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StartseiteKultur heuteJasper Johns - der letzte Pop-Artist10.03.2019

Ausstellung in New YorkJasper Johns - der letzte Pop-Artist

Amerikanische Landkarten und Flaggen - seit vielen Jahrzehnten fasziniert Jasper Johns mit seinen unverwechselbaren Motiven. Der 88-jährige Künstler gilt als Wegbereiter der Pop-Art. Eine Ausstellung in New York bleibt eine allerdings freudlose Angelegenheit - denn seine Werke ächzen unter ihrem kunsthistorischen Gewicht.

Von Sacha Verna

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Zwei Besucherinnen betrachten Jasper Johns Gemälde "Flag" (1958) in der Ausstellung "Something Resembling Truth" in der Royal Academy, London, September 2017. (imago / ZUMA Press / Ray Tang)
Jasper Johns "Flag" (1958) in der Ausstellung "Something Resembling Truth" in der Royal Academy, London, September 2017 (imago / ZUMA Press / Ray Tang)
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Oberflächen sind Landschaften bei Jasper Johns. Was von weitem wie ein Gitter aussieht, ist nur der Abdruck, den ein Gitter im dick aufgetragenen Himmelblau hinterlassen hat. Dagegen erweist sich ein weißes Rechteck in der Mitte einer anderen Leinwand als ein Stück aufgeklebtes Papier, das die Mitte des Bildes in eine Miniaturcollage verwandelt.

Und natürlich ist da die Enkaustik. Diese antike Technik, bei der Pigmente mit Wachs gebunden werden, hat Jasper Johns seit seiner ersten Ausstellung in einer Galerie zu seinem Markenzeichen gemacht. 1958 feierte er damit bei Leo Castelli in New York Premiere, wobei "feiern" durchaus der richtige Ausdruck ist. Denn die Ausstellung geriet zur Sensation. Sie enthielt im Kleinen bereits, womit der heute 88-Jährige neben Verwandten im Geiste und vorübergehenden Partnern im Leben wie Robert Rauschenberg und Cy Twombly zu einem der Größten in der amerikanischen Nachkriegskunst wurde. So auch die Motive, die Johns gleichermaßen für sich patentiert hat: Sternenbanner, Zahlen, Zielscheiben und Landkarten.

Alter Wein in neuen Schläuchen

"That’s what’s unique about this work is that’s both in that the themes are familiar, but the composition and the treatment is very new."

Die Themen seien vertraut, die Komposition aber immer wieder neu und deshalb einzigartig, sagt Jacqueline Tran zu den Werken, die nun die Galerie von Matthew Marks in New York zeigt. Es sind 15 Bilder und 23 Arbeiten auf Papier, entstanden zwischen 2012 und 2018. Die Ausstellung ist ein Ereignis, wie jede künstlerische Äußerung von Jasper Johns, die vom hiesigen Publikum entsprechend begrüßt wird. Dabei könnte man doch meinen, die Zeit der alten weißen Männer in der Kunst sei abgelaufen, wenn man bedenkt, mit welcher Emphase sich Galerien und Museen, Messen und Biennalen allerorts zu Inklusivität und Diversität bekennen. Doch Jasper Johns genießt in den Vereinigten Staaten den Status eines Nationalheiligen.

Der Rummel um diese Ausstellung ist umso grösser, als sie den Anfang zweier neuer Serien verspricht: Variationen einer vollbusigen Picasso-Figur mit lackierten Fingernägeln; und solche, die auf einer Fotografie aus dem Vietnamkrieg basieren. Darauf lässt ein Soldat den Kopf hängen, darüber steht in Schablonenschrift "Farley Breaks Down/After Larry Burrows", "Farley bricht zusammen/Nach Larry Borrows". Burrows war der Fotograf, von dem die Aufnahme stammt, James Farley ist der Name des Gefreiten.

"Indem Jasper Johns ein vorgefundenes Bild aus seinem Zusammenhang löst und dafür einen neuen schafft, macht er es sich zu eigen. Man sieht die Reichhaltigkeit des Materials und die Sorgfalt, mit der er das Sujet darstellt. So wird etwas ganz Eigenständiges daraus."

Der Künstler schweigt

Der Gegensatz zwischen Form und Inhalt ist wie immer bei Jasper Johns verblüffend. Das eine scheint mit dem anderen nichts zu tun zu haben. Soldaten, Picasso oder Skelette, die hier auf Tintenzeichnungen gelegentlich Strohhut tragen: In solche Sujets lässt sich Bedeutung hineinlesen oder auch nicht, verführt wird man durch die Sinnlichkeit der Darstellung. Sie verweist auf die Hand des Meisters, sie signalisiert: "Nicht berühren!". Und, so hat man manchmal den Eindruck: "Nicht verstehen!". Dies erst recht, als Johns' Verschwiegenheit legendär ist, was den Symbolgehalt seiner Werke betrifft. Es fällt nur allzu leicht, vor diesen manikürten Mysterien in Ehrfurcht zu erstarren.

Das Betrachten dieser Arbeiten bleibt eine freudlose Angelegenheit. Sie ächzen unter ihrem kunsthistorischen Gewicht. Nach einer Weile wirkt die Virtuosität, mit der Johns seine Mittel anwendet, nur noch manieriert. Die Unverwechselbarkeit seines visuellen Vokabulars verdient Respekt, doch erschöpft sich der Künstler letztlich in Selbstzitaten. Es ist, als würde Jasper Johns, geblendet von der Sonne seines Erfolges, im Schatten seines Mythos' weiterwerkeln.

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