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StartseiteTag für TagDer Beton spricht11.09.2019

Austellung "Fluch und Segen" in KölnDer Beton spricht

In vielen Städten stehen Kirchen der Nachkriegszeit, die kaum noch für Gottesdienste genutzt werden und wegen ihrer Betonoptik ungeliebt sind. Was tun: abreißen und Wohnungen bauen? Oder würden wir etwas vermissen? Eine Ausstellung in der Kölner Kirche St. Gertrud schafft Raum zum Nachdenken.

Von Christiane Florin

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St. Gertrud Köln, "Fluch und Segen ", Kirchen der Moderne, Eine Ausstellung des M:AI NRW, (Michael Rasche)
Die Ausstellung "Fluch und Sgen" in der Kölner Kirche St. Gertrud fragt nach der Zukunft moderner Kirchenbauten, die nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden. (Michael Rasche)
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Levent Aktoprak: Statistiken zufolge sinkt in den beiden großen Kirchen in Deutschland die Zahl der Gemeindemitglieder und der Gottesdienstbesucher. Von den rund 6000 Kirchen allein in NRW sollen schätzungsweise in den nächsten Jahren 30 Prozent ihre ursprüngliche Funktion verlieren. Was bedeutet das für die Gemeinden? Was für die Gebäude? In der Kölner Kirche St. Gertrud widmet sich eine Ausstellung der Frage, wie moderne Kirchen genutzt werden, wenn sie kaum noch für Gottesdienste genutzt werden. Meine Kollegin Christiane Florin war dort. Frau Florin, was ist bei dieser Ausstellung "Fluch und Segen – Kirchen der Moderne" zu sehen?

Christiane Florin: Zu sehen ist zweierlei: Zum einen eine raffinierte Lichtstallation, zum anderen eine besondere Kirche in der Kölner Innenstadt, nämlich eine des Architekten Gottfried Böhm. Es ist eine Kirche aus Beton aus der ersten Hälfte der 1960er Jahre. Das Dach ist gestaltet wie ein Zelt, es hat eine gewisse Leichtigkeit trotz des Betons. Der Boden besteht aus Pflastersteinen. Wir sehen also Beton und Pflaster statt Marmor und Gold. Diese Kirche ist nicht profaniert, es gibt noch ein Kreuz, einen Altar, einen Tabernakel, aber die Kirche wird kaum noch für Gottesdienste genutzt. 

Was das Besondere an diesem Bau ist, was dieser Bau auslöst, erklärt die Kuratorin der Ausstellung "Fluch und Segen" Ursula Kleefisch-Jobst:

"Bei mir löst diese Kirche ein unglaubliches Erstaunen aus.  Wenn man von der belebten Straße, wo diese Kirche eigentlich gar nicht auffällt, weil sie sich nahtlos in die Häuserzeile einfügt. Wenn man entlanggeht, hat man das Gefühl: Wo ist hier der Kirchenraum? Dann tritt man durch eine schwere Tür in einem dunklen Kirchenraum. Man muss einen Moment stehen bleiben, damit sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Dann entspannt sich ein riesiger Raum vor einem mit einem Zeltdach als Abschluss. Dieser Gegensatz zwischen dem lauten, alltäglichen draußen und diesem ganz anderen Raum, dieser Dunkelheit und Stille, das fasziniert mich an diesem Raum. 

Auf diese Betonwände werden werden Gedanken geworfen.   

Sprechblasen wie im Comic

Aktoprak: Wie hat man sich das konkret vorzustellen?

Florin: Das Erkennungszeichen der Ausstellung ist eine stilisierte Kirche, so wie Kinder sie zeichnen würden: aus einer Linie, mit einem spitzen Turm. Diese Kirche steht Kopf. Dadurch entsteht die Form einer Sprechblase, wie man sie aus Comics kennt. In diese Sprechblasen werden Texte an die Betonwände geworfen: theologische Texte, Gedanken von Architekten, manchmal auch nur einzelne Wörter wie "Brot", "Wein", "Heilig". Kombiniert ist die Licht- mit einer Duftinstallation. Es riecht nicht nach Weihrauch, sondern nach Myrrhe.

Die Lichtinstallation dauert 15 Minuten. Sie beginnt mit dem Satz: "Fühlst du es?" Und endet mit einer Pause. Viel mehr passiert nicht: Man kann lesen, man kann aber auch einfach nur das Licht auf sich wirken lassen.

Wenn man mit einer gewissen Controller-Logik an die Sache herangeht, muss man sagen: Es gibt zu viele Kirchen. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt ab, immer weniger Kirchenmitglieder besuchen den Gottesdienst. Es gibt also einerseits eine Leere, die hier ins Bild gesetzt wird, in Kunst verwandelt wird. Andererseits besteht gerade in den Innenstädten ein großer Bedarf an Wohnungen. Also einfach die Betonkirche abreißen, Wohnungen bauen, fertig? Wollen wir das?  

Extravagante Räume

Aktoprak: Das frage ich: Wollen wir das?

Florin: In der Krypta von St. Gertrud gibt es eine kleine Ausstellung. Auf Schautafeln werden Beispiele dafür gezeigt, wie Kirchen anders genutzt werden können: als Wohnung, als Restaurant, als Synagoge, als Moschee, als Quartierstreffpunkt. In Mönchengladbach gibt es sogar eine Weiternutzung als Kletterhalle. Zu sehen ist auch auch eine Statistik geziegt, aus der hervorgeht, dass mehr als 90 Prozent der Befragten meinen, die beste Nachnutzung von Kirchen sei eine als Kulturspielstätte, als Konzertsaal zum Beispiel. Aber: Wir haben schon eine Menge ungenutzte bzw. umgenutzte Industriekathedralen. So viele Kulturspielstätten braucht man vermutlich nicht. 

Kuratorin Ursula Kleefisch-Jobst sagt zur Frage der sinnvollen Nutzung von Kirchen: 

Es ist eine schwierige Frage, wie wir mit diesen Kirchengebäuden umgehen. Denn wir haben auf der einen Seite das Problem, wir können sie nur erhalten, wenn sie neue Nutzungen erfahren. Auf der anderen Seite: Es sind sehr extravagante Räume, sehr schwierig. Die Besonderheit dieser Räume entsteht auch im Raumerlebnis. Wenn man daraus Wohnungen macht oder ein Restaurant - sehr starke Einbauten  - verlieren diese Räume ihre ursprüngliche Atmosphäre.  

Aktoprak: Gibt es denn nun zu viele Kirchen?

Florin: Die Frage würde ich gern an die Kuratorin weiterreichen. Sie sagt:

Es ist die Frage, als was wir diese Kirchenräume betrachten. Betrachten wir sie nur als Orte für den Sonntagsgottesdienst oder überhaupt für den Gottesdienst, dann haben wir zu viel. Wir können aber auch zurückgehen auf ganz ursprüngliche Funktionen von Kirchen als öffentliche Orte: in früheren Jahrhunderten fanden ganz profane Dinge in Kirchen statt, Krönungen, Gerichtstage, die Wende der DDR wäre ohne Kirchenräume nicht möglich gewesen, weil es die einzigen Orte waren, wo man sich etwas ungestört versammeln konnte.  Würden wir die Kirchen als öffentlichen Raum betrachten, dann haben wir vielleicht gar nicht zu viele, weil der öffentlich Raum im Stadtraum immer weiter verschwindet.

Aktoprak: An wen richtet sich die Ausstellung?

Florin: An jeden und jede, der/die darüber nachdenkt, wie sich Städte und Gesellschaften verändern und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Es geht hier auch um eine bestimmte Vorstellung von Öffentlichkeit und öffentlichem Raum, um die Konkurrenz zwischen öffentlichem und privaten Raum. Es gibt Begehrlichkeiten, gerade in den Großstädten, dass neuer Wohnraum entsteht. Das wäre privater Raum auf Kosten des öffentlichen Raums.

Hinzu kommt, dass viel Menschen als früher sagen: Religion ist Privatsache. Wer beten will, wer seine Religion praktizieren will, soll in die Privatkappelle gehen. Und für einen weiteren Aspekt macht die Austellung "Fluch und Segen" sensibel: Die Gebäude sind auch ein Sinnbild dafür, wie die Institution Kirche ihren Platz in der Gesellschaft sieht: offen für alle, für die Öffentlichkeit? Oder nur als Ort, an dem sich die Gläubigen, die Frommen sammeln?

Aktoprak: Was wäre die beste Nutzung?

Florin: Da muss ich wie Angela Merkel antworten: Ich habe darüber noch nicht zu Ende nachgedacht. Solange man noch nicht zu Ende gedacht hat, haben Kirchen immer noch die Möglichkeit, in Jahrhunderten zu denken, die Gebäude abzuschließen und so lange geschlossen zu lassen, bis einem etwas wirklich Gutes dafür eingefallen ist.

Die Ausstellung "Fluch und Segen. Kirchenbauten der Moderne" ist bis zum 10. November in St. Gertrud zu sehen. Gestaltet wurd sie vom Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW. Weiter Informationen unter:
https://mai-nrw.de/ausstellungen-und-projekte/fluchundsegen/

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