Dienstag, 31. Januar 2023

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Austern-Wildwuchs vor Sylt

Für viele Urlauber gehört es zum Inselprogramm, Sylter Royal-Austern zu schlürfen. Seit zwanzig Jahren werden sie im Wattenmeer vor List gezüchtet. Die Tiere verbreiten sich stetig. Seit Anfang des Jahres darf die Austernfirma dort sogar Bruttiere sammeln. Den Naturschützern passt das nicht.

Von Jasper Barenberg | 29.08.2005

    Der Kenner weiß die Sylter Royal zu schätzen. Ein leicht nussiges Aroma wird der Auster nachgesagt und ein mild salziger Geschmack. Das Geschäft brummt. In der Probierstube in List lassen sich betuchte Urlauber die Delikatesse derzeit gleich frisch auf den Teller servieren. In den Betriebsräumen dahinter wird die edle Muschel in zünftige Bastkörbchen zwischen Reet gebettet, verschnürt und in alle Himmelsrichtungen verschickt. Gütesiegel Schleswig-Holstein inklusive. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen - jedenfalls wenn man Bine Pöhner von Dittmeyer’s Austern-Company fragt.

    "Die Pazifische Felsenauster hat sich als sehr robust erwiesen und fühlt sich hier in dem Klima sehr wohl. Das Wattenmeer ist ja ein Biotop, auch von den Naturschützern stark beäugt, fernab von Wasserschifffahrtsstraßen oder Schwerindustrie. Und das Wattenmeer ist sehr nährstoffreich. Und die Auster ist ja ein Filtertier und filtert sich die ganzen Nährstoffe aus dem Wasser heraus."

    Was aber die Firma Dittmeyer als großen Zuchterfolg feiert, sorgt bei Naturschützern für Unruhe.

    "Zur Überraschung aller haben schon einige Jahre später die ersten Brutfälle eingesetzt - sprich, die Auster hat sich ausgebreitet und macht das wohl auch in den letzten Jahren vor allen Dingen ganz stetig und hat mittlerweile große Flächen auch schon besiedelt. Natürlich nicht das ganze Wattenmeer; aber es gibt, ausgehend von den Zuchtanlagen in List, etliche Flächen Wattenmeer, die stark besiedelt sind."

    In den Augen von Carsten Pusch vom Naturschutzbund NABU in Schleswig-Holstein ist das ein Problem. Weil sich mit der Pazifischen Auster eine fremde, ursprünglich nicht heimische Austernart ausbreitet. Eine unmittelbare Verantwortung der Firma Dittmeyer für den Wildwuchs lässt sich zwar nicht zwingend nachweisen. Auszuschließen ist sie aber ebenso wenig. Weitaus stärker noch befremdet die Naturschützer allerdings ein Vertrag, den die Landesregierung erst kürzlich mit dem Unternehmen abgeschlossen hat.

    Er gestattet der Firma Dittmeyer, im Wattenmeer Nachwuchs von der pazifischen Auster oder von anderen Austern zu sammeln und für die eigene Zucht und den Verkauf zu nutzen. Vor zwanzig Jahren hat der Fruchtsaft-Unternehmer Dittmeyer damit begonnen, im Wattenmeer vor List auf Sylt die Pazifische Auster zu züchten und als "Sylter Royal" zu verkaufen. Seitdem hat die aus der Irischen See stammende Muschelart das Wattenmehr nördlich der Insel erobert - zunächst langsam, seit einigen Jahren aber immer rascher. Seit Anfang des Jahres gestattet die Landesregierung dem Unternehmen nun, auch Brutaustern im Watt zu sammeln und für die eigene Zucht zu verwenden. Bei Naturschützern aber stößt diese Vereinbarung auf Vorbehalte.

    "Es ist keine traditionelle Nutzung, es werden keine neuen Arbeitsplätze geschaffen; es ersetzt auch nicht den Import der irischen Zuchtauster, sondern das muss weiter stattfinden, das hat die Firma Dittmeyer auch bestätigt. Und letzten Endes haben wir auch ein Nationalparkgesetz, was mit einer derartigen, für eine einzelne Person zugeschnittenen Nutzung weiter unterhöhlt wird. Und das sehen wir eigentlich so ein bisschen als eine salamischeibenartige Aushöhlung des Schutzstatus im Nationalpark."

    Wird der Naturschutz rund um Sylt also zum Vorteil eines einzelnen Unternehmens ausgehebelt? Nicht nur die Firma Dittmeyer widerspricht und verweist auf strenge Kontrollen durch die zuständigen Behörden. Das tut auch Christian Seyffert vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt in Kiel. Das Projekt sei zudem auf drei Jahre befristet und mit etlichen Auflagen verbunden.

    "Wir reden hier von einer Fläche, die insgesamt ca. 45 Tausend Hektar groß ist. Festgelegt für das Sammeln der Besatzaustern ist eine Fläche von bis zu einem Prozent! Es dürfen dort nicht Legionen von Sammlern durch den Nationalpark streifen sondern maximal zehn Sammler. Also, die Bedenken der Naturschützer werden wirklich ernst genommen. Ich denke aber, wir tragen mit dem, was wir mit der Firma ausgehandelt haben, dem wirklich Rechnung."

    Geht es allerdings um eine Abwägung zwischen möglichen ökologischen Folgen auf der einen und dem möglichen wirtschaftlichen Nutzen auf der anderen Seite, macht man im neuerdings von der CDU geführten Ministerium keinen Hehl daraus, wo die Prioritäten liegen.

    "Wir haben ja auch die Absicht, nicht unbedingt zum europäischen Austernzuchtzentrum zu werden - das vielleicht nicht. Aber wir wollen ja auch gerne den Bereich Marine Aquakultur stärken, weil wir denken, dass das eine Zukunftschance für das Land auch in Zukunft sein könnte. Und von daher ist es nicht ausgeschlossen, dass sich hier eine Umwegrendite gerade dadurch für das Land entwickelt."

    Diese Zielsetzung jedoch dürfte die Bedenken auf Seiten des NABU nur noch verstärken. Für Carsten Pusch jedenfalls sind schon heute viel zu viele Fragen unbeantwortet.

    "Was passiert eigentlich durch diese Ausbreitung? Welche Arten werden davon betroffen - werden überhaupt welche davon betroffen? Welche Arten werden verdrängt? Welche kommen vielleicht gar nicht mehr an die Oberfläche ran? Werden vielleicht auch Nahrungsräume für andere Organismen verschlossen, abgedeckt? Da gibt es sicherlich eine Vielzahl von anderen Fragestellungen, die man eigentlich dringend einmal untersuchen müsste."

    Der Naturschützer fordert deshalb eine gründliche Umweltverträglichkeitsprüfung. Um die Folgen einer wirtschaftlichen Nutzung zu bedenken, bevor ihr im empfindlichen Biotop des Wattenmeers Tür und Tor geöffnet wird.