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StartseiteKalenderblattAus wilder Liebe zum menschlichen Geschlecht13.11.2006

Aus wilder Liebe zum menschlichen Geschlecht

Der Bildhauer Gerhard Marcks war bis ins hohe Alter voller Schaffenskraft

Vor 25 Jahren starb der Bildhauer Gerhard Marcks im Alter von 92 Jahren. Er war, wie er selbst sagte, ein "waschechter Preuße", doch mit seiner Seele hat er wie ein echter Klassiker das Land der Griechen gesucht. Seine Plastiken zählen zu den bedeutendsten deutschen Kunstwerken des 20. Jahrhunderts.

Von Wolf Schön

Die wohl am meisten fotografierte Plastik von Gerhard Marcks steht in Bremen neben dem Rathaus: die Stadtmusikanten. (AP)
Die wohl am meisten fotografierte Plastik von Gerhard Marcks steht in Bremen neben dem Rathaus: die Stadtmusikanten. (AP)

"Meine eigentliche Lehre habe ich bei den Griechen empfangen. Natürlich kannte ich sie schon lange. Aber dadurch, dass ich sie mit 39 Jahren in ihrem Lande besuchen konnte, habe ich erst begriffen, was das Griechentum eigentlich bedeutet, dass es für uns Quelle und Urzelle bedeutet - auch inwiefern wir anders sind."

Als der deutsche Bildhauer Gerhard Marcks 1928 seine Wallfahrt nach Hellas antrat und dort seine Bekehrung zum zeitlos gültigen Menschenbild der Antike erlebte, blickte er bereits auf wichtige Stationen seines künstlerischen Werdegangs zurück. Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte ihn Walter Gropius als Lehrer an das legendäre Bauhaus in Weimar berufen. Der hochbegabte Plastiker leitete als Formmeister die Töpferwerkstatt, was er im Sinne der ganzheitlichen Bauhauslehre keineswegs als Abstieg in die Niederungen des Kunstgewerbes begriff. Denn auch die Gestalten des Bildhauers wuchsen nach seiner Überzeugung wie Gefäße empor. Es waren Gefäße für den Geist, ohne den jede Form leblose Hülle bleibt.

Der schon vor seiner Bauhaus-Zeit und auch danach Schüler unterrichtende Künstler hat selbst nie eine Akademie besucht. Zur Kunst fand der 1889 geborene Sohn eines Berliner Kaufmanns im Atelier des Malers Richard Scheibe, seine Lehrer waren auch Georg Kolbe und der Tierplastiker August Gaul. Das erste reife Werk, das einen Liebhaber fand, war eine "Schreitende Löwin". Der Käufer ist 1909 kein Geringerer als Gerhart Hauptmann gewesen. Doch der Blitzstart seiner Karriere hat den jungen Mann eher erschrocken. Statt sich in frühen Erfolgen zu sonnen, machte er sich auf den beschwerlichen Weg, das Geheimnis des Schöpferischen intensiv zu ergründen. Zunächst geriet er in den Bannkreis des scharfkantigen Expressionismus, dann folgte die Bauhaus-Erfahrung mit dem abstrakten Formdenken, das ihn künftig vor verspielter Gefälligkeit schützten sollte.

"Ich habe mich bewusst darum bemüht, das architektonische, also auch das abstrakte Element als Grundpfeiler in meine Arbeit einzubauen."

So vorbereitet begeisterte sich dann der Griechenverehrer nicht für die idealschönen Körper der antiken Klassik. Stilprägend waren für ihn die archaischen Statuen, Vorbilder für seine scheuen, stillen Jünglingsgestalten und Mädchenfiguren mit ihrer herben Grazie und spröden Lieblichkeit. Hinter der heiteren Anmut verbirgt sich das Ethos von Ordnung und Maß. Plastik, so Marcks, sei eine Sache der Gewichtung und Proportionen, dem Chaos des Lebens abgerungene Form. Die Rede von der Verwüstung des Daseins war wörtlich gemeint. Der in seinem Humanismus unbeugsame Künstler geriet im Widerstand gegen den Rassenwahn unter die Räder der Nazidiktatur, der Bombenkrieg zerstörte den größten Teil seines Schaffens, noch schlimmer traf ihn der Verlust des Sohnes an der Front.

Nach 1945 wurde Marcks zunächst mit ehrenvollen Denkmalaufträgen überschüttet, doch zeigten ihm die Wortführer der progressiven Kunstszene alsbald nur noch die kalte Schulter. Eine zweite innere Emigration begann. Rund drei Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod am 13. November 1981 bewohnte der konservative Preuße in einem Kölner Vorort einen Altenteil, den ihm der Mäzen Josef Haubrich eingerichtet hatte. 92 Jahre wurde der bedeutende Bildhauer, Zeichner und Holzschneider, produktiv bis ins hohe Alter und unbeirrt in seiner Leidenschaft, Bilder vom Menschen zu gestalten.

"Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über. Ich habe eben eine wilde Liebe zum menschlichen Geschlecht und zu seiner Erscheinung, wo ich sie sehe. Für die Kunst, sagt Rodin, gibt es weder hässlich noch schön: Tout est beau dans la nature. Und die Natur hat's mir nun einmal angetan, wie sie mir auch entgegentritt."

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