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StartseiteDeutschland heuteSchnelle Rast für die Seele29.06.2015

AutobahnkircheSchnelle Rast für die Seele

Die erste Autobahnkirche wurde 1958 in Adelsried an der A8 eingeweiht. Stück für Stück kamen neue hinzu, mittlerweile gibt es bundesweit 43 Autobahnkirchen. Wer hier Halt macht, will vom Reisestress runterkommen oder innhalten. Die Einträge in den ausliegenden Anliegenbüchern zeugen von den Sorgen und Anliegen der Reisenden.

Von Christoph Richter

Die neu eingeweihte Autobahnkirche Grabfeld (Thüringen) an der Bundesbahn 71 am Rastplatz Thüringer Tor.  (dpa / picture alliance / Michael Reichel)
Die neu eingeweihte Autobahnkirche Grabfeld (Thüringen) an der Bundesbahn 71 am Rastplatz Thüringer Tor. (dpa / picture alliance / Michael Reichel)
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Gott wohnt an der A45

"Mal eben Zwischenstopp. Beten. Und mit Karacho weiter."

Der junge Mann aus dem Ruhrgebiet um die 30 - in abgeschnittenen Jeans und Handgelenktäschchen im Arm - ist auf dem Weg nach Polen. Und ein regelmäßiger Autobahnkirchen-Besucher. Er beobachtet, dass viele kommen, um einfach runterzukommen vom Reisestress.

"Ja, es gibt sehr viele Gläubige, die sich dann mal die Zeit nehmen, die fünf Minuten anhalten, ne Kerze anzünden."

Die 800 Jahre alte romanische Kirche St. Benedikt liegt bei Magdeburg, direkt an der vielbefahrenen A 2. Ein langgestreckter Saalbau mit dunklen holzvertäfelten Kirchbänken und einer imposanten Empore, selbst auf dem Friedhof hört man das Grundrauschen der Autobahn.

Noch vor ein paar Jahren stand die Kirche in Hohenwarsleben kurz vor dem Verfall, bis man sie mit viel ehrenamtlichen Engagement saniert hat und aus ihr 2002 eine Autobahnkirche gemacht hat, sagt Pfarrer Peter Herrfurth.

"Damals gab es in Sachsen-Anhalt noch überhaupt keine Autobahnkirche. Wir haben uns überlegt, wir sind so nah an der Autobahn, die Kirche wollen wir aufmachen. So ist die Idee Autobahnkirche gekommen."

Tagsüber sind die Türen der Kirche immer offen, 365 Tage im Jahr. Jeder ist willkommen.

Das Einzige was man von den Besuchern erfährt, ist in den ausliegenden Büchern nachzulesen, dem sogenannten Anliegenbuch. Das liegt in Hohenwarsleben in einer kleinen Nische und bietet dem Besucher die Möglichkeit kurz inne zu halten, um ein Gebet oder einfach eigene Gedanken aufzuschreiben.

"Man kann natürlich sagen, das ist eine einseitige Kommunikation, die Leute schreiben was rein. Aber: Andere lesen, was da drin steht und nehmen Anteil, was anderen durch den Kopf geht. Und wer in dem Buch liest, wird das ganze Spektrum des Lebens finden, das ist schon wichtig."

Manche bitten da um einen neuen Arbeitsplatz, andere wollen, das ihre Fußballmannschaft gewinnt oder haben Sorgen, weil ein Freund verstorben ist.

Auch Dieter Althaus macht regelmäßig Zwischenstopp

Die erste Autobahnkirche wurde 1958 in Adelsried bei Augsburg an der A 8 eingeweiht. Stück für Stück kamen neue hinzu, mittlerweile gibt es bundesweit 43 solcher Autobahnkirchen. Während im Osten die Besucherströme recht überschaubar sind, kommen im Süden und Süd-Westen der Republik in die Autobahnkirchen jährlich bis zu 20.000 Besucher. Zum Vergleich: In Hohenwarsleben bei Magdeburg sind es gerademal 5 - 6.000 Besucher. Einer der Prominenten, der auf seinen Reisen immer wieder Autobahnkirchen ansteuert, ist der frühere thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus:

"Gibt ja Autofahrer und ich zähl mich dazu, wenn lange Strecken zu fahren sind, dass man da ganz gerne mal sich ein Stück zurückzieht. Weg von der Autobahn, aber nur wenige Meter, weil man sich besinnen will. Da ist eine Autobahnkirche eine gute Gelegenheit."

Meistens kommen einsame Pendler oder Urlauber. Pfarrer Peter Herrfurth, Vater zweier erwachsener Töchter, beobachtet aber auch Besucher, die fast jeden Tag wiederkommen. Manager, die täglich kurz einen Stopp in der Autobahnkirche Hohenwarsleben einlegen.

"Hier kommen auch Polen und Letten und Niederländer , die hier durchrauschen. Die kommen hier rein. Man sieht im Anliegenbuch Eintragungen in sehr vielen Sprachen."

Angelehnt ist die Idee der Autobahnkirchen an die Wegekapellen, die seit dem Mittelalter für Wanderer, Pilger und Reisende am Wegesrand gebaut wurden. Organisiert wird das Netz der Autobahnkirchen von der Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen.

"Auch haben wir Gruppen jüdischen Glaubens hier schon gehabt, die auf einer Durchreise Station gemacht haben. Auch Muslime sind hier schon gewesen. Also, ein Offensein für alle, das ist das Grundanliegen."

Eine ADAC-Studie besagt, dass sich die Gäste einer Autobahnkirche nach einem Besuch viel gelassener und rücksichtsvoller bewegen, womit Autobahnkirchen ihren Teil auch zur Verkehrssicherheit beitragen.

Was man allerdings nicht leisten kann, dass ständig ein Seelsorger da ist, mit dem die Reisenden sprechen können, unterstreicht Pfarrer Herfurth.

"Die Idee einer Autobahnkirche ist nicht die eines Seelsorgers vor Ort, sondern es ist der seelsorgerische Ort. Ich mach die Erfahrung, dass die meisten den Ort relativ schnell wieder verlassen. Die möchten kein Gespräch haben, sondern die suchen den Ort auf, um dort zur Ruhe zu kommen."

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