Auslese | Vom Fühlen und VerstehenGebrauchsanweisung für den menschlichen Geist

Warum sind wir Menschen oft so irrational, verschließen uns dem kritischen Denken und der wissenschaftlichen Evidenz? Das will Steve Pinker in seinem neuem Sachbuch erklären. Antonio Damasio unternimmt hingegen den Versuch, der modernen Gehirnforschung eine philosophische Basis zu verleihen.

Ralf Krauter im Gespräch mit Dagmar Röhrlich und Michael Lange | 24.10.2021

Eine dreidimensionale Darstellung eines menschlichen Kopfmodells, das aus wissenschaftlichen und technologischen Linien besteht.
Zwei neue Sachbücher präsentieren neueste Erkenntnisse zur Funktionsweise des menschlichen Geistes. (IMAGO / Imaginechina-Tuchong)
"Mehr Rationalität" fordert Steven Pinker in seinem neuen Sachbuch und verspricht eine Anleitung zum besseren Gebrauch des menschlichen Verstandes. Denn seine Fähigkeit, Fakten nüchtern zu bewerten, Handlungsoptionen abzuwägen und Pläne für die Zukunft zu schmieden, sei es, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheide, schreibt der US-kanadische Kognitionsforscher.
Der US-Neurowissenschaftler Antonio Damasio sieht das genauso. In seinem aktuellen Sachbuch "Wie wir denken, wie wir fühlen", spannt er den Bogen allerdings weiter und ergründet Ursprünge und Natur unseres Bewusstseins. Für dessen Entstehung sind neben einem klaren Verstand auch Gefühle notwendig, die dem effizienten Gebrauch unseres Intellekts nicht selten Grenzen setzen.
Beide Bestseller-Autoren präsentieren neueste Erkenntnisse zur Funktionsweise des menschlichen Geistes.
Neue Sachbücher von Steven Pinker: "Mehr Rationalität" und Antonio Damasio: "Wie wir denken, wie wir fühlen".

Steven Pinker: Mehr Rationalität

Eine Rezension von Dagmar Röhrlich

Verschwörungstheoretiker leugnen den Holocaust, glauben, dass die US-Regierung die Twin-Tower zerstörte, um die Invasion in den Irak zu rechtfertigen. Und nicht nur für Erich von Däniken sind Außerirdische hier. "Wie", fragt sich Steven Pinker, "lässt sich diese Pandemie des Schwachsinns erklären?"

Die Pandemie des Schwachsinns
Es ist eine Pandemie, schreibt Harvard-Psychologe Steven Pinker in seinem neuesten Buch "Mehr Rationalität". Er kann Charly Brown von den Peanuts verstehen, der Bauchschmerzen bekommt, als Lucy felsenfest davon überzeugt ist, dass der Schnee aus dem Boden hochkommt: Es sehe nur so aus, als falle er von Himmel, weil der Wind ihn durch die Luft wirbele. "Ich hab recht! Ich hab recht", jubelt sie, als er frustriert von dannen zieht.
Warum nur, so fragt sich Steven Pinker, sind wir Menschen so oft irrational, verschließen uns der Vernunft, dem kritischen Denken, der wissenschaftlichen Evidenz? Nein, an unserem – wenn man so will - "ererbten" kognitiven Rüstzeug liege es nicht: Die San, die noch vor kurzem Wildbeuter waren und damit Einblicke in die Lebensweise erlaubten, die die Menschheit für den größten Teil ihrer Existenz geführt haben, konnten nur dank wissenschaftlicher Denkweise in der Kalahari überleben: "Sie erschließen sich den Weg von bruchstückhaften Daten bis zu weit entfernt liegenden Folgerungen mit einem intuitiven logischen Verständnis, kritischem Denken, statistischer Argumentation, Kausalschlüssen und Spieltheorie", schreibt Pinker.
Der schwierige Umgang mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten
Rationalität, erläutert der Autor in seinem in manchen Passagen unterhaltsamen, in anderen eher trockenen Buch, ist keine Kraft wie der Röntgenblick von Superman. Sie ist ein Sortiment kognitiver Werkzeuge wie Logik, Wahrscheinlichkeit und empirisches Denken, mit denen sich ganz bestimmte Ziele erreichen lassen. Und die müssen nicht unbedingt vernünftig sein. Oft geht es dem sozialen Wesen Mensch eher darum, recht zu behalten, andere in eine gewünschte Richtung zu lenken, zu einer Gruppe zu gehören. Oder wir machen immer die gleichen Fehler: Wir verwechseln Korrelationen mit Kausalitäten, gewichten Einzelfälle zu stark, und wie schwer uns der Umgang mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten fällt, dafür gibt es Beispiele ohne Zahl. Etwa die Ultraschalluntersuchung auf Eierstockkrebs. Von 1000 untersuchten Frauen erhielten 94 eine falsch positive Diagnose – mit allen Folgen: von der Panik bis zu unnötigen Operationen mit manchmal ernsthaften Komplikationen. Während in der nicht gescreenten Vergleichsgruppe fünf Fälle entdeckt wurden, waren es in der gescreenten sechs, und in beiden Gruppen starben drei Patientinnen. "Man muss kein Mathegenie sein, um zu erkennen, dass der erwartete Nutzen von Eierstockkrebs-Screenings negativ ist", urteilt Steven Pinker. Nun, die eine mehr entdeckte Frau dürfte trotzdem dankbar für die Untersuchung sein, doch die Zahlen zeigen, wie schwer es ist, Risiken und Erträge gegeneinander abzuwägen. Er selbst, schreibt der Autor weiter, nehme nach Abwägung der Kosten und Nutzen von Treffern und Fehlalarmen übrigens nicht an dem prostataspezifischen Antigentest teil.
Wie irrational sind Fake News als politische Taktik?
Steven Pinker vertritt die Auffassung, dass wir zwar niemals eine objektive Wahrheit feststellen können, dass es aber dennoch eine objektive Wahrheit gibt, und dass wir ihr am besten durch rationales Verstehen näherkommen können. Doch am Leser nagt die Frage, ob ein Primat des Verstands wirklich die Probleme unserer Zeit wirklich löst. Pinker hat zwar recht, wenn er schreibt, dass Fake News, Verschwörungstheorien und postfaktischer Rhetorik Freiheit und Demokratie in Gefahr bringen. Doch sind, wenn man an die Prämissen glaubt, die einer Verschwörungstheorie zugrunde liegen, alle weiteren Gedankengänge meist schlüssig. Außerdem sind Fake News etc. Mittel der politischen Taktik. Sie einzusetzen ist also ein sehr rationales Verhalten zur Durchsetzung eines Ziels. Bringt also die bloße Forderung nach Rationalität tatsächlich weiter?
Mehr Rationalität wagen
Doch wo Überzeugungen als Ausdruck der moralischen oder kulturellen Identität betrachtet werden, wo Emotionen kritisches Denken ersetzen, dort geht es irgendwann nur noch darum, wer am lautesten schreit, nicht mehr um Argumente. Steven Pinker ist entsetzt, dass sich offenbar auch die Auffassung wandele, die "Gelehrte und Kritiker von ihrer Aufgabe haben": vom Streben nach Wissen hin zum Befördern sozialer Gerechtigkeit und anderer moralischer und politischer Themen. Darin schwingt auch eine Antwort auf die Angriffe mit, denen er ausgesetzt ist – von Kreisen, die ihn als "weißen Mann" und Teil des Wissenschaftsestablishments schmähen.
"Mehr Rationalität. Eine Anleitung zum besseren Gebrauch des Verstandes" ist ein zum Nachdenken anregendes Buch. Uns bleibt nur mehr Rationalität – aber angesichts der real existierenden Welt im 21. Jahrhundert kann der Leser die Gefühle von Charlie Brown auf Seite 300 nachvollziehen – und einfach mit Bauchschmerzen davon gehen. Doch sollte man den Kampf wirklich aufgeben?
Mehr Rationalität
Eine Anleitung zum besseren Gebrauch des Verstandes
Von Steven Pinker
Übersetzt aus dem Englischen von Martina Wiese
Fischer-Verlag, 432 Seiten, 25 Euro


Antonio Damasio - Wie wir denken, wie wir fühlen

Eine Rezension von Michael Lange

Allein aus feuernden Neuronen im Gehirn lässt sich das Bewusstsein nicht erklären. Die Welt der Gefühle und das Denken entstehen erst im Wechselspiel von Körper und Geist. Erneut wendet sich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio seinem Lebensthema zu und belässt doch vieles im Unklaren.
Ohne Gefühle kein Bewusstsein
Antonio Damasio ist überzeugt: Wer die Geheimnisse des Bewusstseins erkunden möchte, muss naturwissenschaftliche Ergebnisse mit geisteswissenschaftlichen Überlegungen verknüpfen. In seinem dünnen Buch versucht er, das aktuelle Verständnis mentaler Prozesse, so wie er es in früheren Büchern ausführte, auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dabei jongliert er mit Begriffen wie Geist, Bewusstsein, Gefühl, Integrität, Identifikation, Wachsein und immer wieder Homöostase.
Mit dem Wort "Homöostase" beschreibt er nicht nur ein Gleichgewicht physiologischer Körperfunktionen, sondern auch einen Status der Gefühle. Egal, ob Tier oder Mensch: Der Organismus strebt nach einer Art Gleichgewicht. Er will sich wohlfühlen, und unternimmt allerlei, damit er dieses gute (homöostatische) Gefühl genießen kann. Ohne diesen Messfühler, kann kein Bewusstsein entstehen.
Große Worte bleiben unverständlich
Nicht zum ersten Mal unternimmt Antonio Damasio den Versuch, der modernen Gehirnforschung eine philosophische Basis zu verleihen. Er spart nicht mit pathetischen Begriffen und literarisch anmutenden Formulierungen. Sein Feuerwerk der Worte bleibt jedoch über weite Strecken unverständlich. Immer wieder wird der Lesefluss unterbrochen. Damasio stellt viele spannende Fragen, doch die Antworten bleiben im Durcheinander der Begriffe unscharf. Und so ist sich der Rezensent keinesfalls sicher, ob er die Sichtweise des Autors richtig zusammengefasst hat. "Bewusstsein ähnelt ein wenig Milch und Eiern", heißt es an einer Stelle im Buch, die wie vieles andere unerklärt bleibt.
Kein Buch für Einsteiger
Leider verzichtet das Buch weitgehend auf verständliche Erklärungen oder anschauliche Beispiele. Der Versuch, den Experimenten der Hirnforschung eine philosophische Basis zu verleihen, ist so zum Scheitern verurteilt. Glaubt man ein Kapitel verstanden zu haben, so zieht das nächste das Gelernte schon wieder in Zweifel. Wer sich bisher wenig mit Fragen rund um die Bewusstseinsforschung auseinandergesetzt hat, dem wird der Einstieg mit diesem Buch nicht gelingen.
Wie wir denken, wie wir fühlen
Die Ursprünge unseres Bewusstseins
Von Antonio Damasio
Übersetzt aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Hanser Verlag, 192 Seiten, 22.00 Euro

Außerdem empfiehlt das DLF-Sachbuchtrio:
Die Gottesformel
Die Suche nach der Theorie von allem
Von Michio Kaku
Übersetzt von Monika Niehaus und Bernd Schuh
Rowohlt-Verlag, 238 Seiten, 24.00 Euro

Albert Einstein, Stephen Hawking und viele andere berühmte Physiker hatten denselben Traum: Eine ‚theory of everything‘, eine Theorie von Allem, die alle physikalischen Phänomene vom Zusammenspiel der Elementarteilchen bis zur Struktur des Kosmos erklären kann. Bis heute ist dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen. Doch der New Yorker Physikprofessor und Bestsellerautor Michio Kaku schildert in seinem neuen Buch "Die Gottesformel", wie weit Einsteins Erben auf der Suche nach der Theorie von Allem bereits gekommen sind und welche Hindernisse noch den Weg versperren. Da Micho Kaku selbst seit langem auf dem Gebiet der Stringtheorie arbeitet, ist er überzeugt, dass sie derzeit einer der aussichtsreichsten Kandidaten ist, um die Vision der Physiker zu verwirklichen. Diese Sicht der Dinge ist nicht unumstritten. Weil die Anhänger der Stringtheorie in den vergangenen Jahrzehnten trotz intensiver Bemühungen keine großen Fortschritte erzielten, monieren Kritiker, sie hätten die theoretische Physik in eine Sackgasse geführt. Michio Kaku ficht das nicht an. Im Gegenteil: Er setzt sich mit den Argumenten der Kritiker auseinander und schildert klar und auch für Laien gut verständlich, wie das Erkenntnisgebäude der modernen Physik seit Beginn des 20. Jahrhunderts Stein um Stein gewachsen ist: Von der Relativitäts- und Quantentheorie bis zum Standardmodell der Elementarteilchen und ihren Wechselwirkungen. Er beschreibt, wie die Erkenntnisse der Grundlagenforschung die Entwicklung von Technologien beflügelten, die heute unseren Alltag prägen. Und er formuliert die großen Fragen, die bis heute offengeblieben sind: Hatte Gott eine Wahl als er den Kosmos schuf? Was war vor dem Urknall? Hat das Leben einen Sinn? Und wie können wir herausfinden, ob wir tatsächlich nur in vier Dimensionen existieren - oder in 11 oder 12, wie die Stringtheorie nahelegt?
Michio Kaku ist ein begnadeter Physikerklärer, dessen neues Buch faszinierende Einblicke in die wissenschaftliche Suche nach Antworten auf die fundamentalen Fragen der menschlichen Existenz liefert. (Ralf Krauter)
Wir Klimawandler
Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft

Von Elizabeth Kolbert
Übersetzt von Ulrike Bischoff
Suhrkamp Verlag, 240 Seiten, 25.00 Euro

Die Autoren der Bibel konnten nicht ahnen, was aus dem Auftrag werden würde, den sie der Menschheit als Auftrag Gottes mitgaben: Macht euch die Erde untertan. Doch inzwischen greift die Menschheit so tief in das System Erde ein, dass sie zu einem der bestimmenden Faktoren geworden ist – mit verheerenden Folgen für die Ökosysteme. In ihrem neuen Buch "Wir Klimawandler – Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft" wirft die US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert den Blick einer Reporterin auf dieses Anthropozän: Sie berichtet von unterschiedlichen Versuchen, das Angerichtete zu reparieren. Optimistisch ist die Autorin nicht – aber vielleicht hilft uns gerade das dabei, doch noch das Ruder herumzureißen. Eine lohnenswerte Lektüre. (Dagmar Röhrlich)
Projekt Lightspeed
Der Weg zum BioNTech-Impfstoff - und zu einer Medizin von morgen
Von Joe Miller, Özlem Türeci und Uğur Şahin
Übersetzt von Hainer Kober und anderen
Rowohlt, 352 Seiten, 22.00 Euro

Früh erkannte der Arzt und Biotechnologie-Unternehmer Uğur Şahin, dass ein Corona-Virus aus China zu einer Bedrohung für die ganze Welt werden würde. Gemeinsam mit seiner Frau Özlem Türeci setzte er alles auf eine Karte. Bei BioNTech in Mainz entwickelte das Forscherteam einen Impfstoff und nutzte dabei eine neue Technik, die ihre Wirksamkeit noch nie unter Beweis gestellt hatte. Der Journalist Joe Miller wirft einen detaillierten und sachkundigen Blick hinter die Kulissen der Impfstoffentwicklung. Ein informatives Sachbuch und zugleich spannend wie ein Krimi. (Michael Lange)