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StartseiteUmwelt und VerbraucherAuto nur noch drittrangig01.10.2012

Auto nur noch drittrangig

Europas Umwelthauptstadt Vitoria Gasteiz will weg vom Auto

Vitoria Gasteiz im Baskenland ist in diesem Jahr Europas Umwelthauptstadt. 250.000 Menschen profitieren von vorbildlichen Lösungen im Verkehr. Die Stadtoberen setzen dabei auf Anreize und auf Verbote.

Von Benjamin Hammer

Fahrräder werden in Vitoria Gasteiz bevorzugt. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Fahrräder werden in Vitoria Gasteiz bevorzugt. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

So stellen sie sich bestimmt den Verkehr einer Stadt in Südeuropa vor. Es ist heiß, es ist laut und sie stecken im Stau. Aber die Wahrheit über eine Stadt in Südeuropa – sie kann auch anders klingen. Vor allem leiser.

Fahrt mit dem Fahrrad durch Vitoria-Gasteiz. In der Mitte der Avenida Gasteiz fährt die Straßenbahn, es gibt eine breite Fußgängerzone und zwei Radwege. Das Auto, so der Wille der Stadtverwaltung, soll in Zukunft nur noch eine Nebenrolle einnehmen.

Mit diesem Ansatz bekamen die Spanier in diesem Jahr den EU-Titel Umwelthauptstadt. Ein weiterer Grund: Der niedrige Wasserverbrauch, der ist nur halb so groß wie der spanische Durchschnitt.

Wenn man die Menschen von Vitoria fragt, warum ihre Stadt denn anders sei, als das Klischee über Südeuropa, dann zeigen sie auf die Berge ihrer Region, die man von fast überall sehen kann. Vitoria liegt auf 500 Metern, die Nähe zur Natur habe eine ganze Stadt geprägt.

In einer der neun Buslinien sitzt Laura Mondragon. Die junge Spanierin fährt inzwischen nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit.

"Wir sind einfach ziemlich grün, so einfach ist das! Zum Beispiel recyceln wir den Müll. Vielleicht hat uns das den EU-Titel eingebracht. Ich glaube schon, dass wir uns damit von anderen spanischen Städten abheben, Vitoria ist umweltfreundlicher und sauber. Der öffentliche Nahverkehr zum Beispiel, der wird von den Leuten angenommen und die Fahrräder genauso."

Nicht alle Bewohner von Vitoria sind so begeistert wie Laura. Wer die andere Seite der Medaille kennenlernen möchte, der muss sich nur in ein Auto setzen, zum Beispiel in das Taxi von Íñigo.

"Wenn du hier im Auto arbeitest, dann ist es manchmal wirklich hart. Wir haben hier den Respekt voreinander verloren, Autofahrer, Fußgänger, Fahrradfahrer. Es ist doch so: An erster Stelle kommen in dieser Stadt die Fußgänger, dann kommen die Fahrradfahrer und dann erst die Autos. Die Autos sind hier nur noch zweitrangig."

Íñigo biegt von der Avenida Gasteiz in Richtung der alten Kathedrale. Spätestens hier ist Schluss für gewöhnliche Autofahrer.

"Wir sind jetzt in der Straße Adriano IV., da vorne beginnt die Altstadt. Wir dürfen hier mit dem Taxi weiterfahren, die anderen nicht. Da sind Kameras – und - wenn du hier weiterfährst, dann nimmt die dein Nummernschild auf."

200 Euro kostet es, wenn man unerlaubt in die Altstadt fährt. Für Autonarren ist das eine Horrorvision. Für Miguel Ibarrondo ein Schritt in die Zukunft. Der Planer der örtlichen Verkehrsgesellschaft hat den Wandel in seiner Stadt mitentwickelt. Vor vier Jahren stellte er über Nacht den kompletten öffentlichen Nahverkehr um. Mit Erfolg: Seit der Offensive sei die Zahl der Passagiere um 60 Prozent gestiegen.

"Es ist nicht leicht, die Leute vom Auto wegzubewegen. Aber hier geht es um etwas Fundamentales: Wenn wir wollen, dass unsere Kinder in einer besseren Umwelt leben, dann müssen wir jetzt nachhaltiger werden. Und der öffentliche Verkehr ist dafür ganz wichtig."

Das grüne, nachhaltige Vitoria-Gasteiz - eine Idee, die im Kleinen funktioniert. Ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt bekommt die Vision jedoch einen Dämpfer. Dort soll ein neuer Hochgeschwindigkeitsbahnhof entstehen, daneben ein neuer Busbahnhof, den auch die Busse von Miguel Ibarrondo ansteuern sollen. Aber: Es ist Euro-Krisenzeit, besonders in Spanien. Und wann der Bahnhof gebaut werden kann, ist völlig unklar.

"Für den Bahnhof müssen wir die Gleise unter die Erde verlegen. Das kostet viel Geld und wir warten im Moment auf Entscheidungen der Regierung."

Unterirdische Gleise, das ist ein Stück Stuttgart 21 in Vitoria-Gasteiz. Bis die moderne Zugstrecke kommt, quält sich ein Bummelzug nach Madrid. Der braucht über sechs Stunden für weniger als 400 Kilometer. Bleibt der Umstieg auf's Auto. Spätestens beim Verlassen von Vitoria-Gasteiz kann es also wieder ziemlich laut werden.

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