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Ausstellung
Alltagsobjekte in subversiver Rolle

Kreativität ist die Hauptwaffe heutiger Aktivisten: Zu modernen Kundgebungen gehören weniger Slogans, dafür mehr Strategie, Spiel und Alltagsgegenstände in neuen Rollen - ob Klobürsten in Hamburg oder Buchcover in Italien. Im Victoria and Albert Museum in London widmet sich jetzt die Ausstellung "Disobedient Objects" den Objekten des Protests.

Von Louise Brown |
    Der Teilnehmer eines Rundgangs durch das Hamburger Gefahrengebiet hält am 11.01.2014 in Hamburg eine Klobürste und eine Saugglocke in den Händen.
    In Hamburg ist die Klobürste zum Protestsymbol erklärt worden - gegen die Einrichtung des polizeilichen Gefahrengebiets. (picture-alliance / dpa / Axel Heimken)
    Wann ist eine Puppe ein Protestobjekt? Zum Beispiel, wenn Ken und Barbie die Stimmen tauschen, so dass Ken sagt:
    "Wanna go shopping?"
    Diese und 98 weitere Stücke sind in der Ausstellung "Disobedient Objects" in London zu sehen. Kurator Gavin Grindon:
    "'Disobedient Objects' sind oft Alltagsobjekte, denen man eine neue, subversive Rolle zuweist."
    Aber auch Neuerfindungen wie die aufblasbaren Riesenpflastersteine, mit denen Demonstranten 2012 die Polizei in Barcelona und Berlin irritierte.
    Grob gezimmerte Vitrinen hängen an einem deckenhohen Gerüst, das an ein riesiges Gefängnisgitter erinnert. Dazwischen: Anti-Apartheid-Buttons aus Südafrika, ein mit einer Todesmaske dekorierter Pick-up-Truck aus Texas, auf einem Bildschirm flimmern die Fingerpuppen eines syrischen Künstlerkollektivs.
    "Hohes Maß an designerischem Einfallsreichtum"
    Die provisorische Einrichtung haben die Ausstellungsmacher bewusst gewählt. Co-Kuratorin Catherine Flood:
    "Obwohl sie oft schnell und mit wenigen Ressourcen gemacht werden, zeigen diese Objekte ein hohes Maß an designerischem Einfallsreichtum."
    Etwa die Schutzschilder italienischer Studenten, gestaltet wie die Cover von Buchklassikern, mit denen sie 2010 gegen die "Kultur kann man nicht essen"-Politik der Berlusconi-Regierung auf die Straße gingen.
    Kreativität ist die Hauptwaffe heutiger Aktivisten: weniger Slogans, dafür mehr Strategie und Spiel. Mit dem kleinen, Graffiti zeichnenden Roboter des amerikanischen Künstlerkollektivs "Institute for Applied Autonomy" können Protestierende Slogans verbreiten, ohne dabei erwischt zu werden.
    Subtile Wirkung auf das Bewusstsein der Menschen
    Doch was bringen solche einfallsreichen, oft witzigen Objekte wirklich?
    "Manchmal kann das Design eines Objekts direkt etwas bewegen, etwa verhindern, dass ein Wald abgeholzt wird. Meistens aber ist seine Wirkung subtiler: Es ändert das Bewusstsein der Menschen oder ihr Verhältnis zueinander."
    Wenn eines hier klar wird, dann dass kreativer Aktivismus ein globales Phänomen ist: Die literarischen Schutzschilder aus Rom sah man bald in Berkeley und Madrid. Mit Twitter schaffen auffällige, ansprechende Ideen es im Nu um die Welt. Und ständig wird Neues erfunden: Eine Ecke des Raumes haben die Ausstellungsmacher genau dafür freigelassen, ein neues Objekt kann jederzeit hinzugefügt werden.
    Aktivisten werden: Studenten, Großmütter. Museumsbesucher. Für sie hat das Museum Flugblätter zum Mitnehmen vorbereitet: Samt Anleitungen für das Basteln einer Flugblatt-Bombe oder einer Mini-Drone zum Filmen von Demonstrationen.