angesehen wird. Alle fünf Sekunden letztes Jahr ist ein Kind unter zehn Jahren verhungert. und hunderttausend Menschen sterben jeden Tag am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 854 Millionen Menschen, also ein Mensch auf sechsen auf diesem Planeten ist permanent schwerstens unterernährt. In dieser Situation erleben wir jetzt die Explosion der Grundnahrungspreise. Sie haben es gesagt. Reis hat sich um 53 Prozent verteuert in zwei Monaten. Reis ist das Nahrungsmittel, das von der größten Zahl von Menschen auf dem Planeten gegessen wird. Getreide hat sich in einem Jahr, Januar 2007, Januar 2008, um 83 Prozent verteuert. Das sind Zahlen!

Wir stehen ganz am Anfang, glaube ich, dieser Hungeraufstände. Das sind Aufstände der Verzweiflung. Die haben nichts zu tun mit politisch organisierten, vorbereiteten Bewegungen. Das sind total verzweifelte Menschen, die schon sehr, sehr arm sind und die nicht ihre Nahrung mehr erwerben können. Ich sage in Klammern: Eine deutsche Familie gibt etwa 10 bis 15 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. In der südlichen Hemisphäre, wo immerhin 4,8 der 6,3 Milliarden Menschen, die wir sind auf der Welt, leben, sind die Ausgaben eines Haushaltes bei 80, 90 Prozent für Nahrungsmittel.

Breker: Herr Ziegler, die jetzigen Probleme sind entstanden, Sie haben es gesagt, durch eine Art Explosion der Lebensmittelpreise. Die Frage muss gestellt werden: Warum explodieren diese Lebensmittelpreise? Was sind die Ursachen dafür, dass die Menschen nicht mehr genug verdienen können, um sich selbst zu ernähren?

Ziegler: Es gibt eine ganze Reihe von Kausalitäten. Ich zähle sie einfach einmal auf: Die erste Kausalität ist ganz sicher die Konversion von Nahrungsmitteln, massiv, in Bioethanol und Biodiesel. Letztes Jahr haben allein die Vereinigten Staaten 138 Millionen Tonnen Mais verbrannt, um Agrartreibstoff herzustellen.

Breker: Das heißt, wir tanken das Essen der anderen, der Armen.

Ziegler: Ja. Man muss aufpassen! Ich mag den Präsidenten Bush überhaupt gar nicht, glaube ich wie jeder vernünftige Mensch. Aber das Argument, das er braucht, kann ich verstehen. Auch die Europäische Kommission will ja, dass bis zum Jahr 2020 die 27 Staaten des vereinten Europas mindestens zehn Prozent ihres Energieaufwandes aus Agroenergie beziehen. Das Argument, das dahinter ist, ist auf den ersten Blick nicht total absurd, nämlich dass die Klimakatastrophe droht, dass der CO2-Ausstoß die Ozonschicht unserer Welt durchlöchert und dass unbedingt diese Hunderten und Hunderten Millionen von Autos, die da in unseren Städten oder auf den Landstraßen herumfahren, nicht mehr nur mit fossiler Energie betrieben werden können, also mit Benzin, sondern dass da saubere Energie hereinkommen muss, nämlich Bioethanol und Biodiesel, das, ich sage es noch einmal, durch Verbrennen, Umwandlung von Hunderttausenden und Millionen von Tonnen Reis, Soja, wenn es um die animalische Nahrung geht, Mais, Getreide und so weiter gewonnen wird. Aber dieses Argument, das eigentlich ein Argument für ausschließlich fast den europäischen und atlantischen Westen ist, das regional vertreten werden kann, ist absolut mörderisch, ist kriminell, wenn es um die ganze Menschheit geht, wo, noch einmal gesagt, schon jetzt 854 Millionen Menschen 2007 schwerst permanent unterernährt, invalid sind von Hunger. Und wenn man die noch schlägt jetzt mit explodierenden Konsumentenpreisen bei Grundnahrungsmitteln, dann ist das ein fürchterliches Verbrechen.

Breker: Zurzeit herrscht Mangel. Die Lebensmittellager sind leer, Herr Ziegler. Das lässt sich auch nicht schnell beheben?

Ziegler: Nein, Sie haben Recht. Zwölf Wochen haben wir jetzt Nahrungsmittelvorräte in Grundnahrungsmitteln auf diesem Planeten. Wir sind heruntergekommen von 28 auf 12 Wochen innerhalb von 6 Monaten. Es ist ein Strukturproblem. Ich sage das jetzt. Es gibt sehr kluge Ökonomen in den Vereinten Nationen hier in Genf, auch ein Deutscher vor allem (der Chefökonom der UNCTAT, der frühere Staatsminister von Herrn Lafontaine, Professor Flassbeck). Die haben zuerst gemeint, dass die gegenwärtige Krise konjunkturellen Ursprungs sei, nämlich die missratene Getreideernte wegen Trockenheit in Australien, dann die neuen Essgewohnheiten der Mittelschichten in Indien, in China und so weiter. Und jetzt entdeckt man, dass es nicht konjunkturelle Gründe sind, sondern im Wesentlichen strukturelle Gründe.

Einer der Gründe zum Beispiel ist die absolut mörderische neoliberale Politik des Weltwährungsfonds und der Weltbank, die weitgehend ja die Wirtschaftsbeziehungen Nord-Süd beherrschen. Die 122 sogenannten Entwicklungsländer von 192 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben letztes Jahr am 31. Dezember eine kumulierte Auslandsschuld von 2100 Milliarden Dollar gehabt. Das heißt, in sehr, sehr vielen sehr armen Ländern ist der Weltwährungsfonds, sind die Abgeordneten des Weltwährungsfonds, sind die eigentlichen Herren der Kollektivexistenz dieser Menschen. Der Weltwährungsfonds, das ist auch strukturell normal, also immanent in dieser kapitalistischen Weltordnung, der muss schauen, es ist seine Aufgabe, dass die Auslandsschuld bezahlt werden, die Zinsen bezahlt werden, die Amortisationen bezahlt werden und so weiter.

Was haben die Strukturanpassungsprogramme des Weltwährungsfonds bewirkt? Dass nämlich überall in Afrika, in Südasien, in Lateinamerika die Plantagenwirtschaft, sogenannte Kolonialprodukte, Zuckerrohr, Kaffee, Kakao und so weiter, was man exportieren kann, mit was man erarbeiten kann Devisen auf dem Weltmarkt, Devisen, die dann den Großbanken im Norden zur Schuldenbedienung zugeordnet werden, dass nicht die Subsistenzwirtschaft, also nicht die Nahrungsmittelsouveränität dieser Entwicklungsländer vom Weltwährungsfonds gefördert worden ist, sondern eben die Exportlandwirtschaft. Das zeigt jetzt, dass das ein ganz, ganz schlimmer Fehler war.

Breker: Jean Ziegler war das im Deutschlandfunk. Herr Ziegler, danke für dieses Interview.

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