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StartseiteKultur heuteAusverkauf der Kunst27.02.2013

Ausverkauf der Kunst

Das Rotterdamer Völkerkundemuseum will Teile seiner Sammlung versilbern

Aufregung in der Kunstszene: Stanley Bremer, Direktor des Völkerkundemuseums Rotterdam, will 10.000 Objekte der Sammlung verkaufen, um künftig mit den Erträgen das Museum unterhalten zu können. Andreas Blühm, Direktor des Groninger Museums, warnt: Ein Museum müsse bewahren, sonst drohe Vertrauensverlust.

Andreas Blühm im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Das Museum in Rotterdam will unabhängig von Subventionen werden.  (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)
Das Museum in Rotterdam will unabhängig von Subventionen werden. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Stefan Koldehoff: "Bleiben wir ein aktives Museum, das international eine Rolle spielt, oder siechen wir langsam dahin?" Das ist die Frage, die sich Stanley Bremer, der Direktor des städtischen Völkerkundemuseums in Rotterdam, gestellt hat, und er ist auch zu einem Ergebnis gekommen. Deshalb sollen nun rund 10.000 Objekte des Hauses aus Afrika verkauft werden. Erhoffter Erlös: 70 bis 110 Millionen Euro – so viel, dass das Museum von den Erträgen künftig ohne Subventionen leben kann. Andreas Blühm ist Direktor des Groninger Museums, auch in den Niederlanden. Ihn habe ich vor der Sendung gefragt, ob er denn auch schon mal überschlagen hat, auf welche van Goghs man sich in seinem Haus vielleicht künftig konzentrieren könnte, weil sie verkauft werden sollten?

Andreas Blühm: Nein, würde ich auch nicht wollen. Diese Versuche, Sammlungen oder Teile der Sammlung wieder los zu werden, die haben natürlich schon eine Geschichte. Es ist immer wieder dieselbe Sache. Ich glaube gar nicht, dass es sich lohnt. Die Dinge, die man los werden möchte, weil sie einem zu viel werden, die bringen es nicht, und die wertvollen Dinge, die es bringen, die will man eigentlich nicht los werden. Also ich kann diese Diskussion, die da in Rotterdam gerade geführt wird, nicht nachvollziehen.

Koldehoff: Können Sie denn sagen, ob es eine ernsthafte Diskussion ist, oder ob das mehr oder weniger der verzweifelte Wink mit der Bahnschranke ist, wir brauchen mehr Geld, sonst müssen wir zum Äußersten, nämlich zum Verkauf gehen?

Blühm: Ich fürchte allmählich, dass es dort durchaus Ernst ist. Wenn es sich jetzt nur um Druck von außen handeln würde, damit müsste man leben können. Das gibt es in Deutschland, das gibt es in Holland immer wieder. Frage: Ihr habt ja so viel im Depot, warum verkauft ihr das denn nicht. Man fragt ja eigentlich auch eine Bibliothek nicht, warum verkauft ihr nicht euere Bücher, die werden ja auch nicht alle gleichzeitig gelesen. Es hat auch einen Fall gegeben, auch in Holland, in Gouda, wo ein Direktor selbstständig ein Werk verkauft hat, um ein Haushaltsdefizit damit auszugleichen. Er wurde auch sehr stark gescholten von der Kollegenschaft. Man sollte den Anfängen wehren, denn das meiste, was wir Museen ja bewahren, das haben wir oft gar nicht selber gekauft oder besitzen es selbst gar nicht, oder es ist uns mal geschenkt worden. Wenn wir also anfangen, das Vertrauen derjenigen zu missbrauchen, die uns etwas gegeben haben oder etwas gekauft haben, also Stifter oder Steuerzahler, dann können wir wirklich zumachen, denn das wird am Ende eine Rechnung sein, die teurer wird als der kurzfristige Gewinn.

Koldehoff: Sie sind, Herr Blühm, bis Ende vergangenen Jahres Direktor des Wallraf-Richartz-Museums in Köln gewesen, deswegen kennen Sie die Situation in den deutschen Museen auch sehr gut. Da klagen Ihre Kollegen ja seit langem darüber, dass kaum mehr ein Haus noch über einen Ankaufsetat, geschweige denn über ein ausreichendes operatives Budget verfügt. Ist das in Holland anders? Lebt man da noch etwas paradiesischer?

Blühm: Nein, durchaus nicht, zum Teil sogar noch schlimmer, denn hier ist der Sparzwang auch groß und die Mentalität ist so, dass man da viel geschäftsmäßiger noch herangeht und dann auch gerne mal ein Museum über die Klinge springen lässt. Was nur zum Teil verhindert werden konnte: Das Rijksmuseum Twenthe in Enschede bekommt Subventionen auch vom Staat und der Staat meinte, na ja, das hat eine interessante Sammlung, aber die ist vielleicht nicht von nationaler Bedeutung und man könnte den Laden zumachen. Das geht dann schon ans Eingemachte und das ist eine Diskussion, die in der Schärfe nicht einmal in Deutschland geführt wird.

Koldehoff: Nun haben Sie gerade gesagt, im Kollegenkreis ist der Protest dann sehr schnell da und auch sehr laut. Wie nimmt das die Öffentlichkeit wahr? Hier in Deutschland gab es neulich den Versuch des Direktor des Lehmbruck-Museums, diskutieren zu lassen, ob man sich nicht von einer Giacometti-Skulptur trennen könne. Da gab es dann auch in der Öffentlichkeit große Proteste. Hören Sie die in den Niederlanden im Moment auch?

Blühm: Ja, die gibt es auch. Die wird auch über die Medien geführt. Das kann nie genug sein natürlich, das muss immer mehr sein. Man wünschte sich wirklich einen breiten Protest. Aber sobald es in der Tat auch um regionale Dinge geht, dann werden die Stimmen laut. Es gibt genug vernünftige Leute, die sagen, unser kulturelles Erbe, lasst das bitte in Ruhe, wir haben andere Probleme und wir haben vielleicht auch andere Sparmöglichkeiten. Aber wir Nationen leben ja auch von unserem kulturellen Gedächtnis und auch von der Kreativität, die das bei der jetzigen Generation auslösen soll. Wenn wir also an unserem geistigen Kapital herangehen, dann ist das nicht gut.

Koldehoff: Wenn Ihr Kollege in Rotterdam nun sagt, 5,2 Millionen Euro bekommen wir pro Jahr von der Kommune, die dieses Völkerkundemuseum in Rotterdam trägt, das soll um 40 Prozent gekürzt werden, dann klingt das natürlich schon bedrohlich. Welche anderen Möglichkeiten hat er, außer zu verkaufen? Hat die Politik ein offenes Ohr für die Sorgen der Museen?

Blühm: Schwierige Frage. Manche Museen haben auch ein bisschen hausgemachte Probleme. Sie haben sich – das ist ein Eindruck, den ich habe – oft von der Kernfunktion gelöst, nämlich dem Bewahren des Erbes und der Vermittlung und der Forschung, und haben, vielleicht auch unter dem Druck von Zahlen oder von vermeintlichen Interessen des Publikums, die Ausrichtung abgeschweift und sind Häuser geworden, in denen das Event, die Party, der Abend, das Essen für die Sponsoren wichtiger genommen wird als die Kernfunktion, und das rächt sich auch. Wenn die Museen selbst nicht mehr wissen, wofür sie eigentlich da sind, dann können sie sich auch nicht beschweren, wenn Politiker auf dumme Ideen kommen.

Koldehoff: …, sagt Andreas Blühm, der Direktor des Groninger Museum in den Niederlanden.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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