Freitag, 28.02.2020
 
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EU regelt Handel mit Obstbäumen neu

Seltene Obstsorten wie Boskoop-Äpfel werden im Supermarktregal wohl bald gar nicht mehr zu finden sein. Eine neue EU-Richtlinie schreibt vor, dass jede Obstsorte künftig eine EU-Zulassung braucht. Gehören alte Obstsorten bald zum alten Eisen?

Von Jörn Freyenhagen

Verschwindet der Boskop aus dem Supermarktregal? (AP)
Verschwindet der Boskop aus dem Supermarktregal? (AP)

"Neulich war ich bei einem alten Imkerkollegen. Da sagt er, ich hab' hier einen alten Apfel, den hab' ich Dir noch gar nicht gezeigt, plötzlich kommt er mit einem 'Hasenkopf aus Sittensen'. Ich sag, es gibt doch gar keine Hasenköpfe, doch, da haben wir immer Hasenköpfe zu gesagt, und solche Sorten, die werden auch nach 2012 weiterhin auftauchen."

Obstbauer Eckart Brandt aus Drochtersen bei Stade sammelt, züchtet und bewahrt alte Apfelsorten wie Finkenwerder Herbstprinz, Celler Dickstiel und Horneburger Pfannkuchen. Er sieht die biologische Vielfalt bedroht, wenn die neue EU-Handelsregelung in Kraft tritt. Ab 2012 dürfen nur noch Obstbäume verkauft werden, die in Sortenlisten amtlich erfasst sind. Das bedeute ein aufwendiges, teures Anmelde- und Prüfverfahren, befürchtet Peter Heine, Berater für Ökobauern bei der Obstbauversuchsanstalt in Jork im Alten Land:
"Man redet von bis zu 3000 Euro je Sorte und der Erhalt der alten Sorten liegt häufig in den Händen von Ehrenamtlichen, von Pomologen, von Apfel-Liebhabern, die haben kein finanzielles Interesse daran, irgendetwas zu verdienen, die wollen einfach die Sorte erhalten. Wenn jetzt natürlich Kosten auf sie zukommen, befürchten wir, dass es zu einem Nachlassen des Engagements kommt."

Für Eckart Brandt ist die Verordnung ein weiteres Beispiel der Regulierungswut von EU-Bürokraten. Er ist nicht bereit, Geld für seiner Ansicht nach überflüssige Lizenzen zu bezahlen:

"Der Staat müsste eigentlich diese Sachen erhalten. Er hat uns damit eigentlich 25 Jahre lang im Regen stehen lassen und irgendwelche schönen Erklärungen unterschrieben von der UNO zur Erhaltung der genetischen Vielfalt, da ist ja eigentlich gar nichts gekommen, und wir dürfen das alles auf eigene Faust hier und auf eigene Rechnung machen und am Ende sollen wir dann zur Kasse gebeten werden, das geht nicht."

Auch in den Baumschulen gebe es viele Idealisten, deren Arbeit gefährdet sei, betont der Deutsche Pomologen-Verein. Er glaubt, dass ähnlich wie beim Saatgut große Züchter und Firmen ihre wirtschaftlichen Interessen bei den neuen Sorten durchsetzen wollten. Julia Klöckner, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, zum Hintergrund der EU-Vorlage:

"Zum einen geht es um die Pflanzengesundheit und die Qualität der Pflanzen, dass die den Obstbaubetrieben in der ganzen EU zur Verfügung stehen und vor allen Dingen auch gemeinschaftsweit gesichert sind, also hochwertiges Pflanzenmaterial für die Fruchterzeugung. Das ist das eine, aber auf der anderen Seite sind einige Sorgen natürlich auch berechtigt, welche bürokratischen Hürden sind damit verbunden und wird z.B. das Kind mit dem Bade ausgeschüttet."

Für Sorten, die vor 2012 entdeckt und kultiviert wurden, sieht Klöckner keine Probleme. Das erklärte sie kürzlich bei einem Gespräch mit Spitzenvertretern der Baumschulen, der Obstbauern und der Pomologen. Nach 2012 hätten die Gärtner im Streuobstbau schlechte Karten. Wer dort eine neue Sorte finde, die für den großen Obsthandel uninteressant sei, dürfe sie ohne Anmeldung nicht mehr auf den Markt bringen. Doch auch hier setzt sich Klöckner für eine Ausnahmeregelung ein:

"Dass wir eine Ermächtigung haben, Streuobstwiesen weiterhin zu erhalten. Uns ist es wichtig, dass im Jahr gerade der biologischen Vielfalt diese Vielfalt auch in Zukunft möglich sein wird, auch für diejenigen, die sich gartenbaulich oder landwirtschaftlich im Kulturpflanzen-Bereich ehrenamtlich engagieren oder eben nicht gewerblich tätig sind, dass wir hier nicht allzu hohe Hürden haben und dass wir vor allen Dingen auch diese Vielfalt gewährleisten können."

Das Zulassungsverfahren soll bei Sorten ohne wirtschaftliche Bedeutung einfacher und am Ende sogar kostenfrei sein, verspricht Klöckner. Alles hängt jetzt davon ab, ob die EU eine eigene Durchführungsverordnung plant - oder ob sie die nationale Umsetzung und damit Ausnahmen erlaubt. Eckart Brandt ist über die Absicht als solche schon jetzt in Braß, wie man an der Küste sagt, denn er findet ständig alte Apfelsorten, die den neuen überlegen seien:

"Aber ich glaub' nicht, dass da wirklich eine große Gefahr ist, dass die plötzlich abgehen wie eine Rakete auf dem Markt und all die schönen Lizenzsorten verdrängen werden. Das ist ja keine wirkliche ökonomische Konkurrenz da. Wir sind eine kleine Nischengeschichte hier."

Vorsorglich hat Brandt seine Kollegen in anderen EU-Ländern alarmiert. Sollte es für die Züchter der kleinen, aber feinen Apfelsorten keine Ausnahmen geben, werde es Proteste hageln:

"Also wir werden uns schon was einfallen lassen, das lassen wir uns so nicht bieten."

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