Archiv


Aufstand der Indios

Quito, 20. April. Die ecuadorianische Hauptstadt am Rande des Bürgerkrieges. Die Polizei geht mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengasgranaten gegen vermummte Demonstranten vor. Die werfen Steine, zünden zuerst Autoreifen, dann ein Regierungsgebäude an. Mit allen Mitteln wollen sie den Rücktritt von Präsident Lucio Gutierrez erzwingen. Der gibt sich bis zuletzt kämpferisch:

Von Gottfried Stein |
    " Ich kann nicht zurücktreten. Ich habe eine große Verantwortung für 13 Millionen Ecuadorianer und für über drei Millionen Menschen, die für Lucio Gutierrez gestimmt haben. "

    Als der Ex-Militär und frühere Putschist Gutierrez 2002 zum Präsidenten gewählt wurde, unterstützten ihn linke Parteien und vor allem die einflussreiche Indioorganisation CONAIE. In Ecuador sind über 40 Prozent der Bevölkerung indigener Herkunft. Er versprach ihnen bessere Lebensverhältnisse und Beteiligung an den reichen Ölvorkommen. Aber stattdessen erhöhte er die Preise und trieb auf Druck der USA die Privatisierung der Staatsbetriebe voran. Die Menschen fühlen sich getäuscht:

    " Viele Menschen verhungern. Es gibt keine Arbeit, keine Gesundheitsvorsorge, keine Erziehung. Wir haben kaum Produktion und Handel, und dann wird auch noch alles privatisiert, unser Öl, der Strom, alles ist schlecht für uns. "

    Ecuador, der kleine Andenstaat an der Pazifikküste Südamerikas, hat dank des Exports von Bananen, Öl und Textilien gute Einnahmen. Trotzdem lebt jeder Zweite unterhalb der Armutsgrenze. Es ist das übliche Strickmuster in der Region: Eine ignorante, korrupte und sich selbst bedienende weiße Herrschaftsschicht, auf der anderen Seite die vom Reichtum abgeschnittene, verarmte, aus Indios und Mestizen bestehende Bevölkerungsmehrheit. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Volkszorn gegen den Präsidenten ausbrach:

    " Ich glaube, der Präsident wurde vom Volk gewählt, aber er hat es betrogen. Er tut nichts anderes, als seine Macht, die ihm zwar das Volk übertragen hat, zu sichern, aber er hat das ganze Land betrogen. Er ist kein Präsident, sondern ein Diktator. "

    Vorletzte Woche hatten verschiedene Oppositionsparteien und Verbände zu Massenprotesten und Generalstreiks aufgerufen. Anlass war die Auswechslung des obersten Gerichtshofes: Gutierrez hatte korrupte Richter durch ihm genehme Juristen ersetzt. Als es bei den Protesten dann zu Toten und Verletzten kam, verweigerten Polizei und Militär Gutierrez die Gefolgschaft. Die Opposition nutzte die Chance und setzte den Präsidenten ab. Betrieben wurde der Staatsstreich vom neuen Präsidenten Alfredo Palacio, der den Menschen gleich das Blaue vom Himmel versprach:

    " Ab heute werden wir die Republik wiederherstellen, die die Schulen reinigt, die Hospitäler säubert, und die Fabriken und Unternehmen öffnet, die geschlossen wurden. "

    Die Demonstranten geben sich nicht mit dem Präsidentenwechsel zufrieden. Sie fordern den Rücktritt des gesamten, in ihren Augen korrupten und unfähigen Parlaments. Und sie wollen sich aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten lösen. Luis Marcas, Anführer der Indioorganisation CONAIE:

    " Die klare Forderung der indigenen Völker und des ganzen ecuadorianischen Volkes ist: wir müssen unsere Würde zurückgewinnen. Wir wollen unseren eigenen Patriotismus, unsere eigenen Institutionen, zweisprachige Erziehung, eine Versammlung zur nationalen Entwicklung der Eingeborenenvölker, Gesundheitsvorsorge, aber vor allem: dass sie alle gehen, denn die werden uns nicht vertreiben. Wir müssen wieder autonom sein ab dem Moment an, an dem Gutierrez die Macht abgibt. "

    Brasilien hat Gutierrez politisches Asyl gewährt – um den Konflikt friedlich zu lösen, wie es heißt. Aber der Konflikt ist längst nicht gelöst: Die Indios, die im Jahr 2000 schon einmal einen Präsidenten aus dem Amt gejagt haben, hatten in den letzten Jahren für südamerikanische Verhältnisse ungewöhnlich viele autonome und kulturelle Rechte erstritten. Aber viele dieser Rechte bestehen nur auf dem Papier.
    Lourdes Taban, Sprecherin der Amazonas- Indigenas:

    " Es kann funktionieren, je nachdem, wie sie in die Praxis umgesetzt werden, aber die gemeinsamen Rechte, wie sie in der Verfassung von 1998 niedergelegt sind, sind nur reine Prinzipien, wenn sie nicht in Essen, Nahrung für die Leute umgesetzt werden, wenn es Wassergesetze gibt, die aber nicht für alle gelten, wenn das Land trocken bleibt, die Dörfer keine Bewässerung, kein Trinkwasser haben, trotz allem, was die Verfassung sagt. "

    Im Ministerium für Erziehung überreicht Lucia Cuha, eine Lehrerin aus dem Amazonasgebiet, einem Spender ein Geschenk. Sie spricht in einer der 13 Indiosprachen, die in Ecuador noch existieren. Das Geschenk ist der Dank für den zweisprachigen Unterricht, den sie künftig in ihrer Schule zuhause geben kann: in Spanisch – und in Aymara. Durchgesetzt haben ihn die indianischen Abgeordneten. Die Pachakutik-Partei, der politische Arm der CONAIE, ist mit gut zehn Prozent der Mandate im Parlament vertreten. Anfangs saßen einige sogar im Kabinett des Präsidenten. Die Allianz zerbrach, als Gutierrez den Dollar als Landeswährung einführte und die Preise erhöhte. Für Salvador Quispe, einen der Abgeordneten, war die Erfahrung trotzdem wichtig:

    " Ich glaube nicht, dass es ein Irrtum war, sondern es ist eine Erfahrung, die uns bleibt. Die Eingeborenen in Ecuador sind seit 513 Jahren erstmals in einer Regierung, das gab es vorher in der Geschichte nie. Wir konnten vorher nie die Institutionen des Staates kennenlernen, wie er funktioniert, und die Forderungen der großen indigenen Mehrheit der Bevölkerung vertreten. Das ist eine sehr gute Erfahrung aus den zwei Jahren. Wir hätten gerne mehr Früchte geerntet, aber allein im Inneren des Staates mitgewirkt zu haben, den Staatsapparat kennengelernt zu haben, war für uns sehr lehrreich. "

    Besonders wichtig in Ecuador ist der Kampf der Indios gegen die internationalen Ölgesellschaften wie Texaco oder Petrobras. Sie fördern das Öl im in dem von Indios bewohnten Amazonasgebiet und pumpen es quer durchs Land bis an die Pazifikküste. Nach Schätzungen sind allein durch undichte Leitungen an die 50 Millionen Liter Öl im Boden versickert. Pascual Cerda, Sprecher einer Bürgerinitiative:

    " Seit Beginn der Öl-Förderung ist unser Wald völlig zerstört, das Ökosystem ist zerstört, unsere Nahrung waren der Fluss und der Wald, aber heute nicht mehr, denn immer wenn Rohre kaputt sind, werden Wasser, Lagunen, Bäche und Flüsse verschmutzt, alles, es kommen Krankheiten auf ,die es nie gab. "

    Die Ölkonzerne kümmern sich nicht um die ökologischen und medizinischen Folgen des Raubbaus – und die Regierung lässt sie gewähren, weil sie von den Öleinnahmen abhängig ist. Luis Pachala, Vizeminister für Landwirtschaft und selbst ein Indio, gibt offen zu:

    " Die sind immer überraschend über uns hergefallen, wie Kolumbus, ohne uns zu fragen und um uns auszubeuten. Wir sind ein Volk ohne Ausbildung, marginalisiert, verachtet, wir leben abgeschlossen. Die Ölgesellschaften kamen als Überraschung, benutzen uns und treiben Missbrauch mit unserem Eigentum. Jahrelang wurden wir ausgebeutet, aber an uns, die ausgebeuteten Gemeinschaften, wird nicht gedacht. Die Ölgesellschaften interessiert nur der Gewinn, das Geld, nicht die Krankheiten, nicht die Umwelt, deswegen wollen wir als Organisation unser Eigentum zurückgewinnen. "

    Immer häufiger schlagen Wut und Enttäuschung in Aggression und Gewalt um. Im vergangenen Jahr wurden über 2000 Fälle von zumindest versuchter Selbstjustiz registriert. In einem Dorf steinigten die Einwohner den Bürgermeister, weil sie ihn für korrupt hielten. Dabei beruft sich die aufgebrachte Menge auf alte Gesetze und Regeln der Inkas. Viele Menschen, wie diese Geschäftsfrau aus einem der Dörfer, haben Verständnis dafür:

    " Die Regierung kümmert sich nicht um uns, und es gibt persönliche Interessen, sie kümmern sich nicht um die Gemeinschaft, sie arbeiten nur für die eigene Tasche, das Geld behalten sie, geben es aus und verschwinden. Um das Volk geht es ihnen nicht. Deshalb geht es uns immer schlechter, weil es soviel viel Korruption gibt. "

    Auch Luis, der Vorsitzende des örtlichen Wasserkomitees, nimmt die Selbstjustiz indirekt in Schutz:

    " Hier zum Beispiel merken wir leider erst jetzt, dass viel Geld gekommen ist, und viele Leute wollen jetzt zum Beispiel Bürgermeister werden. Aber es ist immer das Gleiche mit der Korruption. Natürlich sagen die Leute, es wäre besser, wenn wir uns dagegen organisieren, aber wer soll uns führen, wenn wir keine fähigen Leute haben? "

    Der Indianermarkt von Otavalo ist gut 60 Kilometer von der Hauptstadt Quito entfernt. Auf der so genannten "Poncho-Plaza" bieten die Händler Wandbehänge, Ponchos und Strickwaren aller Art an. Das meiste ist aus Schafswolle oder aus der typischen Alpaka-Wolle, die aus Lama-Fell hergestellt wird. Die Otavalo-Indianer gehören zu den wenigen Indio-Völkern in Südamerika, die trotz der Unterdrückung durch die spanischen Kolonialherren einen gewissen Wohlstand bewahren konnten. Ramon, ein etwa 70 Jahre alter Teppichhändler, ist stolz darauf:
    " Der Staat hilft uns nicht. Wir Indigenas arbeiten. Wir stellen alles selber her und gehen jeden Tag direkt auf den Markt. Wir erwarten mit offenen Armen die Touristen aus aller Welt. Die wirtschaftliche Lage ist ziemlich schlimm in unserm Land, es gibt kaum Arbeitsplätze, nur wir hier haben etwas geschaffen, ich habe diesen Markt mitgegründet. Wir veranstalten sogar eine Messe, damit es Arbeit für alle hier in der Gegend von Otavalo gibt. Wir haben sehr vielen Arbeitern wie Lastträgern, Taxifahrern, LKW-Fahrern Arbeit gegeben, in Restaurants und Hotels. Das hat viele Tore geöffnet. "

    Ob der neue Präsident das Land wirklich aus der Krise führt, ist zweifelhaft. In Ecuador gibt es keine repräsentativen Parteien, sondern eher Machtzirkel. Ex-Präsident Gutierrez hatte, nachdem ihm die Indiopartei die Unterstützung entzogen hatte, mit rechten Splittergruppen und gekauften Stimmen regiert. Palacio, der neue Präsident, hat auch keine eigene Mehrheit. Viele Menschen fordern Neuwahlen. Die Indio-Organisationen rüsten schon für neue Proteste. Lourdes Taban:

    " In der Stadt demonstrieren die Leute zwei Stunden und gehen wieder nach Hause, und niemand regt sich darüber auf. Aber wenn die Eingeborenen kommen und über zwei, drei Wochen oder Monate in der Stadt bleiben, ist alles gelähmt, und dann ist die Regierung bereit zu verhandeln. Warten wir mal ab, was passiert. "

    Auf den neuen Präsidenten warten viele Probleme. Ecuador ist, wie alle Staaten Südamerikas, bis über beide Ohren verschuldet und hängt am Tropf der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, ist also abhängig von den so ungeliebten USA. Die wollen die Ölimporte sichern und nach Möglichkeit ihren militärischen Einfluss in der Region ausdehnen, vor allem wegen des Drogenanbaus und des Guerillakrieges im Nachbarland Kolumbien. Die Indios wollen das nicht zulassen. Es wird also eine Gratwanderung, meint auch Vizeminister Luis Pachala, einer der wenigen Indios, die bis zuletzt in der Regierung von Gutierrez verblieben waren:

    " In dieser Krise, nicht nur in Ecuador, sondern in ganz Lateinamerika, dürfen die Regierungen nicht mehr vom Schreibtisch aus regieren, sondern sie müssen gemeinsam mit der Bevölkerung Lösungen suchen, lokale Führungspersönlichkeiten haben, beratende Kommissionen finden. Mit dem wenigen, was der Staat und die Gemeinden besitzen, kann trotzdem viel für das Land erreicht werden, aber man muss die Ideen koordinieren. "

    Präsident Palacio hat grundlegende Reformen und eine verfassungsgebende Versammlung angekündigt. Außerdem will er das Volk darüber entscheiden lassen, ob der Staat ein Freihandelsabkommen mit den USA abschließen soll. Er braucht das Volk, denn er hat keine Hausmacht, und er ist politisch unerfahren. In sein Kabinett hat er ein paar Seiteneinsteiger berufen, vielleicht kein schlechter Schachzug. Aber er muss das Volk überzeugen, das nach wie vor davon überzeugt ist, alle Politiker seien korrupt.

    Ein Musikladen in Otavalo. Henrique, der Verkäufer, spielt auf einer "Quena", einer Rohrflöte. Er stellt die Instrumente selber her. Eigentlich kommen sie aus Bolivien. Aber es ist, sagt er, die Musik der "Andinas", der Andenvölker, die sich ohnehin zusammengehörig fühlen. Und es gibt viele Indios in Bolivien, Peru und Ecuador, die von einem gemeinsamen Staat träumen. Evo Morales, der einflussreiche Führer der bolivianischen Kokabauern, der bei den letzten Wahlen in Bolivien um ein Haar Präsident geworden wäre, träumt schon von einer gemeinsamen Front:

    " Wir wollen die Andenregion nicht restaurieren, wir wollen, diese große gemeinsame Heimat neu gestalten, aber als Brüder, als Nachbarn, mit gemeinsamen Programmen, Prinzipien und Vorschlägen, um die Probleme der Mehrheit und vor allem der Quechua, Aymara, Gurani und Mapuche zu lösen, für alle Völker, die bisher als Tiere behandelt wurden, die aussterben sollten. Wir organisieren uns, um genau unsere Interessen zu verteidigen. "

    Manche Beobachter unterstellen, Morales und seinen Mitstreitern gehe es in Wahrheit um einen unabhängigen Indiostaat – mit ihm an der Spitze, versteht sich. Bei den Indios in den Nachbarländern stieße er damit auf wenig Gegenliebe. In Ecuador wäre Vizeminister Pachala schon zufrieden, wenn die Indios ihr angestammtes Land selbst verwalten dürften – aber natürlich hat auch er ein Ziel:

    " Es kommt die Macht der Indiobewegung. Eines Tages, früher oder später, kommen die Indios an die Macht. In acht bis zehn Jahren wird ein Indio Präsident in Ecuador sein. Noch sind wir zu schwach, aber Sie wissen, wenn es Krisen gibt, gehen wir gestärkt daraus hervor. Die Krise erlaubt uns, stärker zu werden und stärker aufzutreten. "

    Die Indios in Ecuador wollen sich nicht mehr mit der Rolle des Zaungastes zufrieden geben. Die aktuelle Krise hat ihre Kraft gestärkt. Präsident Alfredo Palacio steckt also in der Zwickmühle. Sein Vorgänger Gutierrez war schon der dritte Präsident innerhalb von acht Jahren, den die Bevölkerung gewissermaßen zum Teufel gejagt hat. Palacio kann schnell das gleiche Schicksal drohen, zumal die Organisation der amerikanischen Staaten noch untersucht, ob der Sturz von Gutierrez gegen internationales Recht verstoßen hat. Auf der anderen Seite braucht auch der neue Präsident die Unterstützung des Auslandes, vor allem der USA, die in den Augen vieler Indios moderne Konquistadoren sind. Die Abhängigkeit von den internationalen Finanzinstitutionen und den ausländischen Konzernen aber lässt dem Präsidenten keine Wahl. So sitzt er zwischen zwei Stühlen. Entscheidend ist, wie sich das außerordentlich einflussreiche Militär verhält. Im Moment hat es Palacio seine Unterstützung zugesagt. Aber was heißt das schon in einem Land und in einer Region, die einem sozialen Pulverfass gleicht, und wo der geringste Funke genügt, die nächste Explosion, den nächsten Aufstand auszulösen.