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Ausgebeutet und diskriminiert

Seit 1980 ist die Zahl der Wanderarbeiter, die vom Land in Chinas boomende Städte und die Küstenregionen ziehen, auf 200 Millionen gestiegen. Beobachter sprechen von der größten Migrationsbewegung in Friedenszeiten. Das Heer der billigen Arbeitskräfte hat Chinas rasanten Aufschwung eigentlich erst möglich gemacht, denn sie sind es in erster Linie, die Chinas Metropolen hoch ziehen. Doch obwohl sie die gefährlichsten und schwierigsten Arbeiten leisten, werden ihnen Grundrechte verwehrt: sie sind unterbezahlt, ohne Krankenversorgung und ihre Kinder dürfen nicht die staatlichen Schulen besuchen.

Von Mathias Bölinger | 07.06.2008

    Über dem Dach donnern Autos vorbei. Drei Metallbetten, drei Spinde und ein großer Standventilator stehen auf dem kahlen Betonboden. Seit einem Jahr ist die Baracke außerhalb Pekings, die direkt unter einer Autobahnauffahrt steht, Wu Xisans Zuhause. Vor etwas mehr als zehn Monaten ist er aus Nordwestchina nach Peking gekommen.

    "Am Anfang war das Heimweh sehr heftig. Jetzt ist es nicht mehr ganz so schlimm. Man findet Freunde, dann geht es leichter."

    Wu hat die Grundschule abgeschlossen und dann seinen Eltern auf dem Feld geholfen. Jetzt arbeiten er und seine beiden Zimmernachbarn für eine Sicherheitsfirma, bewachen die Zufahrt von Baustellen. So ganz füllen die schmalen Schultern des 18Jährigen die olivgrüne Uniform noch nicht aus.

    " Ich habe nicht vorgehabt, nach Peking zu kommen, um Arbeit zu suchen. Aber zu Hause gibt es auch nichts für mich zu tun. Ein entfernter Verwandter hat mich dann hierher vermittelt. Alleine hätte ich mich nicht getraut. Es ist nicht so einfach, hier Arbeit zu finden. "

    Gegenüber der Baracke, in der Wu lebt, liegt das Dorf Beigao. Es war einmal ein Bauerndorf, heute gleicht es eher einem Vorort. Ganz nah ist die Stadt mit ihren Industriegebieten und Autobahnen herangekrochen. In Beigao hört man ein ständiges Hämmern, Klopfen und das Röhren von Betonmischern.

    Beigao erlebt einen kleinen Immobilienboom. Die Bauern vermieten ihre Zimmer an Wanderarbeiter, das Geschäft läuft gut, überall werden Häuser erweitert und aufgestockt. Es gibt Supermärkte, Internetcafes, Billardsalons, Friseure und Restaurants. Wer gute Kontakte hat in Beigao, vermittelt Arbeit. Ein Schuster und ein Schlüsselmacher haben ihre Läden eröffnet und wer ein Auto hat, der bietet am Ortseingang Fahrdienste für deutlich weniger Geld an als die offiziellen Taxiunternehmen. Es gibt sogar einen Arzt, der ohne Zulassung Kranke behandelt. Ein Medizinstudium hat er nicht, mit einem bloßen Pappschild wirbt er für seine Dienste, auf das mit Filzstift ein rotes Kreuz gemalt ist. Die meisten Arbeiter hier kommen aus der Provinz Anhui in Zentralchina. Auch der Kleine Chen, wie er hier von allen vertrauensvoll genannt wird.

    "Unsere Provinz ist sehr arm. In den Städten findet man viele Arbeiter aus Anhui. Fast alle jungen Leute aus den Dörfern und kleinen Städten gehen auf Arbeitssuche in die Metropolen. Sowohl die jungen Männer als auch die jungen Frauen."

    Die meisten Frauen in Beigao verdingen sich als Haushaltshilfen oder arbeiten in Restaurants und Hotels. Die Männer schuften auf den Baustellen der Innenstadt, verwirklichen im Olympia-Jahr die Stahlbeton-Träume internationaler Star-Architekten oder renovieren Wohnungen, Büros und Geschäfte. Wenn es für sie nichts mehr zu tun gibt, ziehen sie weiter. Auf 200 Millionen Chinesen schätzt die Regierung die "mobile Bevölkerung", wie Wanderarbeiter im offiziellen Jargon heißen.

    Tianjin, etwa hundert Kilometer von Peking. Auch Luo Liqing hat bis vor kurzem in Beigao gelebt. Jetzt steht er in einer dunklen Gasse in Tianjin und hämmert an eine Metalltür, die in den Hof eines einstöckigen Hauses führt. Der Kleine Chen ist aus Peking gekommen und steht neben ihm. Über Luos Schultern hängt eine zu große Lederjacke, sein Oberkörper ist leicht zusammengekrümmt. Manchmal verzerrt sich sein Gesicht vor Schmerzen. Luo klopft an die Tür des Mannes, der ihn vor zwei Tagen zusammengeschlagen hat.

    " Ich habe 18 Tage für ihn auf einer Baustelle gearbeitet. Ich wollte meinen Lohn abholen. Immer wieder hat er mich vertröstet. Dann haben sie zugeschlagen. Zu zweit. "

    Die Nachbarn stehen um Luo herum und beobachten die Szene. Vor ein paar Monaten ist er in die Stadt gekommen, weil jemand ihm hier Arbeit vermittelt hat. Luo klopft noch einmal, dann wählt er die 110, die Notrufnummer der Polizei. Nach einer halben Stunde kommen zwei Beamte mit schlechtgelaunten Gesichtern die dunkle Gasse entlang. Als Luo ihnen seine Geschichte erzählt, werden sie noch mürrischer. "Sie hätten zu uns kommen müssen, um Anzeige zu erstatten", erklären sie. "Den Notruf ruft man nur im Notfall an."

    Als der kleine Chen das hört, wird er wütend. Luo hat bereits zwei Mal versucht, Anzeige zu erstatten, sie wurde nicht aufgenommen. "Ihr kümmert Euch um gar nichts", schreit der kleine Chen die Polizisten an. "Pass auf was Du sagst", weist ihn der Polizist zurecht. Schließlich klopft die Polizei noch mal an die Stahltür. Der Gesuchte ist nicht zu Hause. Die Polizei nimmt Luo mit, um die Anzeige aufzunehmen. Nach drei Stunden kommt er aus der Polizeistation. Er hat eine Bestätigung bekommen, mit der er sich im Krankenhaus die Rechnung stunden lassen kann.

    "Sie haben ihn noch nicht erwischt. Wenn sie ihn kriegen, dann muss er die Rechnung zahlen, wenn nicht, dann ich. Ich habe jetzt kein Geld, wie soll ich mich da behandeln lassen."

    Dass Arbeiter um ihren Lohn geprellt werden, ist in China keine Seltenheit.

    Wu Xisan, der junge Wachmann in Peking hat diese Erfahrung noch nicht machen müssen. Doch auch er hat in seiner kurzen Karriere als Wanderarbeiter schon feststellen müssen, wie schwach er gegenüber seinem Arbeitgeber ist.

    "Was ich am meisten hasse, ist, dass sie uns überall übers Ohr hauen. Du verdienst siebenhundert Yuan und wenn du einmal richtig erkältet bist musst du schon zwei, dreihundert für die Behandlung zahlen. Die Firma sagt, sie hat uns krankenversichert, aber als ich das letzte Mal krank war habe ich fast hundert Yuan ausgegeben für Arztbesuche. Und als ich in die Firma gegangen bin, um das Geld zurückzubekommen, haben sie gesagt, sie ersetzen nur höhere Summen. "

    Als junger ungelernter Arbeiter verdient Wu gerade den staatlichen Mindestlohn von 700 Yuan, das sind 70 Euro. Die Unterkunft in der Baracke unter der Autobahn und Essen stellt ihnen der Arbeitgeber. Für ein eigenes Zimmer reicht der Lohn nicht. Wus Zimmernachbar Zhao Wei hat sein Dorf schon vor fünf Jahren verlassen, da war er 16. Zhao will nicht mehr lange in Peking bleiben.

    "Ich hoffe, dass ich in ein paar Monaten genug gespart habe, um zurückzugehen in mein Dorf. Dort will ich Autofahren lernen. Wenn man den Führerschein hat, dann ist es leichter, Geld zu verdienen. Fahrer ist ein guter Beruf."

    Die Hälfte seines Lohns legt er jeden Monat zur Seite, um sich den Traum zu erfüllen. Auch Wu Xisan weiß, dass er noch etwas dazulernen muss. Vielleicht, sagt er, geht er auch irgendwann zurück. Aber im Moment gibt es zu Peking für ihn keine Alternative.

    "Ich bin jetzt noch kein Jahr hier und habe schon 5000 bis 6000 Yuan verdient. Das ist doch nicht schlecht, das Geld habe ich selbst verdient. Zu Hause hätte gar nichts selbst verdienen können."

    6000 Yuan, das sind 600 Euro. Auf dem Land ist das viel Geld, in Peking allerdings man damit keine großen Sprünge. In ihrer Freizeit ziehen Wu und Zhao mit anderen Jugendlichen durch das Arbeiterdorf oder sitzen in einem der Internetcafes, die man überall in Geschäften und Hinterzimmern findet, um Computer zu spielen oder zu chatten. Chinas beliebtester Chat QQ ist auch für junge Wanderarbeiter eine häufig genutzte Kontaktbörse.

    "Ich will unbedingt eine Freundin finden, solange ich in Peking bin. Hier kann ich mir selber eine suchen, zu Hause stellen dir Deine Eltern eine vor, sobald du 22 bist. Die musst Du dann heiraten. Ich will eine, die mich liebt. Ich bin nur noch ein bisschen schüchtern."

    Die jungen Wanderarbeiter sind in den meisten Dörfern die erste Generation, die die Erfahrung macht, ganz auf sich gestellt zu sein.