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StartseiteMusikjournalWie Schönberg in Österreich Antisemitismus erlebte 14.06.2021

Ausstellung in WienWie Schönberg in Österreich Antisemitismus erlebte

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers wurde dem Komponisten Arnold Schönberg seine Professur in Berlin aberkannt. Dass Schönberg wegen seiner jüdischen Wurzeln schon mehr als zehn Jahre früher Opfer antisemitischer Anfeindungen geworden war, ist kaum bekannt. In Wien zeigt eine Online-Ausstellung die Folgen.

Von Robert Jungwirth

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Eine historische Fotografie zeigt einen Mann mit Frau und Kind glücklich in die Kamera lächelnd. (picture-alliance / dpa - Bildarchiv)
In Mattsee in Österreich wurde der Komponist Arnold Schönberg wegen seiner jüdischen Wurzeln angefeindet. (picture-alliance / dpa - Bildarchiv)

"Von Schönberg kann ich Ihnen nur das Beste berichten. Er ist gut gelaunt und arbeitet bis auf Spaziergänge den ganzen Tag. Er will bis zur Fertigstellung der Jakobsleiter in Mattsee bleiben. Auch seiner Familie geht es gut. Sie bewohnen ein sehr hübsches Haus ganz in der Nähe des Sees, mit riesigen Zimmern."

Erste Anzeichen von Judenfeindlichkeit in Mattsee

Diese Zeilen schrieb am 12. Juni 1921 der Schönberg-Schüler Felix Greissle an Alban Berg. Anfang Juni war Arnold Schönberg in Mattsee unweit von Salzburg eingetroffen, um hier mit seiner Familie eine mehrmonatige Sommerfrische zu verbringen; also sich zu erholen, zu komponieren, zu schreiben, zu lesen, Freunde zu treffen, zu schwimmen, zu wandern. Ein Klavier war gemietet worden, an eine Schreinerei ging der Auftrag für ein paar Notenpulte. Im Gepäck hatte Schönberg das Manuskript zu seiner Harmonielehre, Skizzen zu einem weiteren theoretischen Werk sowie die Noten zu seinem unvollendeten Oratorium "Die Jakobsleiter" und einem neuen Werk für Klavier. Auch Freunde und Schüler kamen zu Besuch oder quartierten sich in der Nachbarschaft ein. Kurz bevor Schönberg in Mattsee ankam, erschien in der "Salzburger Chronik" eine kurze Meldung, die, hätte Schönberg sie gelesen, ihm eine Warnung hätte sein müssen:

"Die heurige Fremden-Saison in Mattsee verspricht sehr gut zu werden. Es kommen bereits jetzt schon jeden Tag Herrschaften an. Für die Monate Juli und August sind bereits alle Wohnungen vergeben. Hoffentlich gelingt es auch heuer dem rührigen Fremdenverkehrsverein unseren Badeort judenrein zu halten."

Verschiedene Bilder sind am 06.01.2014 in der Ausstellung "Entartete Musik" in der Tonhalle in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) auf einer Stellwand zu sehen.  (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd) (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)Niedergang der Musikkultur im Dritten Reich - Immer nur lächeln, immer vergnügt?
Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte auch vor der Musik nicht halt. Rein sollte die deutsche Musik sein, rein von allem Undeutschen, Nichtarischen. Die jüdischen Musiker, die Dirigenten, die Sänger und Sängerinnen, die Intendanten, verloren ihre Anstellungen.

Sogenannter "Sommerfrischen-Antisemitismus"

In der Forschung spricht man vom sogenannten "Sommerfrischen-Antisemitismus". Mattsee steht hier stellvertretend für etwa 70 Orte in Österreich, die zu Beginn der 1920er Jahre mit dem Etikett einer "judenreinen" bzw. "judenfreien" Sommerfrische warben.

Auf Mattsee als Sommeraufenthalt war Schönberg durch seinen Bruder Heinrich aufmerksam geworden. Die Eltern von dessen Frau Berta besaßen dort ein Haus, und Heinrich hatte dem Bruder oft die Schönheiten der Gegend und die Annehmlichkeiten des Ortes geschildert. Für den Sommer 1921 hatte man ein zu mietendes Domizil in der Nähe des Schwiegerelternhauses von Heinrich gefunden, das im Saisonverein von Mattsee als "sehr freundliche Wohnung mit Garten" beschrieben wurde. Durch die Vermittlung seines Bruders, bzw. seiner Schwägerin ist Schönberg entgangen, dass der ortsansässige Fremdenverkehrsverein neben der idyllischen Landschaft, den Heilkräften der Moorbäder und einer Fülle von Attraktionen - wie Regatten, Theater, Konzerte, Schifferstechen - damit warb, "…dass man sich mit Erfolg Angehörigen jener Nation erwehre, die in den meisten Kurorten des Salzkammergutes die dominierende Rolle spielt."

Widerstand gegen Schönberg wuchs

Gemeint waren Juden. Sicherlich hätte Schönbergs Bruder und dessen Frau skeptischer sein können oder vielleicht müssen, als sie ihren bereits berühmten Verwandten hier einquartierten. Und es hätte ja auch gutgehen können. Ging es aber nicht. Ein paar antisemitische Nationalisten verlangten von Arnold Schönberg den Nachweis, dass er kein Jude sei. Obgleich Arnold Schönberg wie sein Bruder zum Protestantismus konvertiert war, konnte oder wollte er einen solchen Nachweis nicht erbringen. Der Widerstand gegen ihn wuchs und führte dazu, dass Schönberg  es vorzog, sein Sommerdomizil zu verlassen.

An Alban Berg schrieb Schönberg: "Es war zum Schluss sehr hässlich in Mattsee. Die Leute dort haben mich scheinbar so verachtet, wie wenn sie meine Noten kennten. Geschehen ist uns sonst nichts. Aber angenehm ist das außerberuflich so wenig, wie im Beruf – aber da muss man. Vielleicht auch hier? Ich wüsste nicht warum."

Das Wiener Arnold-Schönberg-Center, das im Besitz des gesamten Nachlasses von Schönberg ist und diesen wissenschaftlich aufarbeitet und regelmäßig in Ausstellungen präsentiert, hat die in die Schönberg-Biografik als "Mattsee-Ereignis" eingegangene Episode nun nach exakt 100 Jahren zum Anlass für eine Online-Ausstellung genommen.

Gemeinde Mattsee hat sich mit der Geschichte auseinandergesetzt

"Mit der Jubiläumsausstellung geben wir einen Hinweis auf die Auswüchse des Antisemitismus vor genau 100 Jahren. Ein Antisemitismus, der in der idyllischen Seen-Landschaft unweit Salzburgs gedeihen konnte und in seiner Ausprägung keineswegs ein einzigartiges, auf einen Ort zu gespitztes Phänomen darstellte. Man muss sich dieser historischen Ereignisse bewusst sein, um sich für das Heute zu sensibilisieren. Die Gemeinde Mattsee hat sich übrigens vor fünf Jahren selbst eingehend mit der Materie befasst und dem Ereignis eine Veranstaltungsreihe sowie eine Publikation gewidmet. Eine weitere Intention der Online-Ausstellung war der Hinweis auf das 100 Jahre Jubiläum der Zwölftonmethode, die Schönberg im Sommer 1921 unmittelbar nach dem Hinauswurf aus Mattsee entwickelt hat. Und mit dem ersten Zwölftonwerk, einer Klavier-Suite, schließt sich der Kreis der Ausstellungsobjekte."

Kuratorin Therese Muxeneder möchte sowohl die nicht allzu bekannte Verbreitung des Antisemitismus und seine Strukturen zu Beginn der 1920er Jahre im ländlichen Raum in Österreich aufzeigen, als  auch die Auswirkungen auf Schönberg und seine durch das Mattsee-Ereignis ausgelöste Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln.

Das Gemälde von Wassily Kandinsky "Impression III (Konzert)" aus dem Jahr 1911, das in der Dauerausstellung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München zu sehen ist. (picture alliance / dpa) (picture alliance / dpa)Arnold Schönberg und Wassily Kandinsky - Wesensverwandte
1911 lernt der Maler Wassily Kandinsky die Musik von Arnold Schönberg kennen. Bald begegnen sie sich persönlich und sehen im jeweils anderen einen Wesensverwandten. Briefe bezeugen die langjährige Freundschaft. Doch im Sommer 1923 kommt es zum Bruch.

Empörung in der Öffentlichkeit hielt sich in Grenzen

Anhand von Dokumenten wie Briefen, Zeitungsmeldungen, Fotos und Kompositionen mit Hörbeispielen wird dieser Ausschnitt aus Schönbergs Leben und die Bedrohung durch den zunehmenden Antisemitismus plastisch veranschaulicht. Die Online-Ausstellung stellt bis zum 26. Juli jeden Tag ein neues Exponat online. Etwa die Reaktion in der Wiener Freien Presse auf die Vertreibung Schönbergs:

"Ein bezeichnendes Sommererlebnis des bekannten Komponisten Arnold Schönberg berichtet unser Grazer Korrespondent. Der Künstler hatte Mattsee bei Salzburg zum Sommeraufenthalt gewählt. Dieser Tage wurde er von der dortigen Gemeindeverwaltung aufgefordert, durch Dokumente nachzuweisen, dass er kein Jude sei. Sollte dies der Fall sein, so habe er den Ort sofort zu verlassen, da infolge Gemeindebeschlusses Juden der Aufenthalt in der Gemeinde nicht gestattet sei. Obwohl Schönberg nachweisen konnte, dass er Protestant ist, hat er sich entschlossen, den Ort Mattsee zu verlassen. – Es ist weiter nicht verwunderlich, dass der Künstler es vorgezogen hat, weiteren Auseinandersetzungen mit dem Gemeindeausschusse aus dem Wege zu gehen; aber die Frage bleibt offen, ob die Bundesgesetze just in Mattsee im Salzburgischen in so ungenierter Weise außer Kraft gesetzt werden dürfen."

Die Empörung in der Öffentlichkeit über diesen antisemitischen Übergriff hielt sich allerdings in Grenzen, so Kuratorin Therese Muxeneder: "Wenn man die rund 30 Presseartikel liest, die es zu diesem Vorfall gibt, fällt etwas auf. Selbst in liberalen Organen scheint man den gegen Schönberg gerichteten antijüdischen Aktionismus als kein Einzelphänomen betrachtet zu haben. Ein Fazit, das man daraus ziehen kann lautet: Es herrschte bereits 1921 eine allgemeine Abstumpfung gegen gegenüber einer fortschreitenden Radikalisierung oder eine teils naive Haltung gegenüber den überdeutlichen Vorzeichen des Kommenden."

Zäsur in Schönbergs Leben

Bedeutend ist das Mattsee-Ereignis vor allem deshalb, weil es eine Zäsur im Leben von Schönberg bedeutet. Es setzte die Beschäftigung des Komponisten mit Judentum und dem Zionismus in Gang, die 1933 in Paris in die Rückkonversion mündete und sich auch in einigen Werken Schönbergs spiegelt, wie etwa der Oper Moses und Aron, dem Sprechdrama "Der biblische Weg" und nach Zweitem Weltkrieg und Shoah in der Kantate "Ein Überlebender aus Warschau". Die Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln begann also nicht erst, als Schönberg in Berlin mit antisemitischer Hetze und Propaganda konfrontiert wurde und ihm schließlich 1933 seine Professur aberkannt wurde.

"Das Mattsee-Ereignis stellte einen Wendepunkt in Schönbergs Biografie da. Er war ja 1898 zum Protestantismus konvertiert, wie so viele seiner jüdischen Zeitgenossen, und hatte die Assimilation als greifbare Vision vor sich. Das Scheitern dieser Assimilierungsbestrebung wurde dann spätestens in Mattsee klar, als sich ein Rassen-Antisemitismus seine Bahn brach, vor dem kein Taufschein Schutz bieten konnte. Schönberg behielt dieses Ereignis immer im Blick, vor allem auch als er 1938 ein Manifest schrieb, indem er die Ermordung von 7 Millionen Juden in Europa voraussagte. Er wollte dieses Manifest veröffentlichen, fand aber keine Publikationsmöglichkeit."

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