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Aus dem Schacht in die Höhe

2018 soll die letzte deutsche Steinkohle-Zeche schließen. Das hat auch gravierende Konsequenzen für Zulieferer. Die Gebrüder Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei aus Bochum setzt deshalb nicht nur auf Export, sondern auch auf die Ausrüstung von Windkraftanlagen.

Von Klaus Deuse | 30.03.2007

    "Wir stehen hier im so genannten Ahnensaal der Firma. Hier sehen Sie alle Gesellschafter, Geschäftsführer, die die Firma in den letzten 140 Jahren geführt haben."

    Wenn Paul Rheinländer im holzgetäfelten und mit schweren Teppichen ausgelegten Ahnensaal der Gebrüder Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei auf die Ölgemälde seiner Vorgänger zeigt, werden 140 Jahre Bergbautradition wieder lebendig. Solange beliefert das mittelständische High-Tech-Unternehmen bereits Bergwerksunternehmen in Deutschland und weltweit. Auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders, als die Kohle an der Ruhr noch wie Gold glänzte, beschäftigte das Bochumer Unternehmen 1900 Mitarbeiter. Mittlerweile, nach einer Restrukturierung, sind es wieder knapp 900, denn die stete Talfahrt im Bergbau ging auch an diesem renommierten Zulieferer nicht spurlos vorüber. Geschäftsführer Dr. Paul Rheinländer:

    "Vor 20 Jahren hat Eickhoff 100 Prozent Bergbau geliefert. Und davon ging die Hälfte ins Inland. Das Inland ist nun fast völlig weggefallen. Heute spielt es nur noch eine Rolle mit unter zehn Prozent im Bergbau. Der Rest ist Export."

    Und der wächst. Auf rund 200 Millionen Euro beläuft sich der Jahresumsatz des Unternehmens, das mit Produkten für die Kohlewirtschaft weiter ansehnlich Kohle erwirtschaftet, zum Beispiel mit maßgeschneiderten Abbaumaschinen.

    "Das sind genau diese Apparate, die die Kohle schneiden, ausbrechen und fördern, so genannte Walzenschremmlader, sehr kompakte High-Tech-Maschinen: 50 bis 150 Tonnen schwer, vereinigen in sich sehr viel Hydraulik, Elektrik, Elektronik, sehr ausgefeilte Getriebetechnik. Es ist ein Stück High-Tech im Kohlebergbau"

    von dem hierzulande immer weniger gebraucht wird. 2018 soll die letzte Zeche der Deutschen Steinkohle AG, kurz DSK, dichtmachen. Und für Bergbauzulieferer Eickhoff bedeutet das mehr als nur den Wegfall eines wichtigen Abnehmers:

    "Für unser Haus fällt ein wichtiger Technologietreiber aus. Wir haben bisher mit der DSK sehr interessante Entwicklungen betrieben, die dann auch an den Weltmarkt rausgingen. Darüber hinaus fällt ein wichtiges Erprobungsfeld weg. Es ist sehr viel einfacher, einen Prototypen in der Entfernung von 20 Kilometern zu erproben als eben in Australien oder China. Die logistischen Leistungen, die Hilfe, die im Engineering von solchen Betreibern kommt, ist fast unersetzbar."

    Trotzdem macht sich Rheinländer um sein Unternehmen keine Sorgen. Den Abbaumaschinen made by Eickhoff bleiben weltweit gefragt:

    "Wir haben überhaupt keine schwarzen Perspektiven für die Kohle. Wir gehen davon aus, dass mindestens in den nächsten fünf Jahren hier Wachstumszahlen weiter angesagt sind."

    Allein 35 der 150 Tonnen schweren Walzenschremmlader verlassen jährlich die Produktionshallen in Bochum. Und dies in vielen Fällen maßgeschneidert auf die Bedürfnisse der Kunden:

    "In Russland wollen sie eine Maschine besonders robust haben. Sie soll unter allen Umständen laufen können. In Australien beispielsweise wird sehr viel mehr Elektronik eingesetzt zur Automatisierung der Betriebe."

    Eickhoff beliefert Kunden in Amerika, Australien, Russland, Kasachstan, Weißrussland und China. Für den Markt in China etwa steht zurzeit eine besonders leistungsfähige Maschine auf dem Entwicklungsstand. Horst Schaub von der Entwicklungsabteilung:

    "Das ist ein neuer Maschinentyp, die erste in der Art, nennt sich SL 1000. Das ist eine Maschine zum Schneiden, zum Gewinnen von Kohle. Wir können bis an 6,40 Meter ungefähr schneiden, und wir haben Schneidmotoren von 900 KW Leistung."

    Eine Größenordnung, die die Dimensionen im deutschen Kohlebergbau sprengt. Denn Kolhleflöze mit einer Mächtigkeit von 6,40 Meter und mehr gibt es hierzulande nicht. Horst Schaub überwacht jede Entwicklungsphase bis in Detail: Denn:

    "Ich betreue die Maschine letztendlich auch im Ausland"

    Das gehört zum Service von Eickhoff. Die Kunden erwarten schließlich ein solides Produkt plus perfekten Service, was natürlich seinen Preis hat. Geschäftsführer Paul Rheinländer:

    "2,5 Millionen müssen Sie schon rechnen für so ein Maschinchen."

    Doch trotz aller Erfolge auf dem Weltmarkt: Auf den Bergbau allein will und kann sich Eickhoff nicht mehr verlassen. Mit dem Know-how aus 140 Jahren Bergbautechnik beliefert das Unternehmen seit Mitte der 90er Jahre die führenden Hersteller von Windkraftanlagen mit Getrieben, die die Kraft der Rotoren umsetzen in die Stromerzeugung.

    "Getriebe waren schon immer ein Bestandteil unseres Produktprogramms, früher überwiegend Industriegetriebe, die vom Bergbau her kommen, inzwischen aber Windkraft. Im letzten Jahr ist der Auftragseingang in Windkraft in etwa gleich groß wie im Bergbau."

    Rund 80 Millionen Euro Umsatz erzielt Eickhoff mittlerweile mit diesen auch bei Großkonzernen wie General Electric oder Siemens gefragten Getrieben für Windanlagen. Das neue Standbein wächst jährlich um ansehnliche 15 Prozent. Nächster Schritt ist der Bau von noch leistungsfähigeren Getrieben für die geplanten Großwindanlagen in der Nordsee, womit Eickhoff am Stammsitz an die Kapazitätsgrenze stößt

    "Wir haben in Bochum leider keinen Platz mehr und finden nicht ausreichend Fachkräfte. Deswegen weichen wir mit einer neuen Investition in den Bereich der neuen Bundesländer aus. In der Nähe von Leipzig wird es wahrscheinlich sein. Wir verhandeln gerade über den Standort"

    an dem - daran lässt Paul Rheinländer keinen Zweifel - bereits in zwei Jahren nicht weniger als 1500 Getriebe für Windanlagen gefertigt werden sollen.