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Ausstellung zu Berliner Philharmonikern
Musikalische Selbstbestimmung

Die Berliner Philharmoniker gehören heute zu den weltweit besten Orchestern. Entstanden seien sie aus einer Art Selbstermächtigung, erklärte Matthias Winzen, Direktor des Museums für Kunst und Technik in Baden-Baden im DLF. In einer Ausstellung geht es dort um die Gründungsgeschichte des Ensembles.

Gespräch mit Matthias Winzen |
    Sir Simon Rattle (l) dirigiert in Berlin das Waldbühnen-Konzert der Berliner Philharmoniker .
    Die Berliner Philharmoniker gehören zu den weltweit besten Orchestern. (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
    Michael Köhler: Längst sind Orchester, Klangkörper auch zu Marken geworden, die entwickelt, gepflegt und gehandelt werden. Das ist eine Tendenz nicht erst des 21. Jahrhunderts. Die Berliner Philharmoniker, sie sind ein Sinfonieorchester und sie gelten als eines der weltweit führenden Ensembles. Dessen institutionelle Geschichte, sie fängt aber schon 1882 an. Da wandelte es sich vom tourenden Ensemble zum Orchester mit fester Spielstätte. Die Frühgeschichte dieses Klangkörpers zeigt nun eine Ausstellung im Baden-Badener Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, und dessen Direktor Matthias Winzen habe ich gefragt: Sie haben die Osterfestspiele ja zum Anlass genommen, die Geschichte des Orchesters aufzuarbeiten, zeigen das anhand der prägenden Dirigentenpersönlichkeiten. Wie sieht denn diese Frühgeschichte aus?
    Matthias Winzen: Ja das ist eine sehr interessante Geschichte. 50 Musiker der Kapelle von Benjamin Bilse, der mit seinen Musikern immer Einzelverträge macht, denen stinkt es auf gut Deutsch, dass sie so billig verschickt werden, nach Polen, überall hin, und die machen eine kleine Revolte, tun sich zusammen. Hermann Wolff, der Konzertveranstalter, kommt hinzu und diese Musiker sagen jetzt, wir gründen die Berliner Sinfoniker 1882, also eine ganz demokratische renitente Selbstermächtigung mitten im preußischen Obrigkeitsstaat. Man muss sich auch klar machen, dass gerade mit den Berliner Sinfonikern in Berlin sowohl eine Akademisierung wie auch eine Professionalisierung des Musikerberufs samt Sozialabsicherung überhaupt erst in Gang kommt, das ist ein ganz großer Schub, und auch das Publikum an höhere Maßstäbe gewöhnt wird. Das ist ja auch eine Folge der Kunst, die sich von Kirche und Hof immer weiter befreit, keine Dekorationsfunktionen mehr so stark hat. Das Publikum darf nicht mehr essen und trinken dabei, das soll sich schön andächtig konzentrieren auf dieses autonome Abstraktum neue Musik.
    Köhler: Strauss und Mahler dirigieren selber.
    Winzen: Genau.
    Köhler: Herr Winzen, wie erzählen Sie diese Geschichte? Wir haben ja fast keine Tondokumente aus der Zeit. Ich sage mit Absicht fast keine. Da gibt es berühmte prägende Persönlichkeiten. Sie erzählen es, glaube ich, oder Sie personalisieren diese Geschichte, richtig?
    Winzen: Das stimmt. Vielleicht darf ich noch sagen, dass die wenigen Tondokumente, die es aus der Zeit gibt, bei uns abzuhören sind, natürlich digital, aber basierend auf den Originalaufnahmen. Das ist eine Sache, wie wir die Zeit lebendig machen. Aber Sie haben Recht, natürlich müssen wir gucken: wie hat sich dieses Abstraktum gelungene auratische Aufführung, wie hat sich das verkörpert? Was nimmt auch der Bürger davon mit nachhause? Da spielen natürlich die Dirigenten eine ganz große Rolle. Hans von Bülow und Arthur Nikisch, dieser Dirigentenkult, dieser Starkult, über den sich auch oft lustig gemacht wird, der hat natürlich schon auch eine Funktion. Der Kapellmeister hat noch zum Publikum gewendet gestanden und mit dem Rücken zum Orchester und der Dirigent, der gibt sich jetzt, so scheint es, ganz der Musik hin. Der ist ganz konzentriert und das Publikum darf nur den Rücken sehen. Das hat natürlich einen ganz tollen Effekt, nämlich der Dirigent wird zum Pantomimen fürs Publikum. Und es ist ja bekannt: Wenn ein Dirigent über genügend tänzerisches Charisma verfügt, dass dann das Publikum auch wirklich das Gefühl hat, die Musik, die Partitur besser lesen zu können.
    Wir suchen weitere Verkörperungen, um zu gucken, aus der damaligen Zeit, wie wurde das angeeignet, und dann haben wir zum Beispiel ein Musikzimmer mit Hausmusikinstrumenten, ein Harmonium. Aber vor allen Dingen: Wie Champignons wachsen diese weißen Gipsköpfe aus der Wand, Beethoven, Brahms, Wagner. Das Publikum will ja auch etwas zu fassen bekommen. Die Partitur, das Hörerlebnis, der auratische Moment, der wird übersetzt in Souvenirs und der wird ins Wohnzimmer gestellt.
    Köhler: Eine Instrumentenwerkstatt gibt es bei Ihnen auch. Und das ist wichtig: Sie sind ja ein Museum für Kunst- und auch Technikgeschichte. Von 1883 - übrigens Todesjahr von Wagner - gibt es bei Ihnen eine telefonische Station zu sehen, die 1883 eingerichtet wurde bei den Berliner Philharmonikern. Warum das?
    Winzen: Das ist ein seltsamer metaphysischer Zusammenhang. Genau diese einzigartige Grenzerfahrung Pianissimo, Fortissimo muss sofort reproduzierbar sein. Da bringt wirklich die Kunst die Technik hervor, und das ist ja genau das, was wir in unserem Museum immer wieder untersuchen, wie auch tatsächlich mentalitätsgeschichtlich solche Dinge eng zusammenhängen. Und es ist wirklich so, dass die Berliner wie auch manch andere Orchester, aber für Berlin ist das wirklich dann die führende Situation mit eigener Spielstätte und Abonnement-Publikum. Da wird wirklich ein Anspruch erhoben und die bringen das immer wieder in eine einzigartige Situation, die aber sofort zu Schellackplatten führt. Das ist ein ganz eigenartiger interessanter Zusammenhang.
    Köhler: Die Berliner Philharmoniker waren immer so was wie die kulturelle Speerspitze Preußens, Gralshüter vielleicht der deutschen Musikkultur. Also auch immer ein Stück weit identitätspolitisch brauchbar?
    Winzen: Ja und nein. Es gibt eine Schlüsselszene: Hans von Bülow in einem seiner letzten Konzerte mit den Berliner Philharmonikern. Der hatte ja die Angewohnheit, sich auch dann wieder zum Publikum zu wenden, wenn der letzte Satz verklungen war, und Dinge zu erklären, und dann hat er 1892 dem Publikum erklärt, die Eroica von Beethoven, da ist ja die Widmung an Napoleon mehr oder weniger schiefgegangen beziehungsweise von Beethoven selbst gestrichen worden. Dann schlägt er vor, den abgehalfterten Bismarck als Widmungsempfänger zu setzen, also die Eroica Bismarck zu widmen, und da hat er sich völlig überschätzt. Manche applaudieren, manche sagen, das hat nichts mit Musik zu tun. Diese Identitätsstiftung oder auch die Vereinnahmung der Musik durch die Politik, das ist nicht so eine ganz eindeutige Sache.
    Köhler: Wie kommt es, dass dieser Klang so weltberühmt wurde? Es gibt ja die berühmten Dialoge, Maestro Furtwängler, wie sollen wir denn dieses Stück spielen, in welchem Tempo, und dann kriegen sie zur Antwort, im richtigen, und es war immer das richtige und es war immer der beste Klang. Wie kann das sein?
    Winzen: Ich glaube in der Tat, dass diese Gründungsgeschichte, diese Selbstermächtigung, dieser demokratische Akt, dass man wirklich jetzt professionell seine eigenen Maßstäbe ansetzt, sich nicht hin- und herschubsen lässt - die Geburt eines Weltorchesters aus musikalischer Selbstbestimmung, so ungefähr haben wir das genannt, und das stiftet eine Tradition. Und die haben sich dann eben auch wirklich die aller- allerbesten Dirigenten geholt, und das hat sich ausgezahlt.
    Köhler: ..., sagt Matthias Winzen über die Frühgeschichte der Berliner Philharmoniker, im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts Baden-Baden zu sehen, und in zehn Tagen treten die dort auf bei den Osterfestspielen.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.