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Ausstieg aus der Laufzeitverlängerung

Vor dem Hintergrund des Atomkraft-Moratoriums stellt sich hierzulande die Frage: Wie schnell könnten erneuerbare Energien Strom aus Kernkraftwerken ersetzen?

Von Verena Kemna |
    Die Experten bei 8 KU, einer Kooperation von acht kommunalen Energieversorgern, haben eine Laufzeitverlängerung schon lange vor Fukushima für unnötig gehalten. Mit den notwendigen Investitionen in erneuerbare Energien sowie Kraft-Wärme-Kopplung könne die Energieversorgung gewährleistet werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch ein Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen. Inzwischen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Atomkraftwerke in Deutschland ein Moratorium angekündigt. Die Rede ist von einem dreimonatigen Stopp der Laufzeitverlängerung. Politische Taktiererei, meint dazu Olav Hohmeyer, Energieexperte des Rates für Umweltfragen. Er fordert eine komplette Rücknahme der Laufzeitverlängerung. Schließlich sei ein Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2020 ohnehin eine ganz reale Vision.

    "Komplett, sofort aus der Kernenergie auszusteigen, das halte ich weder für sinnvoll noch für notwendig. Einerseits produzieren wir bis zu vierzig Prozent unseres Stroms zu Zeit mit Kernenergie, und wenn Sie das auf einen Schlag ersetzen wollen, hätten Sie ein relativ großes Problem. Wir haben aber recht viele Kernkraftwerke und darunter einige sehr alte und sehr anfällige Kernkraftwerke."

    Pannenkraftwerke wie Krümmel oder Brunsbüttel, die seit vier Jahren fast ununterbrochen still stehen, sollten nie wieder ans Netz gehen. Kernkraftwerke der älteren Generation wie Biblis A müssten abgeschaltet werden. Schon in zehn Jahren könnten die erneuerbaren Energien fast die Hälfte des Strombedarfs decken. Der Ausbau von Leitungsnetzen und Speichersystemen gilt als größte Herausforderung beim Übergang in das Zeitalter der regenerativen Stromversorgung. Dafür werden in Deutschland etwa viertausend Kilometer neue Hochspannungsleitungen gebraucht. Nicht einmal einhundert Kilometer sind bereits neu gebaut.

    "Wir haben noch genug Zeit dafür, aber es wäre gut, wenn wir diesen Zwischenfall und dieses Nachdenken über die Kernenergie jetzt als Anlass dazu nehmen, um wirklich mit entscheidenden Schritten in Richtung auf eine langfristig nachhaltige, klimaverträgliche und risikoarme Stromversorgung zu marschieren."

    Claudia Kemfert ist beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin zuständig für Energie- und Umweltfragen. Von einem überstürzten Ausstieg aus der Kernkraft hält sie auch in Zeiten von Stromüberschuss gar nichts.

    "Man muss auch sehen, dass man damit Tür und Tor öffnet für neue Kohlekraftwerke. Da wäre ich strikt dagegen. Man kann die Kraftwerke, die wir haben, schon nutzen. Jetzt geht es um das Thema Sicherheit, auch das ist richtig und wichtig. Aber es ist wichtig, dass alle Kraftwerke in Europa und weltweit alle Sicherheitsanforderungen immer erfüllen. Das kann man nicht nur auf Deutschland fokussieren. Insofern wäre mein Wunsch, dass man auch ein bisschen Rationalität wieder einkehren lässt. Ich verstehe die Sorge, aber beim Energiekonzept muss man auch Augenmaß behalten."

    Sie fordert eindeutige Ausstiegsdaten für Kern- und Kohlekraftwerke. Gas als Energielieferant sei bisher unterschätzt worden.

    "Gas ist im Moment billig. Man kann es nutzen als Kraft-Wärme-Koppelung. Es ist sehr effizient, und es kann auch sehr gut kombiniert werden mit den erneuerbaren Energien, und das ist die eigentliche Brückentechnologie, die man im Energiekonzept bisher vergessen hatte. Also besser, deutlich besser als Kohle. Und dann macht es auch Sinn, dann kann man den Ausbau hin zu erneuerbaren Energien auch schaffen."