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StartseiteCorsoSich gegenseitig Geschichten erzählen23.02.2015

AutorenwerkstattSich gegenseitig Geschichten erzählen

"In Zukunft" soll Stücken, die aus der Seele der Bevölkerung sprechen, Migrationsthemen, ein Forum geben. Gestern wurden in Essen die sieben Stücke des zweiten Durchgangs präsentiert - und eine Siegerin gekürt.

Von Christiane Enkeler

- "Ich habe mit einem Fragment angefangen, eine Idee, die ich Anfang 2011 entwickelt hab, anlässlich der ägyptischen Revolution und mit dieser Idee habe ich mich hier beworben."

Tania Folaji ist in Berlin geboren. Ihr Vater kam aus Nigeria. Ihr Stück "Disko Hurghada" ist eine böse Revolutionssatire zwischen Ägypten und Deutschland. Ihre Grundidee:

"Was wäre, wenn 2011 lauter Deutsche in einer Diskothek gesessen hätten, in einer ägyptischen Diskothek, und einer der deutschen Urlauber an einer Angststörung leidet und sich in die Luft sprengt."

Der angstgestörte Selbstmörder wird in den Medien fälschlicherweise als Salafist gehandelt. Für eine Arbeitslose wird die Explosion zur Morgenröte, an der sie eine Revolution entzündet. Zu der kommt aber keiner, außer einer Rollstuhlfahrerin, die auch mal was "auf die Beine stellen" will.
Tania Folaji ist diplomierte Film- und Fernsehdramaturgin. Nun gehört sie zu einer Gruppe von sieben Autorinnen und Autoren, die im vergangenen Jahr gemeinsam Stücke entwickelt hat. Manche sind in Deutschland geboren. Andere kamen als Jugendliche aus Novosibirsk, aus Syrien, dem Iran oder dem Irak. Für die Preisverleihung liest die Runde reihum mit verteilten Rollen, ähnlich wie bei den Arbeitssitzungen.

Der Iraker Musaab Al-Tuwaijari ist seit neun Jahren in Deutschland, hat hier Psychologie studiert und arbeitet nun in einer Beratungsstelle für Migranten. Für sein Stück "Ausgangssperre" wählt er den israelisch-palästinensischen Konflikt als Rahmen. Die humoristische Grundstimmung von "Ausgangssperre" treibt die absurden Aspekte von Themen wie Kampf, Diktatur und Krieg auf die Spitze.

"Die erste Waffe heißt Tomahawk und ich lass sie persönlich zu ihnen sprechen: Es herrscht zunächst Stille, dann fängt die Wasseroberfläche an zu vibrieren und es wird noch stiller, ich komme raus wie eine Magma, die Millionen von Jahren auf ihre Erlösung wartete. Der Unterschied ist, ich weiß genau wo ich hin will."

Die Eingeschlossenen erzählen sich Geschichten – so etwas kennt man in Europa aus existentialistischen Dramen und Novellensammlungen. Seminarleiterin Maxi Obexer:

"Ich glaube, wenn Menschen zusammentreffen, die per se so eine kleine Weltbevölkerung ausmachen, dann wird man automatisch andere Geschichten zu hören bekommen, andere Erfahrungen zu hören bekommen, aber es ist ja auch nicht so, dass sich das ganz eindeutig trennen lässt. Die Autorinnen hier, die sind ja auch schon mit dem europäischen Theater vertraut. Da geht es um gegenseitige Einflussnahme."

"Natürlich sind sie Repräsentanten der Gesellschaft hier. Das ist auch wichtig", hebt Dramaturg Christian Scholze hervor: "Die politischen Themen, die dann auftauchen, haben nichts jetzt in dem Sinn mit Wirtschaftskrisen zutun."

- Obexer: "Doch, bei Laia schon."
- Scholze: "Ja, okay. Aber ich finde, weniger. Wenn man dann aber zum Beispiel so eine Konstellation hat: Man hat eine Ausgangssperre, diese existentielle Notsituation, da würden mir nicht so wahnsinnig viele biodeutsche Autoren einfallen, die so eine Ausgangskonstellation platzieren."

Laia Álvarez i Mestres Stück heißt "Der siebente Kreis" und handelt von der spanischen Immobilienkrise. Alle 15 Minuten, hat sie recherchiert, wird in Spanien jemand zur Räumung gezwungen. Danach darf man keine Wohnung mehr mieten und bleibt Schuldner.

In Álvarez i Mestres Drama springen die Figuren am Ende aus stummer Verzweiflung vom Balkon, unfähig, miteinander zu reden. Die Krise findet im Privaten still und in der Öffentlichkeit laut statt, zum Beispiel in einer Talkshow.

- "Mein Freund hat es nicht ausgehalten."
- "Was hat er gemacht?"
- "Er hat sich umgebracht, das war zu viel für ihn."
- "Och, das tut mir Leid, Lucia. Oh, ich höre gerade, unsere Sendezeit läuft ab. Möchtest du noch etwas zu unseren Zuschauern sagen?"

Laia Álvarez i Mestre hatte in Barcelona bereits ein ein Journalismusstudium abgeschlossen, studiert nun aber Schauspiel in Deutschland.

"Für mich ist Schauspiel sehr wichtig, da wird sozusagen das Wort verkörpert, und die Autoren sind praktisch die Personen, die dieses Wort schaffen. Und es ist jetzt gerade für mich Kunst der einzige Weg, etwas zu verändern."

Thematisch oder stilistisch gibt es bei "In Zukunft" keine Vorgaben. Daraus sind ganz unterschiedliche Texte entstanden. Nicht durchgehend brilliant, reißen sie doch den Horizont der deutschen Gegenwartsdramatik auf. Worum es bei "In Zukunft" zunächst einmal geht, ist, die Vielfalt der deutschen Landschaft auch auf die Bühne zu bringen. Wenn das irgendwann zur Normalität geworden sein sollte, hat bereits eine Bewusstseinsänderung stattgefunden.

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