Samstag, 24. September 2022

Archiv


Aus dem Blick, aber nicht aus der Luft

Medizin. - Die Aufregung um den Feinstaub in den Innenstädten liegt inzwischen ein Jahr zurück. Die Belastung ist nur in den wenigsten Fällen gesunken, stattdessen denkt die EU über eine Aufweichung der entsprechenden Richtlinie nach, um den betroffenen Städten entgegenzukommen. Wie die Gefährdung tatsächlich ist, erläuterte Professor Holger Schulz vom Institut für Inhalationsbiologie des GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit im Gespräch mit Gerd Pasch.

22.06.2006

    Pasch: Herr Professor Schulz, wie wird die Gefährdung derzeit eingeschätzt?

    Schulz: Insgesamt, denke ich, kann man sagen, wenn man die ganzen toxikologischen und epidemiologischen Untersuchungen zusammennimmt, eigentlich ganz klar ist, dass diese Partikel eine Wirkung haben, dass die also Gesundheitseffekte induzieren. Betroffen ist, wenn man also auf die Organe schaut, natürlich zuerst einmal das respiratorische System, also der Atemtrakt, und, was sich in den letzten Jahren dann zunehmend herausgestellt hat, das kardiovaskuläre System, also Herzinfarkt, Angina pectoris, aber auch Veränderungen halt des Blutdruckes, also der Weite der Gefäße. Und letzteres ist eigentlich das, was jetzt als neuer Forschungsbereich aufgekommen ist. Und da findet man, dass insbesondere die ultrafeinen Partikel wahrscheinlich eine Rolle spielen. Denn diese können quasi die Luft-Blutschranke, also von Luft in das Blut gelangen und damit direkt an die Zielorgane transportiert werden.

    Pasch: Wie ernsthaft sind denn genau in diesem Bereich die Gesundheitsrisiken zu bewerten?

    Schulz: Also, eine Bewertung ist in dem Sinne sehr schwierig zu machen, weil man letzten Endes davon ausgehen muss, dass ein gesunder Organismus wahrscheinlich die Partikelbelastung relativ gut tolerieren kann, dass aber dann, insbesondere wenn man Patienten hat, die schon Vorschädigungen hatten, also zum Beispiel schon einmal einen Infarkt hatten, dann empfindlich gegenüber solchen Partikelexpositionen werden. Das heißt, man muss sich quasi vor Augen führen, dass insbesondere in den Individuen, wo der Organismus eine geringere Reserve hat, um weitere Störungen zu kompensieren, dass die halt empfindlich auf eine Partikelbelastung reagieren.

    Pasch: Das kann man bestimmt schon namhaft machen. Sind es die Älteren, sind es die Jüngeren, die Kinder, die Jugendlichen?

    Schulz: Also, das sind in dem Fall insbesondere die älteren Patienten, die um 50, 60 oder 70 Jahre alt sind. Wo eben die kardiovaskulären Effekte eine Rolle spielen. Aber was jetzt auch ganz neu aufgekommen ist, das sind Patienten mit Diabetes Typ II, das ist wiederum der ältere Diabetes-Patient, von denen man weiß, dass sie aufgrund dieser Erkrankung einen Risikofaktor im kardiovaskulären Bereich haben, und hier gibt es erste Studien dazu, die zeigen, dass auch die Partikel eine entsprechende additive Rolle haben. Das wird zurzeit halt in weiteren Studien vertieft.

    Pasch: Gibt es dann auch entsprechende Empfehlungen oder Maßnahmenkataloge, so dass die Gefahr durch den Feinstaub für diese Patienten etwas geringer werden kann.

    Schulz: Ich denke, die Sache, die man ganz klar sagen kann, dass keine einzelne Maßnahme dieses Problem lösen wird. Das heißt, man muss hier eine Summe von Maßnahmen koordinieren, um letztlich eine Reduktion der Feinstaubbelastung zu erzielen. Und das bedeutet, dass man sowohl regionale Maßnahmen als auch überregionale Maßnahmen ergreifen muss, weil, wenn man zum Beispiel an Berlin denkt, ein Großteil der Partikelbelastung über weite Transporte aus den östlichen Ländern hereintransportiert wird.

    Pasch: Gibt es möglicherweise Maßnahmen, die der einzelne für sich selber treffen kann?

    Schulz: Ja, der einzelne selber kann in dem Sinn Maßnahmen treffen, dass er die Orte meidet, insbesondere, wenn er sportliche Aktivitäten durchführt, wo man eine hohe Partikelbelastung hat, das heißt entlang der Hauptverkehrsstraßen. Der einzelne kann weiterhin auf dem technischen Bereich dafür sorgen, dass er weniger Partikel in die Umwelt bringt. Das wäre zum Beispiel beim Dieselfahrzeug, dass man unbedingt ein Dieselfahrzeug mit Filter führen oder kaufen sollte, und dass er dieses Fahrzeug möglichst wenig benutzt, das muss man auch deutlich sagen. Viele Fahrten in der Stadt sind Kurzfahrten, zwei, drei Kilometer, das kann man mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen, mit dem Fahrrad oder aber auch zu Fuß gehen.