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Aus der Landwirtschaft

Zweifellos hatten unsere Vorfahren einen ausgeprägten Sinn für imposante Namen. Sie nannten ihre Getreidesorten "Schwarzer tartarischer Fahnenhafer" oder "Dr. Franks grannenabwerfende Imperialgerste". Was sind dagegen die "Jumbos" oder "Landis" von heute? Ob die Leistungen der alten Getreide so eindrucksvoll sind wie ihre Namen, ist kaum belegt. Erst wenn sie aus der kalten Genbank auf den Acker zurückkehren, können sie zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Zum Beispiel in Brandenburg, im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, nordöstlich von Berlin. Hier haben sich Mitte der 90er Jahre engagierte Initiativen und Einzelpersonen zusammengetan und den VERN gegründet - den "Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen". Er koordiniert alle Initiativen in der Region, die sich darum kümmern, aus dem Anbau verschwundene Gemüse- und Getreidesorten aufs Feld zurückzuholen - ein konkretes Programm gegen die bedrohliche Uniformität unserer Nahrungspflanzen, die die Industrialisierung der Landwirtschaft mit sich brachte. Auch Hans-Joachim Mautschke, Biolandwirt in der Uckermark, kümmert sich auf seinem 450 Hektarbetrieb mit Mutterkuh- und Schweinehaltung um etliche alte Sorten. Bei einer Führung ausländischer Besucher durch einen Schaugarten erzählt er

von Yvonne Mabille |
    "Wir haben den Champagnerroggen...Das ist auch sone alte Sorte. Gemeinsam mit dem Herrn Vögel haben wir da mit ´nem Teebeutel voll Samen angefangen und dann haben wir das Stück für Stück hochvermehrt. Und dann haben 10 ha im Feld. Und die Frage ist halt, ob wir jetzt n Bäcker dafür begeistern können...Und wenn er die Qualitätsparameter bringt für die Backgeschichte, dann können wir einfach an den Bäcker rantreten und können sagen: Hier wir haben auch ne Sorte mitm ganz tollen Namen. Und Du machst jetzt n Champagnerbrot."

    Bis dahin ist es ein weiter Weg. Die erste Hürde ist immer die verschwindend kleine Menge an Saatgut, die von der Genbank abgegeben wird. Aber mit jedem Sommer wächst der Vorrat. So hat Hans-Joachim Mautschke in diesem Jahr zusätzlich

    "Paar Linsen ausgesät mit der Hand, n'paar Reihen. Und auch verschiedene Hafer, paar größere Stücken, so 1000 Quadratmeter. Und zwei Gersten und dann eben 10 Reihen 100 m lang von Sommerweizen, Hafer, Sommergerste."

    Der "Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen" pflegt rund 2000 "Herkünfte", wie es in der Fachsprache heißt. Die meisten waren einmal typisch für den nord-ostdeutschen Kulturraum. Heute kommen sie aus Beständen der Genbank in Gatersleben oder haben in Privatgärten überlebt. In Greiffenberg unterhält der VERN eine Gärtnerei, in der der ganze Pflanzenreichtum vermehrt und gezeigt wird, wie VERN-Mitglied Rudolf Vögel erzählt

    "Hier ist unser Tomatenverkaufshaus. Der Verein braucht dringend Einnahmen. Und eine Möglichkeit von Einnahmen ist es, an die örtliche Bevölkerung nach Interesse auch Tomatenpflanzen abzugeben. Und inzwischen auch zu verkaufen. ...Der Verein hat, glaub ich ca. 300 verschiedene Tomatensorten, von denen jährlich über 100 vermehrt werden. Und einige auch in Größenordnungen dann auch an private Interessenten abgegeben werden."

    Rote Tomaten und grüne natürlich aus Italien, Deutschland und Polen. Aber auch gelbe aus Frankreich, weiße aus Rumänien und die bunten aus Aserbaidschan.

    "Weiter unten haben wir dann den diesjährigen Anteil der Kartoffelsammlung. Angepflanzt sind 40 verschiedene Sorten. Davor haben wir Zuckererbsen, andere Gemüsearten,. landwirtschaftliche Feldfrüchte wie Getreide, Linsen."

    Seit einigen Jahren werden Kartoffelsorten geprüft. Die Europäische Union fördert das Vorhaben, das interessierten Bauern wertvolle robuste Altsorten für den Eigenanbau zur Verfügung stellen will. Die Vielfalt kulturpflanzengenetischer Ressourcen ist weltweit bedroht. Vieles ging schon verloren. In den Industrieländern ist dieser Prozess am weitesten fortgeschritten. Ob er sich im Süden aufhalten lässt, wird sich in den nächsten Jahren entscheiden

    "Durch die Modernisierungsprozesse der Landwirtschaft auch in Entwicklungsländern werden halt die traditionellen Sorten und Haustierrassen sehr stark verdrängt. Was ne Gefahr bringt für die zukünftige Ernährungssicherung. Weil doch die trad. Sorten wesentlich angepasster waren an Stresssituationen. (....)wenn z.B. die klimatischen Bedingungen nicht so günstig sind. (....) Und die Bauern, die früher ihre Strategien verfolgten: Risikoausgleich, mehrere Sorten gleichzeitig anzubauen und Tiere zu halten...Also diese Strategien gehen dann auch mit der Zeit ...verloren. Also, Verlust der genetischen Ressourcen ist auch gleichzeitig ein Verlust des traditionellen Wissens."

    Beate Weiskopf von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, sucht nach Konzepten, wie der Erhalt der landwirtschaftlichen Vielfalt in der Entwicklungszusammenarbeit verankert werden kann. Die Länder des Südens müssen ihre Anbausysteme verbessern, um mehr zu produzieren. Aber nicht an allen Standorten bringen moderne Sorten die gewünschte Verbesserung.

    "Man kann natürlich das Rad der Modernisierung auch nicht völlig zurückdrehen. Das wollen wir ja auch gar nicht. Aber wir sehen immer wieder, gerade für marginale Gebiete, dass es einfach nicht sinnvoll ist, da mit Hochleistungssorten anzufangen. Die Bauern haben einfach ökonomisch keinen Gewinn daraus."

    Auf weniger guten Böden, wo wenig Regen fällt, haben sich die angepassten alten Sorten bewährt. Darum wächst auf allen Kontinenten die Zahl der Initiativen, die zur Selbsthilfe greifen gegen staatlich verordnete Hochleistungssorten. Zum Beispiel in Brasilien. Jean Marc von der Weid von einer Nicht-Regierungsorganisation für alternative Landwirtschaft erzählt

    "Unsere Aufgabe war es, diese Sorten zu identifizieren und Bauern zu finden, die sie noch besaßen. Die Sorten mussten vermehrt und wieder in die Nutzung eingeführt werden. Wir mussten Bauern, die sich dafür interessierten, den Zugang ermöglichen und ihnen zeigen, wie sie sie verbessern konnten. Am Schluss - ich vereinfache den ganzen Vorgang jetzt sehr - konnten alle diese 5000 Bauern ihr eigenes Saatgut produzieren. Alle benutzen Sorten, die an ihre besonderen Standortbedingungen besser angepasst sind."

    Wenn 5000 Bauern ihr Saatgut selber erzeugen, kommen sie der Saatgutindustrie ins Gehege. Auch in Brasilien.

    "Wir haben Hilfestellung gegeben. Wir haben eine kleine Kooperative aufgetan, die Ausrüstung aufgemöbelt und die Infrastruktur verbessert, so dass wir mit diesem mächtigen Saatguthändler ein bisschen konkurrieren konnten. Außerdem haben wir ihnen Liefermöglichkeiten in einige Supermärkte in Rio de Janeiro eröffnet - dem größten Markt für schwarze Bohnen in Brasilien. Das ist gut gelaufen."

    Eine generelle Lösung ist dieses Beispiel nicht. Denn Brasilien hat längst eine Gesetzgebung, die die kommerzielle Nutzung nicht zugelassener Sorten verbietet. Auf den großen Markt darf nur kommen, was zertifiziert ist. Das soll den Bauern qualitativ hochwertiges Saatgut sichern. Aber es beschränkt die Sortenvielfalt gefährlich. Vor allem aber sichert es den Absatz der Saatgutindustrie. Patentschutz wird die Entwicklung verschärfen. In Indien steht gerade ein Sortenschutzgesetz zur Verabschiedung an. Nicht-Regierungsorganisationen wie die "Genkampagne" haben sich für die Rechte der Bauern stark gemacht. Suman Sahai von der Genecampaign

    "Heute isses ungefähr 6 Millionen Tonnen von Saat /im Jahr sind in Indien ausgesät. Davon produzieren die Bauern ..5,2 -5,3 Millionen Tonnen. D.h. 85-87% des gesamte Saat, was in Indien gesät, kommt aus Bauern. Deswegen ist das sehr wichtig, die Bauernrechte zu Saat verkaufen zu erhalten. Und das ist gerade der Konfliktpunkt, weil die große Industrie, die in Indien Fuß fassen wollen ... können eigentlich nur dann konkurrieren von diese wirklich sehr dezentralisierte Art von Saatherstellung, wenn sie das gesetzlich schaffen. In Europa haben die Großindustrie die kleinen alle aufgekauft. In Indien gibt's keine Kleinen für die Großindustrie aufzukaufen. Es ist unheimlich schwierig, diese Konkurrenz vom Fenster wegzuwischen, wenn das gesetzlich nicht gemacht wird."

    Thailands Bauern konnten sich behaupten. Sie haben jüngst ein Gesetz bekommen, das die Rechte der Züchter von neuen Sorten schützt, ohne gleichzeitig die Rechte der Bauern an alten Sorten vom Tisch zu fegen. Eine Chance für die Vielfalt der Kulturpflanzen, die so sehr in Bedrängnis geraten sind.