Freitag, 19. August 2022

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Ausstellung "Capitalist Melancholia"
Stillstehen in einer beschleunigten Welt

Erschöpfung und Burnout, überall. Der kapitalistische Gedanke der Profitmaximierung fordere seinen Tribut - bei den Ressourcen der Welt, aber auch bei den Menschen, sagt der Michael Arzt, der künstlerische Leiter der Halle 14, Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig, im DLF. In der Ausstellung "Capitalist Melancholia" präsentieren zehn Künstler ihre Gedanken zu diesem Thema.

Michael Arzt im Gespräch mit Michael Köhler | 30.04.2016

    Historische Fabrikgebäude auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig.
    In der Halle 14 auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei wird die Ausstellung "Capitalist Melancholia" gezeigt. (picture-alliance/ ZB / Waltraud Grubitzsch)
    Michael Köhler: Wir sprechen zuerst über Gedanken und Werke zur Schwermut und Hilflosigkeit in der entfesselten Moderne. Unter Volldampf, mit durchdrehenden Rädern malochen, produzieren, kreativ sein, und doch nicht vorankommen. Kreativ und prekär zugleich. Anspruchsvoller nennt der künstlerische Leiter der Halle 14, Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig seine Ausstellung, die heute beginnt: "Kapitalistische Melancholie". Gedanken zur Schwermut des 21. Jahrhunderts. Michael Arzt habe ich gefragt, was zeigen Sie, welcher leitende Gedanke steht dahinter?
    Michael Arzt: Der leitende Gedanke hinter dem Begriff der "Capitalist Melancholia", einer Ausstellung, die ich gemeinsam mit zwei Franzosen kuratiert habe, dem Schriftsteller Camille de Toledo und dem Philosophen Francois Cusset, verbindet im Prinzip zwei Gedanken: zum einen den kapitalistischen Gedanken der Profitmaximierung, der Ausbeutung, aber auch was wir aus den Nachrichten kennen, der Erschöpfung der Ressourcen der Welt, der der Erde und der der Menschen natürlich auch, gemeinsam mit dem der Melancholie, das Stillstehen, das nicht mehr weiter wissen, das vielleicht darüber Nachdenken, ob es noch eine Lösung gibt. Ich denke, dass viele eine gewisser Alternativlosigkeit führen. Seit 30 Jahren ist da ja das schon von Thatcher das Programm, dass es keine Alternative zum Neoliberalismus gibt. Und wir haben zehn internationale Künstler eingeladen, ihre Gedanken zum Stillstehen, vielleicht zur Melancholie, zum Überlegen hier zu präsentieren.
    Köhler: Ich greife das gern mal auf, Herr Arzt, was Sie sagen, denn künstlerisch gibt es da doch recht überzeugende Arbeiten. Da sind beispielsweise der amerikanische Fotograph David Maisel, der für seine Luftaufnahmen bekannt ist, die Landschaften zeigen, die teils verändert worden sind, schrecklich schön sind, die wie Mondlandschaften aussehen. Da ist aber auch der spanische Fotokünstler Alvaro Martinez Alonso mit absurd komischen Situationen, schwebende Personen in Werkstätten oder Restaurants, also Orten, an denen etwas produziert wird, Dienstleistungsgewerbe. Aber die Menschen schweben in der Luft, haben keinen Bodenkontakt, sind ohne Halt. Ist das die künstlerische Verifizierung, Verbildlichung Ihrer leitenden These?
    "Sie schweben in einer haltlosen unbequemen Situation, wissen nicht weiter"
    Arzt: Genau. Das sind zwei Künstler, die starke Bilder gefunden haben für die Themenkomplexe, die dieser These entspringen. David Maisel, der in verschiedenen Projekten sich den Zerstörungen, die die Menschheit anrichtet, widmet, ausgetrocknete Seen in der Nähe von LA, die zur Trinkwassernutzung ausgetrocknet sind und sich zu Giftstaubwüsten verwandelt haben, aber durch die Mineralienablagerungen von ganz weit oben ganz, ganz faszinierend aussehen, eigentlich wunderschön und sind vielleicht irgendwann mal für Wesen interessant, die nach uns Menschen diesen Planeten erkennen, die das entdecken und sich ein bisschen wundern, wie sind diese Spuren hier hergekommen. Alvaro Martinez Alonso ist ein Künstler aus Spanien, ein junger Mensch, der wie viele von der Finanzkrise betroffen wurde, viele, die suspendiert sind von ihrem Job. Das heißt, eigentlich haben sie ihren Job noch, aber sie werden nicht bezahlt und wissen nicht, ob es irgendwann noch mal weitergeht. Sie schweben in einer haltlosen unbequemen Situation, wissen nicht weiter. Wir zeigen dazu auch noch einige Videos aus der Reihe Parados el Mundos, junge Spanier, die in den Hauptstädten Europas auf der Suche nach einer Perspektive sind, aber sich auch irgendwie fremd fühlen. Alvaro zeigt das in Bildern: Menschen auf Straßen stehen still, während die Hektik vorbeirauscht.
    Köhler: Ich habe ein bisschen Schwierigkeiten mit Ihrem Titel. Der historische Begriff der Melancholie ist natürlich einer des 18. Jahrhunderts, der nicht etwa als Hände in den Schoß legen verstanden wurde, sondern als geheime Triebfeder. Der schöpferische Mensch des 18. Jahrhunderts, der geistige Mensch war melancholisch. Wir kennen das auch von Bildern. Nun sprechen sie von Ermüdung und ich kann eigentlich nur eine Kultur der Überbeschleunigung und des Aufbruchs erkennen und auch nicht die der Deregulierung, sondern eher einer Überregulierung, konsensuelle Zwänge, Konventionen und so weiter.
    "Natürlich sind wir auch erschöpft"
    Arzt: Na ja, das ist ja der Widerspruch der Beschleunigung. Es gibt eine andere Künstlergruppe, die neue Arbeiten hier in der Ausstellung gemacht haben, "Famed" aus Leipzig. Die haben uns inspiriert durch eine Arbeit, die sie gezeigt haben, "we are on fire, we are so fucking tired". Natürlich beschleunigt sich die Welt und jeder hat die Anforderung, dort teilzunehmen. Wer sich nicht bei Facebook angemessen und häufig genug präsentiert, gilt quasi schon als fast tot, nicht mehr Teil der Gesellschaft. Das Triebfederchen müssen wir alle mitrennen, sonst sind wir nicht mehr Teil, und natürlich sind wir auch erschöpft. Es gibt einen Burnout. Auch da gibt es noch zwei wunderbare Bilder hier in dieser Ausstellung. Der New Yorker Künstler Gregory Barsamian hat eigentümliche kinematografische Skulpturen gebaut. Man sieht Metallfiguren auf einem Sägeblatt rennen, ziellos rennen, immer weiter rennen. Genauso vielleicht eine andere sehr interessante Arbeit von Humiko Hagiwara, die "out of power" heißt, ohne Antrieb, ohne Kraft. Man sieht einen Wasserkocher, der offensichtlich nicht angesteckt ist ans Stromnetz, aber das Betriebslämpchen brennt doch dadurch, dass ein Laserpointer draufgerichtet ist. Das spiegelt vielleicht auch ein bisschen, dass wir alle wach und aktiv und als Teilhaber spielen, aber vielleicht innerlich schon gar nicht mehr anwesend sind.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.