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StartseiteCorsoSo politisch können Modefotos sein25.04.2019

Ausstellung "Black Image Corporation"So politisch können Modefotos sein

Zeitschriften wie „Ebony“ oder „Jet“ haben in den USA seit den 50er-Jahren zu einem neuen Selbstbewusstsein innerhalb der afroamerikanischen Kultur beigetragen. Beide Magazine haben ein großes Fotoarchiv hinterlassen aus der jetzt eine Ausstellung im Gropius-Bau zum Anfassen zusammengestellt wurde.

Von Marie Kaiser

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Eine Fotografie von Moneta Sleet Jr. (r.) ist in der Ausstellung "The Black Image Corporation" im Martin-Gropius-Bau hinter Besuchern einer Pressekonferenz zu sehen.  (picture-alliance/dpa/Christoph Soeder)
"The Black Image Corporation" im Martin-Gropius-Bau: Fotos von Moneta Sleet Jr. (r.) sind Teil der Ausstellung (picture-alliance/dpa/Christoph Soeder)

Ein Model in einem bodenlangen zimtfarbenen Kleid empfängt die Besucher – darüber trägt sie eine Weste mit ausladendem Federkragen. Ein elegantes Modefoto, wie es auch in der Vogue erscheinen könnte. Nur, dass dort in den 60er-Jahren niemals ein schwarzes Model abgebildet wurde. Zu sehen war das Foto im "Ebony"-Magazin, das sich gezielt an ein schwarzes Publikum richtet.

Mac Folkes: "Diese Bilder strahlen etwas Vornehmes, Edles aus. Wenn ich sie mir heute anschaue, denke ich, wie unglaublich, dass sie damals trotz all der Widerstände solche Schönheit hervorgebracht haben – das inspiriert mich."

Plattform wurde für schwarze Identität

Der Choreograf und Modelscout Mac Folkes hat "Ebony" und "Jet" in den 60er- und 70er-Jahren immer beim Friseur gelesen - für ihn haben diese Magazine eine wichtige Rolle gespielt.

"Sie bringen uns zum Träumen. Und diese Fähigkeit zu Träumen, das ist das Wichtigste, das dir jemand geben kann. Ich danke den Johnsons wirklich dafür, dass sie mir eine Welt gezeigt haben, die so viel größer ist, als die, in der ich damals gelebt habe."

Die Johnson Publishing Company, das war der Verlag, der "Ebony" und "Jet" damals herausbrachte, der zur Plattform wurde für schwarze Identität und Kultur in den USA. Vier Millionen Fotos umfasst das Fotoarchiv heute – die Ausstellung konzentriert sich auf einige wenige Arbeiten von zwei der wichtigsten Fotografen: Isaac Sutton und Moneta Sleet.

In Schaukästen werden die Titelseiten der Magazine präsentiert: Grace Jones im Konfettiregen, Schlagzeilen wie "Meine Tochter hat einen weißen Mann geheiratet", Karrieretipps und direkt daneben Fotos mit der neuesten Bademode. Aber auch die erste schwarze Abgeordnete im Kongress und "Die Frau hinter Martin Luther King" werden vorgestellt. Doch ein großer Teil der Ausstellung ist nicht zum Anschauen, sondern zum Anfassen. Mit weißen Handschuhen können Besucher die Bilder in Holzkabinetten selbst heraussuchen – oder mit der Lupe am Lichttisch Kontaktabzüge betrachten, als wären sie selbst Bildredakteure.

Daisy Desrosiers, Mitkuratorin der Ausstellung, glaubt, dass die Bilder auch bei einem Publikum, das sich vielleicht nicht im Detail mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung auskennt, Eindruck hinterlassen:

"Diese Arbeiten waren immer dafür gemacht, berührt zu werden. Theaster Gates wollte immer, dass die Besucher mit den Bildern in direkten Kontakt treten. Die Museumsbesucher schauen nicht nur, sie werden aktiv. Durch die Berührung werden sie Zeugen, übernehmen Verantwortung, weil sie von nun an diese Geschichten in sich tragen."

"Zeigen, was es bedeutet schwarz zu sein – auch heute noch!"

Über die Berührung bringt uns die Ausstellung in direkte Verbindung mit den Menschen, die wir betrachten: Mit der Dame im Badeanzug mit Rollerskates, der Sekretärin mit Notizblock, der erfolgreichen Tennisspielerin aus Harlem oder der Mutter mit Baby auf dem Arm. Aber warum zeigt die Ausstellung ausschließlich Fotos von Frauen?

"Schwarze Frauen sind in unserer sozialen Hierarchie ganz weit unten. Diese Fotos, die ihre Schönheit feiern, sollen sie ermächtigen, die Bedeutung dieser Frauen zeigen. Es geht nicht darum, sie zu Objekten zu machen. Im Gegenteil! Ich bin eine schwarze Frau, und ich habe nie in meinem Leben so viele Bilder schwarzer Frauen gesehen wie hier. Ich bin in den 80er-Jahren geboren. Da gab es kaum schwarze Frauen in Zeitschriften – außer mal Whitney Huston. Mit diesen Fotos hier kann ich ganz viele Versionen meiner eigenen Identität entwerfen, wie ich sein könnte! Diese Fotos hier zeigen wirklich, was es bedeutet schwarz zu sein – auch heute noch!"

Gerade heute in Zeiten, in denen rassistische Ressentiments wieder lauter werden und Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA Alltag ist, brauchen wir Ausstellungen wie die "Black Image Corporation", davon ist Mac Folkes überzeugt:

"Diese Zeit damals, gerade die 60er-Jahre, waren ein Schlüsselmoment, auf den wir uns heute zurückbesinnen sollten. Denn die Wahrheit ist, dass wir heute wieder an den Rand gedrängt werden. Diese Bilder erinnern uns daran, dass wir uns Gedanken machen müssen: Was werden wir tun gegen diese Welle, die sich gegen uns erhebt?"

"The Black Image Corporation" bis 28. Juli zu sehen im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

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