Marktplatz 09.01.2014

Auslandsadoption"Es war jede Mühe wert"Von Svenja Üing

Babyhand an Erwachsenendaumen (Jan-Martin Altgeld)Einige Zeit war nicht klar, nach welchem Recht - ob international oder national - das Kind adoptiert werden durfte. (Jan-Martin Altgeld)

Der Weg zur Adoption von Lilly aus Laos hat ihre deutschen Adoptiveltern an die Grenzen gebracht: Sie mussten ihr Leben und die finanzielle Situation offenlegen und viel Geduld beweisen.

Der Weg zu Beate Hoffmann und Ralf Henscheidt führt mitten durch den Wald. Die schmale Straße ist nicht geteert, der Navigator hat sich längst verabschiedet. Bis vor Kurzem hat das Paar in der Kölner Südstadt gewohnt. Doch mit Kind wollten sie raus aus der Stadt. Jetzt leben sie in einem kleinen Ort südlich von Bonn. Im eigenen Haus mit Garten – und mit Panoramablick über den Rhein. In der geräumigen Küche ist der Frühstückstisch gedeckt. An der Wand hängt ein Foto von Lilly: dunkle Augen, glatte dunkle Haare und ein strahlendes Lächeln. Im Frühjahr wird Lilly drei.

"Sie ist ein wunderbar aufgewecktes Kind, sie hat einen Dickkopf, sie ist selbstbewusst, sie hat unheimlich viel Spaß. Wir merken zwar, dass sie nachts noch teilweise irgendwelche Dämonen verarbeitet, weil sie immer noch nicht richtig gut schläft. Aber tagsüber ist sie ein ganz wunderbar aufgewecktes Mädchen."

Lilly ist am 11. März 2011 ist auf die Welt gekommen, in einem Krankenhaus in Laos. Ihre leibliche Mutter war damals erst 17 Jahre und hat ihre Tochter gleich nach deren Geburt zur Adoption freigegeben.

"Wir haben nur Informationen über sie und ein Foto haben wir auch bekommen. Aber wir haben sie nicht kennengelernt."

Liebe auf den ersten Blick

Damals war schnell klar, dass sie bereit sind, das kleine Mädchen zu adoptieren. Als Lilly acht Monate alt war, haben Beate Hoffmann und ihr Mann Ralf Henscheidt sie in Laos zum ersten Mal in den Arm nehmen können.

"Es klingt total kitschig, aber es war Liebe auf den ersten Blick. Also irgendwie fühlten wir uns sofort mit diesem Kind verbunden."

Verbundenheit, tiefe Liebe, Glück – das spürt man gleich, wenn die beiden Eltern heute von Lilly sprechen. Doch der Weg zum Adoptivkind hat sie an ihre Grenzen gebracht. Beide haben sich immer eine Familie gewünscht, eigene Kinder und Adoptivkinder. Als sich der Wunsch nach eigenen Kindern nicht erfüllte, haben sie  in Deutschland  den Adoptionsprozess gestartet.

"Wir waren uns aber auch bewusst, dass wir da so gut wie keine Chancen haben werden. Weil die Quoten, zumindest in der damaligen Zeit, als wir uns interessiert hatten, hieß es, die Chance, ein Kind zu adoptieren, ist etwa 1:13."

Trotzdem haben sie alles in Gang gesetzt: Arbeitsverträge, polizeiliches Führungszeugnis, ärztliches Attest, finanzielle Situation – Ralf Henscheidt und seine Frau mussten alles offenlegen. Außerdem bekamen sie mehrmals Besuch vom Jugendamt und haben an einem Vorbereitungsseminar teilgenommen. Das alles war für beide eine Selbstverständlichkeit.

"Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Man will ja auch, dass solche kleinen Kinder, die manchmal traumatisiert sind, einfach in gute Hände geraten. Und man muss auch einfach überprüfen: Sind die zukünftigen Eltern dazu geeignet, das auch zu leisten."

Beate Hoffmanns Mutter stammt aus Thailand. Sie selbst hat viele Jahre in Afrika und Asien gelebt. Deshalb konnte sich das Paar auch sehr gut vorstellen, ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren. Ihre Wahl fiel auf Laos, weil Beate Hoffmanns Vater dort jahrelang gearbeitet hat und das Paar bei seinen Besuchen erfahren hat, dass viele Kinder nach der Geburt verlassen werden. Daraufhin haben sich die beiden in Laos beim zuständigen Justizministerium mit den notwendigen Dokumenten für eine Adoption beworben. Ein halbes Jahr später kam die Nachricht aus Laos.

"Da wäre jetzt der Bedarf und ob wir denn noch bereit wären. Und da haben wir gesagt, ja bereit sind wir. Wir müssen natürlich jetzt erst einmal den ganzen großen Papierkram angehen, der da noch ansteht."

Tage, Wochen, Monate

Doch der Adoptionsprozess zieht sich. Über Tage und Wochen. Dann über Monate. Lange Zeit ist nicht einmal klar, nach welchem Recht sie adoptieren dürfen – nach nationalem oder internationalem. Beate Hoffmann und Ralf Henscheidt laufen von Behörde zu Behörde und beantworten bis tief in die Nacht E-Mails und Briefe. Sie wollen alles richtig machen – und verlieren dabei wertvolle Zeit. Beim Thema Auslandsadoption seien ihnen sehr große Vorbehalte und Ängste begegnet.

 "Mich hat schon sehr gewundert, auch teilweise schockiert, wie man von A nach B nach C nach D geschickt wurde. Bei uns war das in dem Fall so: Dann schickt dich D wieder zu B. Dann beschwert sich B, dass man nicht wieder früher zu ihnen gekommen ist. Also teilweise, was wir auch beobachtet haben, dass es meiner Meinung nach teilweise nicht eine klare Linie, eine klare Regelung gibt. Teilweise ist das schon sehr unterschiedlich von einer Stadt zur nächsten, wie die Verfahrensweisen sind. Und da ist meiner Meinung nach noch viel Nachholbedarf, um das zu vereinfachen."

Weil sie Lilly in dieser Zeit ein Heim ersparen wollen, kümmert sich in Laos eine Pflegemutter um den Säugling. Zwischenzeitlich wird Lilly krank und kommt mit Röteln und einer Blutvergiftung in eine Klinik. In den letzten drei Monaten, bevor sie Lilly zu sich nehmen dürfen, nimmt Beate Hoffmann Sonderurlaub, um bei Lilly in Laos zu sein. Ralf Henscheidt fliegt wegen seines Jobs zwischen Deutschland und Laos hin und her.

Am Ende dürfen sie Lilly adoptieren. Sie bekommen einen laotischen Pass für ihre Tochter, dürfen aber nicht nach Deutschland einreisen. Sie müssen noch einmal acht Monate auf die letzten Papiere warten. Dann endlich darf die Familie nach Hause.

"Das Fazit ist, wenn wir gewusst hätten, was uns da alles erwartet: Wir hätten das sicherlich nicht gemacht. Aber nachdem wir Lilli jetzt hier haben, sind wir so glücklich, dass wir sie haben, so glücklich, dass wir diese ganze Prozedur durchgestanden haben."

"Das ist der Hammer, wenn du die Kleine jetzt vom Kindergarten abholst. Die sieht dich, die brüllt: Papa, Papa. Reißt die Arme auf und läuft dir in die Arme. Das war eine irre Mühe, aber es war auch jede Mühe wert."

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